Michael Hofstetter, Kay Winkler: Verspielen 

 

 

Kunstpavillon
Alter Botanischer Garten am Stachus
Sophienstr. 7a
80333 München

 


Pressetext: Stefan Schessl



Austellungseröffnung: 14. September 2012 19.00 Uhr
Dauer der Ausstellung: 14. September – 21. Oktober 2012

In der Ausstellung „Verspielen" im Kunstpavillon im Alten Botanischen Garten treffen zwei Künstler aufeinander, die in ihrer künstlerischen Entwicklung und Haltung kaum unterschiedlicher sein könnten.

Kay Winkler (*1956) studierte Bildhauerei und untersucht in seinem Werk Facetten und Probleme der Skulptur, vor allem der Moderne. Die Ausdruckskraft von Materialität und die Tauglichkeit des Formvokabulars werden in eine Wechselwirkung mit dem gegebenen Ort gebracht. Diese Rückbindung an den Kontext und die Neumontage der Elemente stehen immer in Verbindung mit existenziellen Fragestellungen.

Michael Hofstetter (*1961) studierte erst Malerei und Grafik, bevor er zur Fotografie wechselte. Diese wurde ihm dann zum „Werkzeug", mit dem er den klassischen Produktionsbegriff von Kunstwerken auf scharfsinnige Weise gläubig verrät. Seine bildhauerischen Arbeiten zeigen sich daher von ihrem eigenen Ende her: Indem das Kunstwerk der Wahrnehmung des Betrachters schon längst überantwortet ist.

Im Beschluss, ihr eigenes Werk zu „vergessen", tappen die beiden Künstler nicht in die Falle, den durch seine faschistische Vergangenheit kontaminierten Kunstpavillon als white cube aufzufassen. Sie wissen, dass er nicht als neutraler Fond fungieren kann, um fertige Werke auszustellen. „Verspielen" ist daher ein Zusammenspiel von zwei Arbeiten mit dem Ort. Alle Bestandteile sind so eng verzahnt und so beziehungsreich aufeinander verwiesen, dass es unmöglich ist, diese nicht als EIN Werk wahrzunehmen.

Kay Winkler modellierte das Porträt seines Mitspielers Michael Hofstetter zuerst in Ton und fertigte daraus eine Replik aus schwarzem Teer, die in einer riesigen Taucherglocke schwimmt. Dieser Kopf und seine künstliche Sphäre stehen inmitten des großen kubischen Raumes unter dem Oberlicht des Glasdaches. Aber dieses Licht ist zu Beginn der Ausstellung verdunkelt durch eine Unmenge schwarzer, gasgefüllter Riesenluftballons, die unter dem Glasfenster hängen. Auf den schwarzen Ballonen ist eine Vasenzeichnung von Hofstetter in Weiß aufgedruckt. Das Motiv zeigt eine Hommage an die „Herrin der Tiere", die Jagd- und Erdgöttin, die uns als Artemis überliefert ist. Im Laufe der Ausstellung werden die Blasen ihren Weg zum Boden zurückfinden und das Licht wieder freigeben. Jetzt erst steht die Taucherglocke im Hellen. Kontrapunktisch dazu wird die Ballonblase in ihrer Realität sichtbar: ein schwarzer Gummilappen, der sprichwörtliche Bodensatz, der dumme materielle Rest.

Ein Ballon muss leicht sein, sonst kann er nicht steigen, und die Taucherglocke muss schwer sein, denn sie soll sinken, obwohl sie mit Luft gefüllt ist. In dieser Vertauschung von Schwer und Leicht, in der Verdrehung des Offenen und Geschlossenen zeigt sich die Kunst als etwas, das durchaus Blasen bildet. Auch der Künstler agiert aus seiner Blase heraus, Notwendigerweise. Auf der anderen Seite verliert sich der Betrachter auf seine Weise im interpretatorischen Gewirr, im Labyrinth der Verweise und Metaphern. All diesen Anspielungen ausgesetzt, schwimmt in seiner eigenen Blase und bleibt darin mehr oder weniger gefangen. Die faschistische Architektur, die den Über-Rahmen der Ausstellung bildet, verstärkt das Bild. Die monolithische Architektur ist ja selbst schon die Manifestation der Blase schlechthin, eine Setzung von Totalität, in der die Vergänglichkeit nicht vorkommt, sondern nur als Flucht in noch Größeres, Umfassenderes und Geschlosseneres.

Die faschistische Architektur mit ihrer Verewigung der Blasen und tausendjährigen Sphäre unterscheidet sich gerade hier von der Kunst, nämlich in der Ignoranz dem Bodensatz gegenüber, in der Verkennung der materiellen Gegebenheiten.

Die Kunst, insofern sie ihrem Namen gerecht wird, ist ein ergebnisoffener Prozess, und sie versucht wie hier, ihre eigenen Bedingungen mit zu denken. In dieser Offenheit sieht sie auch ihrer eigenen Vergänglichkeit ins Auge; die Blasen expandieren nicht ewig. Jede Taucherglocke muss irgendwann wieder nach oben – will der Taucher nicht in seiner Sphäre ersticken.

Stefan Schessl