Michael Hofstetter, Baugrund, 2007/10
194 x 640 x 480 cm,
Paletten, Holz, Rollrasen, Draht, Spiegelplexiglas, Pappe, Glühbirnen

 

 

 

Essay: Tanja Ruzicska, 2010

Baugrund von Michael Hofstetter

Die Größe variiert. Das Maß wird der zur Verfügung stehenden Fläche angepasst. Vier Eckpfeiler aus Holz markieren die Ecken eines notwendigen Aushubs für das zu bauende Objekt. Hier bei uns wird bis an die Kanten des erworbenen Grundstückes gebaut. Vollständige Flächenausbeute. Die Eckpfeiler werden notdürftig mit einem Stromkabel verbunden. An diesem baumeln acht erleuchtete Lampions - mit gelben Dreiecken, roten Quadraten, blauen Kreisen die Grundformen der Moderne zitierend. Die Bauherren sind Bauhausfans. Zwischen den Lampions hängen 46 Spiegelbuchstaben. Die festliche Ausschmückung und die Begründung des Anlasses sind ein und dasselbe, wie bei Kindergeburtstagen oder beim Autohändler auf dem Freigelände. Die Außenwelt spiegelt sich in dem fragmentierten Satzgebilde: _AU AUS _OT UND DR_CK _EIN _ERFLIESSEN AUF G_LDGRUND ERSTA__END. Die Lampen, in den Leerstellen hängend, sind Platzhalter möglicher Buchstabenwechsel und Sinnwendungen. Ein langsam vertrocknender Rollrasen macht die Baustelle zur betretbaren Bühne. Die Feier kann beginnen. Umbau, und sei es auch nur der von Buchstaben, eröffnet ganz neue (T)Räume. Ein minimaler chirurgischer Eingriff im vokalen Wechsel von difference zu differance, und wir finden uns auf einer Bühne wieder, auf der unsere althergebrachten (Sicherheits)vorstellungen von Identität in semantischen Fluss geraten und die Wahnvorstellung des mit sich selbst identischen Zeichens ins Bodenlose stürzt. Gleichzeitig ruft die spielerische Sinnverschiebung Sinn ausdeutende Grundsucher auf die Bühne, die nach historisch verankerbaren Rechtfertigungsparadigmen fragen. Das solchermaßen stürzende Gebäude scheinbarer Sicherheit – marktwirtschaftlich gesprochen: von Wiederverwertbarkeit - fragt noch im Zuge seiner Auflösung nach dem, worauf es gebaut ist, und gibt so wieder Fundament vor. Die Materialität pocht auf ihr Recht. Das Kunstwerk, im wesentlichen konstituiert von der Realität markt- und diskursspezifischer, insbesondere medienpolitischer und zeichentheoretischer Koordinaten, kennt dieses Dilemma und markiert, radikal, die Stelle, an der die differance den wirklich schmerzhaft ins Fleisch schneidet. Der Schnitt als derjenige Riss im Zeichen, von dem aus das Kunstwerk TROTZDEM zu arbeiten beginnt, von dem aus es ansetzt, sich zu erzählen. Michael Hofstetters Arbeit Baugrund siedelt in diesem Riss. Rück- und Seitenblicke von der Bühne aus transportieren neben markt- und diskurstheoretischen Implikationen auch den Hinweis auf weitere Schräglagen. Vor die ökonomischen und ideologischen Kathedralen des Kunstbetriebs stellt Michael Hofstetter eine Bühne, die performativ sowohl Bühne ist als auch diskurstheoretisch sich selbst als Bühne befragt. Raum immanent als Präsentationsraum mitdenkend (Bühne zeigen), weist sie Raum zugleich als ihren unhintergehbaren Grund aus (Bühne sein), von dem sie ja bereits weiß, dass er, conditio sine qua non, die Fließeigenschaften von Treibsand hat. Was passiert, wenn die Bühne sich gleichzeitig auf- und vorführt? Die Differenz zwischen Auf- und Vorführung gibt kein Abtragen, kein Nivellieren, kein Schweben mehr vor, sondern vollzieht eine Wendung ins Positive – als fortdauernde Selbstaneignung wider besseren Wissens aus dem Zustand (äußerster) innerer Not heraus. NOT UND DRECK EIN ZERFLIESSEN AUF GOLDGRUND ERSTARREND AUS