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Michael Hofstetter
ARBEIT MACHT FREI
Politik als Technologie
1991
Einleitung
Im Jahre 1932 hielt Theodor Adorno eine Vorlesung,
unter dem Titel "Die Idee der Naturgeschichte", über das
Verhältnis von Natur und Geschichte an der Johann Wolfgang Goethe
Universität in Frankfurt, an die er erst kurz davor berufen wurde.
Unter anderem analysierte er die Gründe warum Walter Benjamin dort
mit seiner Habilitationsschrift über den "Ursprung des deutschen
Trauerspiels" abgelehnt wurde. Adorno konstatierte, daß bei
Benjamin, entgegen der Ansicht von Heidegger, der Natur und Geschichte
miteinander verwoben und zusammen als Naturgeschichte denkt, Natur und
Geschichte dialektisch aufeinander bezogen werden und damit der damals
herrschenden Auffassung über das Verhältnis von Natur und Geschichte
opponieren. Er schreibt:
..beide Momente Natur und Geschichte verschwinden nicht ineinander, sondern
brechen bei Benjamin gleichzeitig auseinander hervor und kreuzen einander
in solcher Weise, daß was natürlich erscheint ein Zeichen für
Geschichte ist und die Geschichte als geschichtlich, erscheint als ein
Zeichen für Natur.
Die damalige und heutige Ideologie der Technik basiert auf der Annahme,
daß Geschichte ein natürlicher Prozeß sei. Wenn Walter
Benjamin in seinen Schriften beide Momente, Natur und Geschichte, nun
in eine dialektische Opposition zueinander stellt, dann entmystifiziert
er die Technik und enthüllt gleichzeitig ihren ideologischen Charakter.
Die Auffassung von Geschichte als Natur oder Naturgeschichte impliziert,
daß die Geschichte und damit die ihr zugehörigen gesellschaftlichen
Verhältnisse einem natürlichen Prozeß unterliegen, sich
natürlich entwickeln und deshalb wie die Natur auf jeder Stufe der
Entwicklung in präsentischer Allgegenwärtigkeit einen Zustand
von Wahrheit, Perfektion und Richtigkeit haben. Das heißt, die Geschichte
reguliert sich selbst wie die Natur und erscheint an jedem Punkt ihrer
Entwicklung als die Erfüllung ihrer selbst. In dem folgenden Essay
beschreibt Benjamin am Beispiel der sozialdemokratischen Pragmatik die
blinden Implikationen des Glaubens an technologischen Fortschritt als
"das Gefälle des Stromes" und die aus diesem Glauben resultierende
Geschichtsvorstellung als eine naturgegebene und wie Natur sich verhaltende.
"Der Konformismus, der von Anfang an in der Sozialdemokratie heimisch
gewesen ist, haftet nicht nur an ihrer politischen Taktik, sondern auch
an ihren ökonomischen Vorstellungen. Er ist eine Ursache des späteren
Zusammenbruchs. Es gibt nichts, was die deutsche Arbeiterschaft in dem
Grade korrumpiert hat wie die Meinung, sie schwimme mit dem Strom. Die
technische Entwicklung galt ihr als das Gefälle des Stromes, mit
dem sie zu schwimmen meinte. Von da war es nur ein Schritt zu der Illusion,
die Fabrikarbeit, die im Zuge des technischen Fortschritts gelegen sei,
stelle eine politische Leistung dar. Die alte protestantische Werkmoral
feierte in säkularisierter Gestalt bei den deutschen Arbeitern ihre
Auferstehung. Das Gothaer Programm trägt bereits Spuren dieser Verwirrung
an sich. Es definiert die Arbeit als »die Quelle alles Reichtums
und aller Kultur«. Böses ahnend, entgegnete Marx darauf, daß
der Mensch, der kein anderes Eigentum besitze als seine Arbeitskraft,
»der Sklave der anderen Menschen sein muß, die sich zu Eigentümern
...gemacht haben«. Unbeschadet dessen greift die Konfusion weiter
um sich, und bald darauf verkündet Josef Dietzgen: »Arbeit
heißt der Heiland der neueren Zeit...In der..Verbesserung..der Arbeit..besteht
der Reichtum, der jetzt vollbringen kann, was bisher kein Erlöser
vollbracht hat«. Dieser vulgärmarxistische Begriff von dem,
was die Arbeit ist, hält sich bei der Frage nicht lange auf, wie
ihr Produkt den Arbeitern selbst anschlägt, solange sie nicht darüber
verfügen können. Er will nur die Fortschritte der Naturbeherrschung,
nicht die Rückschritte der Gesellschaft wahr haben. Er weist schon
die technokratischen Züge auf, die später im Faschismus begegnen
werden. Zu diesen gehört ein Begriff der Natur, der sich auf unheilverkündende
Art von dem in den sozialistischen Utopien des Vormärz abhebt. Die
Arbeit, wie sie nunmehr verstanden wird läuft auf die Ausbeutung
der Natur hinaus, welche man mit naiver Genugtuung der Ausbeutung des
Proletariats gegenüber stellt. Mit dieser positivistischen Konzeption
verglichen erweisen die Phantastereien, die so viel Stoff zur Verspottung
eines Fourier gegeben haben, ihren überraschend gesunden Sinn. Nach
Fourier sollte die wohlbeschaffene gesellschaftliche Arbeit zur Folge
haben, daß vier Monde die irdische Nacht erleuchteten, daß
das Eis sich von den Polen zurückziehen, daß das Meerwasser
nicht mehr salzig schmecke und die Raubtiere in dern Dienst des Menschen
träten. Das alles illustriert eine Arbeit, die, weit entfernt die
Natur auszubeuten, von den Schöpfungen sie zu entbinden imstande
ist, die als mögliche in ihrem Schoße schlummern. Zu dem korrumpierenten
Begriff von Arbeit gehört als sein Komplement die Natur, welche,
wie Dietzgen sich ausgedrückt hat, »gratis da ist«.
Der Mythos von Naturgeschichte beruht auf einer Auffassung, die technischen
Fortschritt mit sozialen und politischen Erfolgen kurzschließt und
das erstere zur Bedingung der letzteren macht. Es ist daher kein Wunder,
wenn George Lukacs Technologie mit dem Terminus "zweite Natur"
beschreibt. Hier wird nicht nur Technolgie vollständig als natürlich
beschrieben, sondern gleichzeitig auch gewertet; sie ist eine zweite,
bessere, weil fortgeschrittenere Natur, - eine Natur, die nicht nur vom
Menschen als solche bezeichnet ist, sondern auch vollständig unter
seinen Bedingungen entstand und damit vollständig kontrollierbar
und für seinen Wohlstand einsetzbar ist. Diese Charakterisierung
der Technologie als natürlich bzw. als Natur selbst impliziert einen
Zustand ohne Mangel, einen Zustand der Perfektion, welcher komplementär
zur Mangelerfahrung des Menschen selbst steht. Auf diese Weise erhält
die Technologie einen Stellenwert mittels der der Mensch fähig ist
seine Unvollständigkeit und seine Mangelerfahrung durch sich selbst
und aus sich selbst heraus zu vervollständigen und sich damit zu
erlösen. Technik als "work in progress" bekommt einen eschatologischen
Charakter. Benjamin zeigt diese Verbindung zwischen der Technik und dem
Fortschritt als einen blinden Punkt des Protestantismus, welcher von den
Sozialdemokraten umstandslos übernommen wurde. Hieraus erklärt
sich nicht nur, warum Länder mit einer protestantischen Ethik, wie
Preußen, sich früher industrialisiert haben als Länder
mit vorwiegend katholischer Bevölkerung, wie Bayern, sondern es liegt
hier auch einer der Gründe, warum von der Arbeiterschicht kein nennenswerter
Widerstand gegenüber dem Nationalsozialimus geleistet wurde, ja warum
ein Großteil der nationalsozialistischen Wähler, vor 1933 Sozialdemokratisch
gewählt hat.
Das späte 19.Jahrhundert entwickelte eine Auffassung von Gesellschaft,
welche unter dem Namen Sozial-Darwinismus bekannt wurde. Diese Theorie
projizierte die Darwinistische Theorie der Naturevolution, in welcher
nur die stärkste, beste und geeignetste Art überlebt, auf die
gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse, um den Konkurrenzkampf
des Kapitalismus als natürlich erklären zu können. Sie
diente den Kapitaleignern der Legitimation der Unterdrückung der
arbeitenden Klasse und der Zurückweisung soziale Verbesserungen.
Wenn nun wie Benjamin zeigt, die Sozialdemokraten selbst einer Verbindung
von Natur und technologischem Fortschritt als Garant für ein besseres
Leben das Wort reden, gebrauchen sie das gleiche Fortschrittsmodell wie
ihr politischer und gesellschaftlicher Gegner, die Kapitaleigner. Der
einzige Unterschied besteht nur noch in der Zugehörigkeit zu verschiedenen
Klassen. Fällt auch dieser weg, indem man Kapitaleigner und Arbeiter
gemeinsam in der Klasse der Nationalität vereinigt, die einen natürlichen
Konkurrenzkampf mit einer anderen Nationalitäten auszutragen habe,
so besteht zwischen ihnen kein Unterschied mehr.
Erst die dem Protestantismus inhärente Ideologie, daß der Mensch
hier auf Erden für seine spätere Stellung im Jenseits arbeite,
machte die Arbeit heilig und Industrialisation möglich. Technik ist
in dieser Aufassung von Arbeit nur ein Werkzeug, das dem Menschen hilft,
mehr Punkte für das Jenseits zu sammeln. Die säkularisierte
Form dieser Auffassung sah nun die Möglichkeit, mittels Technologie
das Paradies auf Erden zu erreichen. An der grundsätzlichen Verknüpfung
zwischen Heilserwartung und Arbeit hat sich aber nichts geändert.
Diese Verknüpfung reicht zurück bis in das Alte Testament. Der
Mythos von der Arche Noah, als ein von Menschen gebautes Gefährt,
das Natur bei ihrer gleichzeitigen Überwindung auf eine höherer
Stufe hinüberrettet, unterstützt den Glauben an den Heilscharakter
der Technik bis heute.
Die Geschichte der Technik war von Anfang an und ist noch immer gekennzeichnet
durch das Moment der Überwindung. Wie alles, was vom Menschen überwunden
wird, schlägt der Zustand des Überwundenseins zurück in
das, was überwunden werden sollte. Der technologische Fortschritt
bleibt immer in seinen Ausgangsbedingungen verstrickt, der Ausbeutung
des Menschen und der Natur. Auch dort, und gerade dort, wo er diese Ausbeutung
überwinden möchte. Dies ist der alles überziehende Mangel
von Fortschritt, aus dem er sich selbst nährt, und zwar als Versprechen
diesen Mangel zu beheben. Dieses Paradoxon löst sich nur scheinbar
durch dem ihm inhärenten Zeitcharakter, des Fortschreitens. Ein Mangel
wird überwunden bei gleichzeitiger Verursachung eines neuen Mangels,
welcher wiederum durch eine verbesserte Technik überwunden werden
soll, die aber konstitutiv wieder nur einen Mangel auf einer höheren
Ebene bzw. in einem fortgeschrittenen Stadium erzeugt. Um das Unternehmen
Technologischer Fortschritt doch noch als erfolgreich verkaufen zu können,
muß man vergessen können. Lyotard beschreibt diese Funktion
des Vergessen-könnens als das Vergessen des Vergessens in seinem
Essay "Die Juden" wie folgt:
"....Man verausgabt sich und verausgabt, um die absolute Verausgabung,
die Drohung der Verflüssigung (Sintflut), die Auflösung des
sozialen Bandes zu verringern und zu kontrollieren. Dieses Verlangen nach
Erinnerung, nach einer Unter-kunft (sou-venir), wird zugleich von einem
anderen Verlangen, darüber hinweg zu kommen, bewohnt. Es ist politisch
insofern, als es das Entschwundene, das, was geschehen und also ...ver
- und entgangen ist, dem Geschehenden, dem was über einen kommt,
dem über-leben unterordnet. Es sammelt und kittet die sogenannte
Vergangenheit im Dienste der Zukunft und konstituiert eine Zeitlichkeit,
die zwar zwischen den Ex-stasen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
angespannt ist andererseits aber, da an die Metainstanz des Selbst geknüpft,
gleichwohl homogen bleibt".
Diese Homogenität, welche die Überwindung kittet, ist das Vergessen.
Es ist ein strategisch betriebenes Vergessen, welches in seiner Verinnerlichung
Unterkunft bietet. Hier richtet der sich selbstentfremdete Mensch in seiner
Selbstentfremdung als einzige Identität ein. Seine permanente Verausgabung,
seine Arbeit, ist Ausdruck seines Über-lebens und bietet ihm Unterkunft.
Der grundsätzliche Mangel wird nicht behoben, sondern der Mensch
über-lebt und flieht ihn nur. Nichtstun wird hierbei zur Qual.
Hier bekommt die Arbeit ihre epistemologische Funktion. Die gewährte
Freizeit ist vollständig der Arbeit untergeordnet. Sie ist die Fortsetzung
der Arbeit mit anderen Mitteln. An dieser Bruchstelle zwischen Arbeit
und Freizeit entbirgt der Begriff des technologischen Fortschritts als
Strategie zur Behebung eines grundsätzlichen Mangels seine ganze
Brutalität. Freizeit ist in dieser Funktion ein Warten auf den nächsten
Arbeitseinsatz, ein zu überwindender Selbstzustand, weil sie unfähig
ist, das Mangelgefühl zu überwinden. Freizeit ist ein Zeitloch,
das der Mensch an- und auffüllen muß, um nicht erinnert zu
werden. Freizeit bietet als wirklich freie Zeit keine Unterkunft.
Im Mittelpunkt dieses Vortrages soll dieses oben beschriebene Mangelgefühl
stehen, welches der Motor für technologischen Fortschritt ist, jenes
Mangelgefühl, welches die Technik verspricht zu überwinden und
gleichzeitig immer wieder aufs Neue verursacht. In dieser paradoxalen
Struktur siedelt Walter Benjamins sein Denken an. Indem er Natur und Geschichte
gegeneinander denkt und sie als gegenseitig sich unterstützende ideologische
Bedingungen vorführt, hinterfragt er grundsätzlich die Idee
des Fortschritts. Auch von Marx wurde dieses Problem des Zusammenhangs
von Mangelüberwindung und Heilsversprechen behandelt. Mir geht es
darum, Ihnen heute diesen Problemzusammenhang als ein grundsätzliches
Daseinsproblem vorzustellen.
Der Aufbruch
Ich befahl mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich
nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es.
In der Ferne hörte ich Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeutete.
Er wußte nichts und hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er
mich auf und fragte: »Wohin reitet der Herr«? »Ich weiß
es nicht«, sagte ich, »nur weg von hier, nur so kann ich mein
Ziel erreichen«. »Du kennst also dein Ziel«, fragte
er. »Ja«, antwortete ich, »ich sagte es doch. Weg von
hier - das ist mein Ziel«.
Vereinfacht gesprochen gibt es zwei Strategien, mit unserem Mangelgefühl
umzugehen. Die erste Strategie ist der Versuch, sie mit Aktivität
anzufüllen wie oben der Ich-Erzähler in der Parabel von Franz
Kafka. Die andere Strategie besteht darin die Leere und den Mangel zu
umarmen und daraus ein intellektuelles Vergnügen zu gewinnen. Walter
Benjamins Buch "Das Passagenwerk" stellt uns die zweite Strategie
vor. Der geistige Flaneur Benjamin nomadisiert von einer gesellschaftlichen
Repräsentation des Mangels und der Leere zur nächsten und demontiert
diese Repräsentationen mit einem Verfahren, welches sich aus gesteigerter
Anschauung und historischen Materialismus zusammensetzt. Der Flaneur ist
hier das erkenntnistheoretische Gegenbild des Aufbrechers. Der Flaneur
kommt weder aus einer Unterkunft noch sucht er eine, er speist sich aus
den Souvenirs der auf Unterkunft hoffenden Gesellschaft. In ihm verköpert
sich die jeweils aktuelleste Mode, der neueste Stand der Technik, aber
ohne den Zwang diese auf Geschichte oder Natur rückführen zu
müssen. In ihm ist die Technologie vollkommen freigesetzt. Sein Voranschreiten
ist ein sich ständig im Kreise drehen. Freigesetzt in der modernen
Stadt mit ihren Arkaden, Neonreklamen, Straßenzeichen, und Boulevards
enthüllt er die Zeichen des Daseins in der Superstruktur der Technologie.
Der deutsche Faschismus adressierte in seiner Propaganda auf umgekehrte
Weise diese Zeichen. Dem freien ungerichteten Spiel des Flaneurs mit der
modernen Welt setzte dieses Propaganda ein finales Erklärungsgehäuse,
eine Unterkunft, gebaut aus Natur und Geschichte entgegen und erklärte
den Spieler zum Volksfeind. Sie zielte auf das Mangelgefühl der Menschen,
welches durch die Technologie ausgelöst wurde und bot gleichzeitig
Maßnahmen an, wie das Volk diesen Mangel ertragen kann. Anstelle
des Flanierens verkündete sie Krieg.
Im folgenden werde ich nun, Benjamins Analyse dieses Daseinsmangels den
Strategien des deutschen Faschismus' gegenüberzustellen. Nachdem
ich Ihnen die Figur des Flaneurs und seine Welt vorgestellt haben werde,
werde ich die Darstellung von Heideggers Analyse der Technologie versuchen.
Dort werde ich zeigen, daß sich hinter der Technologie der Anspruch
auf unbegrenztes Wissen und damit uneingeschränkte Herrschaft des
Menschen über die Welt verbirgt. Dieses selbstgesetzte Recht des
Menschen, die Welt für seine Zwecke beanspruchen zu können versetzt
ihn in eine Position der permanenten Erwartung. Schließen werde
ich den Vortrag mit einer kurzen Beschreibung des Stellenwertes der Emblematik,
den diese durch die Technik erhalten hat.
1. Der Flaneur als Angelus Novus der
Geschichte
Die zentrale Figur in den Schriften von Walter
Benjamin ist der Flaneur. Ihm, der ziellos durch die Menschenmengen der
Großstädte schlendert, in gewolltem Kontrast zu ihren gehetzten
und zielgerichteten Tun, enthüllen die Dinge ihrer geheime Bedeutung.
Der Flaneur verkörpert den Mangel und die Leere, aber nicht als jemand,
der vor ihr fliehen und sie überwinden möchte, sondern als einer,
der sich dieser Leere stellt und sie zur Grundbedingung von Erkenntnis
erhebt. "Das wahre Bild der Vergangenheit erscheint flüchtig,
und nur der Flaneur, der untätig vorbeischlendert, ist für seine
Botschaft empfänglich".
Theodor Adorno bescheinigt Walter Benjamins Schriften eine durchgehendes
statisches Moment von Bewegung. Diese statisches Moment von Bewegung resultiert
nach Adorno aus der Vermeidung einer dialektischen Denkbewegung, welche
selbst ein inhärentes Fortschreiten aufweisen, und damit die Idee
von Fortschritt immanent etablieren würde. Am eindrücklichsten
beschreibt Walter Benjamin selbst in dem Kapitel "Über den Begriff
der Geschichte" sein Zugriff auf Welt. Im neunten Absatz erzählt
er von einem Bild mit dem Titel Angelus Novus, welches er von Paul Klee
erworben hat. Darauf ist ein Engel dargestellt,
"der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen,
worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen
und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß
so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine
Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe,
die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm
vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die
Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber der Sturm weht
vom Paradiese her, der sich in seinem Flügeln verfangen hat und so
stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser
Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt,
während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das,
was wir Fortschritt nennen, ist dieser Sturm."
Für Hannah Arendt hat dieser Engel, welchen Benjamin in Klees Bild
»Angelus Novus« sah, in dem Flaneur seine entgültige
Transfiguration erfahren.
Der Flaneur ist das Subjekt des modernen Zeitalters. Er ist jemand, "der
keiner Heimat nachjagt, keine Karriere verfolgt, kein Ziel erreichen muß
- das Paradies zum Beispiel - der nicht integriert werden kann, weder
politisch - er ist heimatlos oder staatenlos- noch sozial." Er hat
zu allen Dingen denselben emotionalen Abstand. Er ist ein Mann ohne Eigenschaften.
Seine Erfahrungen sind nicht symbolisch, sie lassen sich nicht in eine
identitätschaffende persönliche Geschichte einreihen, sondern
sie sind allegorisch, isoliert und unzusammenhängend. Der Komos,
in dem er lebt, ist angefüllt mit Arkaden, Mode, Langeweile, Katakomben,
Kitsch, Souvernirs, Wachsfiguren, Gaslicht, Panoramen, Eisenkonstruktionen,
Fotografie, Prostitution, Jugendstil, Kollektion, Glücksspiel, Straßen,
Kaufhaus, Metros, Eisenbahnen, Straßenzeichen, Perspektive, Spiegel,
Neuheit, Interieur, Wetter, Weltausstellungen, Torbögen, Architektur,
Haschisch, Marx, Haussmann, Saint-Simon, Grandville, Wiertz, Redon, Sue,
Baudelaire, Proust.
Benjamin findet diesen Kosmos in Paris. Indem er diese Stadt als Freiluftinterieur
auffasst, verwischen sich die Grenzen zwischen Innen und Außen.
Paris, als öffentlicher Raum, ist für ihn die Verlängerung
des Wohnraums in die Straßen hinaus. Diese Verschiebung der Grenze
erklärt sich aus der Fiktionalisierung der Stadt Paris im 19. Jahrhundert.
Bis dahin war nur der Wohnraum als Spiegel der Außenwelt fiktionalisiert.
Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard war der erste, der
diese Spiegelfunktion des Wohnzimmers als Simulation der Außenwelt,
der Natur, für das bürgerliche Zeitalter analysierte. Schon
seit der Frührenaissance stand der Innenraum in einem antagonistischen
Verhältnis zur Außenwelt. In meinem Einleitungsvortrag wies
ich schon darauf hin, daß über die Autonomisierung des Sehorgan
sich ein Raum bildete, das Interieur, welches dieses Sehorgan verkörperte.
Dieser Raum war Brennpunkt der Welt und Blickpunkt des Menschen. Er wurde
zur fiktionalen Austauschsphäre von zwei gegenläufigen Wirklichkeiten.
Das Interieur ist die Materialisierung des metaphorischen Raumes, den
man früher mit Seele bezeichnete. Erkenntnis von Welt ist durch das
Interieur nur noch mittelbar möglich, in der Dialektik von Sehvermögen
und Ansicht. Diese beiden sind variable Größen in deren Überschneidung
die Seele sich erst füllt. Das bedeutete das die Seele a priori leer
ist. Ihre Füllung war die fiktionalisierte und diminuierte Außenwelt,
die sich hereinspiegelte. Der Innenraum als fest umrissenes Gehäuse
steht deshalb für die gleichzeitig mögliche und unmögliche
Erkenntnis überhaupt. In ihm bildet sich erst die Idee der Totalität
als unendliche Verlängerung der erfahrenen Endlichkeit. Bis in das
neunzehnte Jahrhundert waren Innenraum und Außenraum, Seele und
Natur, Selbst und Welt die festen, sich räumlich gegenüberliegenden
Bezugsgrößen von Philosophie und Kunst. Erst mit Kierkegaard
löste sich dieses Bezugssystem auf. Der Mensch bewohnt im Innenraum
nicht mehr Welt, sondern die Welt bewohnt ihn und löst ihn als Gegenüber
auf. Nun ist der Mensch nicht mehr fähig, über sein Vermögen
der Differenz Fiktion und Realität, Innen und Außen, Selbst
und Welt zu trennen. Diese Unfähigkeit liefert ihn vollständig
der Welt aus. Hier entsteht der Typus des Flaneurs. Er ist die Verkörperung
des verlorengegangen festen räumlichen Bezugspunktes, an dem Erkenntnis
stattfindet. Sein Verstehen ist nur augenblickshaft und deshalb aphoristisch
und sentenzenartig. Für ihn ist alles gleichgültig und gleichgültig.
Fiktion und Realität, Innen und Außen sind nur kurze blitzhafte
zeitliche Zustände, die sich ständig in ihr Gegenteil verkehren.
Das Wohnzimmer wird total und verbreitet sich in der modernen Stadt in
die Straßen, Märkte, Arkaden, den öffentlichen Transportmitteln,
den Autos, während es selbst die Mauern verliert und ein Glasfassade
annimmt. Die moderne Stadt des beginnenden 20. Jahrhunderts wird zum Spiegelkabinett
und zur Geisterbahn. Die Seele des Flaneurs ist selbst ein Teil der Außenwelt,
sie ist verdinglicht, ein Ding unter anderen Dingen, ein Produkt, das
analysiert und manipuliert werden kann. Im totalen Innenraum, in der Hyperfiktionalität
der moderen Stadt ist der Mensch der Welt vollständig ausgeliefert
und preisgegeben.
Diametral dem Flaneur gegenüber steht die Masse. Beide sind zwei
Zustände des oben beschriebenen Umbruchs: Dem Verlust der Mitte.
Wir haben in den letzten Wochen bei Vilem Flusser gesehen, daß die
Technolgie die Schrift verbildlicht hat. Daß sich über die
Wandlung der Schrift das linerare Denken in Zeilen zu einem nicht lineraren
verändert hat. Und daß über diese Veränderung der
Mensch vom Homo Faber zum Homo Ludens sich gewandelt hat. Der Flaneur
ist die sich selbst bewußte Erscheinung dieses Homo Ludens, die
Masse die sich selbst unbewußte. Würden wir den gleichen Weg,
den wir auf der Ebene der Repräsentation, durch das Zeichen nachgezeichnet
haben und den ich nun auf der Ebene des Daseins beschreite, in den Veränderungen
der Politik nachgehen, so müßten wir konstatieren, daß
der Flaneur der Diktatur und die Masse der Revolution entspricht.
Walter Benjamin war der Philosoph dieses Umbruches, er hat sowohl in der
Art und Weise seines Schreibens die Veränderung der Schrift, wie
auch in der Zuneigung zu der Hauptperson, dem Flaneur, die politischen
Konsequenzen dieses Zeitalters reflektiert. Durch ihn und mit ihm verläßt
die Philosophie entgültig das systematische Denken. Die referente
Wirklichkeit läßt sich nicht mehr in einem System bündeln,
weil der Ort der Rezeption und der der Referenz, das Interieur, verlorenging.
Hieraus erklärt sich das Benjaminsche Prinizip der Montage. Der Flaneur
montiert die Welt in ihren dialektischen Erscheinungen kurzzeitig zueinander
und läßt sie in ihren paradoxalen Verhältnissen zueinander
erscheinen ohne sie zu erklären. Der Ort der Erkenntnis bzw.Referenz
ist nicht mehr das Subjekt sondern die paradoxalen Struktur der Dinge
selbst an der sie über ihre Geschichte und ihre Natur zum Scheitern
und damit zum Ende gebracht werden. In dieser Denkmethode der gegenseitigen
Durchdringung äußertser Absichtslosigkeit und höchster
Absicht gleicht sich das Denken einem Apparat an. Franz Kafka und Robert
Walser waren die Meister dieses Denkens. Keiner führten besser das
Scheitern vor. Es ist kein schicksalhaftes Scheitern, sondern eines das
wie aus Versehen zustandekommt, beim vorbeiflanieren.
Zwischen diesem erkenntnistheoretischen Typ des Flaneurs und der Masse
gibt es noch zahlreiche Formen, die einen Art Zwischentyp bilden. Es sind
Herumlungerer, die vom modernen Arbeitsprozeß freigesetzt werden,
diese Freiheit aber nicht genießen, sondern auf Arbeit warten, die
ihre eigentliche Bestimmung in der Arbeit suchen, um dem Mangel bzw. Leere
zu entkommen.
"Die Figur des Flaneurs hat die des Detektivs präformiert. Dem
Flaneur mußte an einer gesellschaftlichen Legitimierung seines Habitus
liegen. Es paßte ihm ausgezeichnet, seine Indolenz als eine scheinbare
präsentiert zu sehen, hinter der in Wirklichkeit die angespannte
Aufmerksamkeit eines Beobachters sich verbirgt, der den ahnungslosen Missetäter
nicht aus den Augen läßt".
Aus dem Detektiv wird der Reporter und der Fotojournalist. Dieser nicht
mehr die Verkörperung des Müßiggangs und der Muße,
sondern der Prototyp einer neuen Form von bezahltem Arbeiter, einer, der
Neuigkeiten und Reklame produziert mit der Aufgabe zu informieren, zu
unterhalten, zu überzeugen. Mit seinem neuen Produkt befreit er sein
Puplikum von ihrer Langeweile. Seine Massen - artikel füllen die
leere Zeit zu der die Nicht-Arbeitszeit in der modernen Stadt geworden
war. Seine letzte Inkarnation ist der Sandwichmann.
"Grundsätzlich ist die Einfühlung in die Ware Einfühlung
in den Tauschwert selbst. Der Flaneur ist der Virtuose dieser Einfühlung.
Er führt den Begriff der Käuflichkeit selbst spazieren. Wie
das Warenhaus sein letzter Strich ist, so ist seine letzte Inkarnation
der Sandwichmann".
Hier nun in dieser Inkarnation ist der Sandwichmann der Adressat der nationalsozialistischen
Propaganda. Der Reporter und der Sandwichmann verkörpern eine Funktion
zwischen Technologie und Masse. Beide sind Vermittler zwischen der Herstellung
und der Verbreitung von Waren. Der Reporter steht an der Input Seite der
Black Box Technologie, der Sandwichmann an der Output Seite. Der wahre
Flaneur steht außerhalb dieses Kreislaufes und verkörpert dessen
schlechtes Gewissen. Er wird das erste Opfer nach der Machtergreifung
des Faschismus' sein. Vom Reporter wird er denunziert werden und dann
wird man ihm das Reklame-Sandwich überziehen, auf dem zu lesen sein
wird: "Ich bin ein Jude aber ich will mich nicht über die Nazis
beschweren". Die dritte Form des Überlebens, der Herumlungerer,
der Soldat, wird ihn dann so durch die Straßen jagen.
Die Bühnenrequisiten der modernen Stadt sind unter dem Faschismus
diesselben, wie in der Moderne überhaupt, nur die Rollen sind andere.
Der technologische Fortschritt, der die alten Unterscheidungen zwischen
Exterieur und Interieur, Realität und Fiktion zerstörte, wird
nun für die faschistische Selbstinszenierung genutzt. Die freigesetzte
Masse und die Herumlungerer wider Willen haben nun im Journalisten-in-Uniform,
im Blockwart, im Standartenträger, im Soldaten oder Parteiämtern
Unterkunft gefunden. Ironisch könnte man mit Benjamin sagen, der
Etui - Mensch hat sich sein Etui, das die Technologie ihm genommen hat
wiedergeholt. Paradoxerweise hat die moderne Stadt in ihrer Fiktionalität
ein Modell für eine reaktionäre Revolution geliefert.
Die Menschen wohnen immer noch auf der Straße, nun aber umhüllt
und geschützt in Uniformen und eingereiht in einer marschierenden
Truppe, anstatt herumzulungern und nicht zu wissen, was sie mit ihren
freien Stunden anfangen sollen. Jemand gab ihnen zu tun, stillte ihr Mangelgefühl
mit Arbeit, versah mit einer Mitte, einer klaren Trennung von Innen und
Außen, diesmal nicht in Form von vier Wänden, sondern in der
Unterscheidung von Volksfreund und Volksfeind.
2.Warten als Geschick
Der Mensch im Zeitalter der Technik wartet immer
auf etwas. Die Monotonie ernährt sich von der Neuheit. "Je mehr
das Leben administrativ genormt wird, desto mehr müssen die Leute
das Warten lernen". Die Momente Warten und ewige Wiederkehr als Kennzeichen
der Moderne und des Glaubens an den Fortschritt nehmen bei Benjamin eine
zentrale Rolle ein. Im Erwarten eines zukünftigen Neuen und dessen
Schalwerden durch die Entlarvung als das immer schon Dagewesene lokalisiert
sich für Benjamin die existenzielle Hölle des technologischen
Zeitalters.
Anstatt das existenzielle Moment des Wartens als Bedingung der Modernität
und Technik bei Walter Benjamin weiter zu verfolgen, möchte ich hier
auf den Aufsatz "Die Frage nach der Technik" von Martin Heidegger
eingehen, der das Moment des Wartens bzw. Erwartens mit dem Anspruch des
Menschen auf schrankenlose Zugänglichkeit der Welt in Verbindung
bringt. Die Gefahr der Technik ist für ihn der ihr zugrundeliegende
Glaube, daß der Mensch mit der Technik uneingeschränkten Zugang
zur Natur habe. D.h. er kann die Natur restlos in Wissen über die
Natur überführen und damit Besitz von ihr ergreifen. Dieses
technische Verständnis von Natur verändert die Natur in etwas,
was dem Menschen zur Verfügung stehe. In ihrem Charakter des Zur-Verfügung-gestellt-seins,
Heidegger nennt dies Ge-stell, ist die Natur jederzeit abrufbar. Heidegger
zeigt dies unter anderem an unserem veränderten Verständnis
von Geschichte:
Und erst das Geschick in das vergegenständlichende Vorstellen macht
das Geschichtliche für die Historie, d.h. eine Wissenschaft, als
Gegenstand zugänglich und von hier aus erst die gängige Gleichsetzung
des Geschichtlichen mit dem Historischen möglich".
Die vermeintliche Zugänglichkeit des Wirklichen versetzt den Menschen
in den Zustand totaler Erwartung: er denkt, er könne durch die Technik
etwas von der Wirklichkeit bekommen. Dieser Glaube verlängert den
existenziellen Status in ewige Erwarten.
Heidegger charakterisiert die Technik als etwas, was die Wirklichkeit
in ihrem Bestand zeigt. D.h. sie liegt bereit, bestellt zu werden. Die
Wirklichkeit erscheint in der Technik als zur Verfügung gestellt.
Die Wirklichkeit wird als zur Verfügung gestellte verfügbar
für den Menschen.
"Wenn also der Mensch forschend, betrachtend der Natur als einen
Bezirk seines Vorstellens nachstellt, dann ist er bereits von einer Weise
der Entbergung beansprucht, die ihn herausfordert, die Natur als einen
Gegenstand der Forschung anzugehen, bis auch der Gegenstand in das Gegenstandslose
des Bestandes verschwindet. So ist denn die moderne Technik als das bestellende
Entbergen kein bloß menschliches Tun. Darum müssen wir auch
jenes Herausfordern, das den Menschen stellt, das Wirkliche als Bestand
zu bestellen, so nehmen, wie es sich zeigt. Jenes Herausfordern versammelt
den Menschen in das Bestellen. Dieses Versammelnde konzentriert den Menschen
darauf, das Wirkliche als Bestand zu bestellen.........Wir nennen jenen
herausfordernden Anspruch, der den Menschen dahin versammelt, das Sichentbergende
als Bestand zu bestellen - das Ge-stell.
Durch das Ge-stell versetzt die Technologie den Menschen in einen Zustand
von Passivität. Er ist immer der Empfänger dessen, was er herausgefordert
hat. Sein Leben ist nur noch Vollzug von etwas, wonach er verlangt hat
und was immer schon gegeben war. (Hase und Igel)
"Das Wesen der modernen Technik bringt den Menschen auf den Weg jenes
Entbergens, wodurch das Wirkliche überall, mehr oder weniger vernehmlich,
zum Bestand wird. Auf einen Weg bringen - dies heißt in unserer
Sprache schicken, das den Menschen erst auf einen Weg des Entbergens bringt,
das Geschick. Von hier aus bestimmt sich das Wesen aller Geschichte. Sie
ist weder nur der Gegenstand der Historie, noch der Vollzug menschlichen
Tuns. Dieses wird geschichtlich erst als ein geschickliches.
In dem Begriff des Geschicks als eine Ableitung von Schicksal taucht jene
am Anfang des Vortrages von Adorno erwähnte Beziehung zwischen Natur
und Geschichte auf. Schicksal ist dort, wo die Geschichte natürlich
und die Natur geschichtlich gedacht wird. In ihrer Vereinigung nehmen
sie den Charakter des Unausweichlichen an. Geschick ist für Heidegger
das freigesetzte Schicksal. Es ist die Entscheidung des Menschen, ob er
es annimmt oder nicht annimmt. Das Geschick
"bringt den Menschen auf den Weg des Entbergens, [daher] geht der
Mensch, also unterwegs, immerfort am Rande der Möglichkeit, nur das
im Bestellen Entborgene zu verfolgen und zu betreiben und von da her alle
Maße zu nehmen. Hierdurch verschließt sich die andere Möglichkeit,
daß der Mensch eher und mehr und stets anfänglicher auf das
Wesen des Unverborgenen und seine Unverborgenheit sich einläßt,
um die gebrauchte Zugehörigkeit zum Entbergen als sein Wesen zu erfahren.
Zwischen diese Möglichkeiten gebracht, ist der Mensch aus dem Geschick
her gefährdet. Das Geschick der Entbergung ist als solches in jeder
seiner Weisen und darum notwendig Gefahr ..................Das Wesen der
Technik ist als ein Geschick der Entbergung nicht irgendeine, sondern
die Gefahr."
Das Geschick der Entbergung könnte man beschreiben als den Teil der
Wirklichkeit, der sich in Wissen überführen läßt
und als Wissen geborgen werden kann. Hierin stellt sich die Wirklichkeit
als zugänglich und verfügbar. Das ist die Gefahr der Technik
für Heidegger. Die Rettung des Menschen vor der Technik besteht für
Heidegger darin, daß dieser das Unverbergliche, das Unzugängliche,
das nicht Begreifbare, eben das ganz Andere an der Wirklichkeit anerkennt.
Dieses ganz andere ist für ihn in der Kunst verbürgt. Heidegger
sieht in der Technik nichts technisches, sondern eine bestimmte Zu- und
Ausrichtung der Wirklichkeit zum die Natur herausfordernden Menschen hin.
Der Mensch zieht in der Technik von der Wirklichkeit nur ab, was er vorher
in sie hineingelegt hat. Sein Befragen ist immer schon die Festlegung
der Anwort. Er empfängt das Immergleiche. Er befindet sich in einem
ständigen Kreislauf von Erwartung und Wiederkehr. Im Ge-stell erkennt
der Mensch nicht die Wirklichkeit, sondern weiß sie. Sein Dasein
unterliegt einer Bestimmung und nicht dem Schicksal und seine Kunst wird
zur Kommunikation. Die Wirklichkeit erscheint ihm als verstehbar, regulierbar,
kontrollierbar und sicherbar. Da er nur das entbergende Geschick der Wirklichkeit
in seiner technologischen Herangehensweise von ihr erfährt, erfährt
er eine Fiktion. Der Raum, wo die Wirklichkeit als Bestand erscheint,
ist ein fiktiver Raum, eine Art Bühne. Diese Fiktionalität der
Wirklichkeit als abrufbarer Bestand macht es dem Menschen erst möglich,
Zugang zur Wirklichkeit zur Welt zu bekommen. Diese Möglichkeit Zugang
zur Welt zu haben, ist so verführerisch, daß der Mensch die
zugerichtete Welt, als Bestand, mit der wirklichen verwechselt. Die Möglichkeit
der Entbergung von Welt durch ihre Bestandhaftigkeit läßt den
Menschen glauben, das seine Objektivation der Wirklichkeit wahr sei und
nicht fikiv. Dieser geschlossene Kreislauf von einerseits menschlicher
Erwartung und Weltentbergung wird am besten im Kinofilm und in der Unterhaltungsindustrie
vorgeführt. Der Film ist eine Erscheinung von Wirklichkeit als Bestand,
als eine Zur-Verfügung Gestellte. Das Publikum im Kino repräsentiert
die menschliche Erwartung schlechthin. In der modernen Welt hat der Mensch
nur noch den Status eines anoymen Publikums, als Gruppenvoyeur, als ein
auf Sensationen und Neuigkeiten Wartender.
Die Realität, gelagert in laufenden Bildern und hierfür fiktionalisiert,
erscheint als Realität auf der Leinwand, auf der Bühne der Realität,
aufgrund der Erwartung des Publikums. Jean Louis Comolli schreibt in seinem
Essay "Machines of the visible", daß jede Repräsentation
der Realität sich in einer Lücke zwischen der Realität
und ihrer Kopie gründet. Der Umstand, welcher die Kopie real erscheinen
läßt ist das Puplikum, denn dieses bevorzugt es, in die Kopie
zu glauben. Die Fiktionalität, die ihre Fiktion nicht verbirgt, sondern
offen zeigt, ist für das Puplikum realistischer und wahrer als der
realistischste Film. Dies gleicht jenem der als Teufel auftritt und sich
auch als Teufel ausgibt, aber als Gott gefeiert wird. Dieser Umschlag
der Realität durch die Funktion des Publikums ist in der antigen
Tragödie in der Figur des "Deus ex machina" veranschaulicht
und reflektiert. Die Figur, die die Erwartung erfüllt, kann gar nicht
falsch sein. Louis Bunuel machte diesen doppelten Umschlag von real in
fiktiv und wieder zurück in real durch das Verlangen des Publikums
zum Inhalt seines Filmes "Der diskrete Charme der Bourgoisie".
Solange man in diesem Film der Ansicht ist, daß er ein Abendessen
zeigt, erscheint der Film als fiktiv, als gekünstelt, und unecht.
In dem Moment aber, wenn plötzlich im Film ein Vorhang aufgeht und
das Abendessen sich als ein fiktionales Bühnenstück entlarvt,
an dem ein ebenfalls zu sehendes voyeuristisches Publikum teilhat, wird
der Film real, das heißt glaubhaft und spannend, obwohl er sich
gerade in seiner Fiktionalität bestätigt. Im Moment der Plötzlichkeit,
wenn die fiktionierte Realität durch einen fiktionalen Akt selbst
aufscheint und verstehbar wird, das heißt sich auf höherer
Ebene selbst versteht, hält das Publikum dies für wahr und wirklich,
auch wenn es sich um etwas unglaubliches und fiktives handelt. Karl Heinz
Bohrer schreibt in der Einleitung zu seinem Buch "Plötzlichkeit,
zum Augenblick des ästhetischen Scheins":
"Plötzlichkeit bezeichnet nicht einfach nur die ästhetische
Wahrnehmungsgewißheit, sondern auch eine Kontingenz in der Struktur
der Elemente fiktionaler Sprache"
Ein weiteres Beispiel für diesen Doppelumschlag von Realität
zeigt uns die Rolle von Charlie Chaplin in dem Film: "Der große
Diktator". Die Art und Weise, in Hitler dort dargestellt wird, ist
so grostek und unglaubhaft, daß normalerweise niemand diesen Film
seröus im Sinne einer realistischen Darstellung des Faschismus nehmen
könnte. Und doch ist er es. Der Film ist in gewisser Weise eine zweifache
Enthüllung. Er arbeitet mit demselben Trick wie "Der diskrete
Charme der Bourgeoise". Indem er sich als unglaubhaft und höchst
fiktional gibt, wird er real. Er zeigt gewissermaßen die Realität
unter den Bedingungen der Fiktion, der Übertreibung und der Groteske
und des Lächerlichen. Hierin ist er mimetisch mit dem Faschismus.
Er zeigt nicht die Realität des Faschismus' sondern seine Bedingungen.
Die Bedingungen des Films sind exakt dieselben wie die Bedingungen des
Faschismuses und vice versa. Indem der Film sich selbst vorführt
entlarvt er gleichzeitig den Faschismus. Nur in der Darstellung seiner
eigenen schauspielerischen und fiktiven Groteskheit konnte Charlie Chaplin
die wirkliche Person Adolf Hitler in ihrer Brutalität enthüllen.
Der Film reflektiert die Art und Weise, in welcher Hitlers ästhetisierende
und fiktionale Politik die Fiktionalität der modernen Stadt in Realität
verwandelt hat. Indem wir diesen Film als Publikum und nicht als Analytiker
ernst nehmen, d.h. unterhaltend, vollziehen wir nochmals dasselbe, was
die Menschen im Jahre 1933 gemacht haben, wir entscheiden uns für
einen Ausweg aus unserer unerträglichen Situation, in der wir uns
als Opfer der Technologie befinden.
Die moderne Gesellschaft, auf die Benjamin in seinem Passagenwerk referiert,
war unfähig sich selbst in ihren technologischen Bedingungen zu enthüllen.
Sie war unfähig, die Bedingungen ihres Geschicks in einer Fiktionalität
zu etablieren und als Fiktion gesellschaftlich produktiv real werden zu
lassen. Die französische Geschichte der Neuzeit von der Revolution
bis zum zweiten Weltkrieg zeigt, daß je technologischer die Politik
wurde, der gesellschaftliche Diskurs umso ritueller wurde. In Zeiten der
größten Wahrhaftigkeit, z.B. unter der Jakobinern, gaben sich
die Franzosen in Kleidung und Manier so karnevalistisch wie nie zuvor.
Diese Verbindung von Technologie und Ritus in Politik hatte und hat in
Deutschland keine Tradition. Sie wurde nur virulent in einzelnen Künstlern,
wie Wagner, Stefan George, Gottfried Benn bis hin zu Anselm Kiefer als
Mischung von monomanischem Größenwahnsinn und Minderwertigkeitsgefühl.
Gesellschaftlicher Ritus als Staatsbaukunst personifiziert sich in Deutschland
immer im Führer. Der Künstler als Führer, bzw der Führer
als Künstler. Hitler als Künstler zu bezeichnen, verharmlost
ihn nicht, sondern zeigt die ganze Tragweite der Tragödie. Er ist
Ausdruck eines grundsätzlichen Dilemmas deutscher Politik seit Ende
des Wiener Kongresses. Ästhetische und ästhetisierende Strukturen
werden nicht konstruktiv und diskursbildend eingesetzt, sondern um auszugrenzen
und zu verachten, bis man nicht mehr anders kann als der personifizierten
Verachtung zu huldigen. Der Faschismus zehrte von der fehlender Staatsbaukunst
in Form einer rituellen gesellschaftsbildenden und historischen Emblematik.
(Es wäre zu untersuchen, inwieweit die deutsche Tradition der Turn
- und Singvereine jene fehlende Staatsbaukunst kompensierte.)
Der Streit in der Weimarer Republik, welche Flagge denn nun diese Demokratie
repräsentieren solle, ist hierfür ein beredtes Beispiel. Die
faschistische Bewegung entbarg den unbewußt fiktionalen Charakter
der technologischen Gesellschaft der Weimarer Republik und erstellte eine
politische Ästhetik, die sich des Bühnencharakters der Straße
bediente und ihn mit Mitteln des Schocks und der 1:1 Montage zur Realität
werden ließ. Ein Vergleich von Faßbinders Verfilmung von Döblins
Roman Berlin Alexanderplatz und Leni Riefenstahls Dokumentaraufnahmen
vom Nürnberger Parteitag würde jenen beschriebenen Wechsel von
ungeborgener zu geborgener Fiktionalität illustrieren. Der Faschismus
als Überführung disperater, gegeneinander kämpfender gesellschaftlicher
Gruppen in eine alles und jeden strukturierende Total-Aufführung
von SS und SA Gruppen, Jugendorgansationen, KdF, Kinder-Produktionsstätten
usw.- jede mit eigenen Kostümen und Standarten, Emblemen und Orden
- gab dem Menschen jenen fiktiven Halt und identifikatorische Plattform,
welche ihm die technologische arbeitsteilige Produktionsweise genommen
hatte. Er erhielt seinen Platz in einer der vielen Gruppen, und seine
spezifische Uniform, mit spezifischen Farben und Zeichen. Selbst der Volksfeind,
das Böse hatte in diesem Theater ihn identifizierende Embleme zugewiesen
bekommen, wie der Judenstern. Die ganze Gesellschaft war strukturiert
und organisiert wie ein Bienenstaat, natürlich. Der Mensch bekam
zwar nicht sein altes Gehäuse zurück, dafür aber ein neues
Gehäuse in Form eines festen Platzes in der Gesellschaft, in dem
totalen Theaterstück "Ideale Gesellschaft" Faschismus.
3. Symbol Allegorie Emblem
Nach Ernst Bloch ist das Symbol nur im Zusammenhang
mit Religion zu denken. Beide haben ein geschichtliches und eschatologisches
Moment. Das Symbol repräsentiert den Blick auf das Leben von seinem
Anfang her und impliziert einen historischen Prozeß, der kohärent
verläuft und am Ende die Möglichkeit der Erfüllung in sich
trägt, der auf eine Utopie verweist. Die Allegorie repräsentiert
den Blick auf das Leben von seinem Ende her, als ein Leben, das immer
schon zuende ist, das keine weitere Entwicklung mehr in sich trägt,
das keine Möglichkeit für ein gutes Endes birgt. Durch die Allegorie
erscheint die Welt immer fragmentiert und ausschnitthaft, sowohl in der
Weise, wie sie erscheint, als auch in der Weise wie sie vom Menschen wahrgenommen
wird. Als Affirmation der Möglichkeit, Welt nur beschränkt einsehen
zu können, repräsentiert sie dialektisch zugleich auch den Wunsch
des Menschen nach Totalität. Die Allegorie ist eine vom Subjekt behauptete,
also erfundene Repräsentation von Welt, die gerade in ihrem Scheincharakter
Welt nicht darstellt und es auch nicht versucht, sondern die Unmöglichkeit
und den aus dieser Unmöglichkeit enstandene Wunsch, Welt abzubilden.
Über die Allegorie totalisiert das Subjekt seine beschränkte
Möglichkeit, Welt wahrzunehmen und darzustellen in vollkommener Scheinhaftigkeit
bzw. Fiktionalität. Es ist der menschliche Versuch einer Heilung
im Schein, ohne die Scheinhaftigkeit zu verleugnen. Auf diese Weise steht
das allegorische Auffassen von Welt für das Scheitern und die Vergeblichkeit
menschlicher Versuche, die Welt zu verstehen. Die Allegorie hat immer
ein statisches Moment, eine Augenblicksstruktur in ihrem Verweis auf die
Welt. In der Allgorie erscheint die Welt gefroren, verdinglicht, fragmentarisch,
disperat, montiert und ohne Bewegung. Dies sind dieselben Erfahrungen,
die auch der Flaneur, der moderne Mensch hat. Er ist verlassen, freigesetzt,
allein, verdinglicht als potentieller Kunde, eine Karteieintragung; er
hat keine Vorstellung von sich als Individuum mit einer individuellen
Geschichte. Der Übergang vom Symbol zur Allegorie in Hinblick auf
das Selbstbewußtsein des Subjekts ist der Übergang vom Individuum
zum Mitglied einer Masse, von einer persönlichen Geschichte zu kollektiven
Erfahrungen, von der Idee des Charakters zur Idee des Images. Allegorisches
Bewußtsein erlebt sich als verzweifelte Komik, als tragisch-komisch,
als ironisches Scheitern. Benjamin sah in der Allegorie eine Möglichkeit,
das moderne Zeitalter zu reflektieren.
Während die Allegorie die Totalisation des Beziehens auf Welt eines
Subjekts im Schein repräsentiert, repräsentiert das Emblem das
Beziehen auf Welt einer Gruppe im Schein. Die Emblem vereinigt soziale
Disperatheit unter der selbstgesetzten ästhetischen Repräsentation
einer Gruppe. Das Emblem ist der Versuch, den Scheincharakter der Allegorie
im sozialen Gefüge wirksam und real werden zu lassen. Es steht für
die Ästhetisierung von Politik. Auf dieselbe Weise, wie die Allgorie
für das Leiden des Einzelnen und dessen Überwindung steht, repräsentiert
das Emblem dies für die Gruppe. Die soziale Komponente der Gruppe,
die sich unter einem Zeichen vereinigt, läßt nun keine Ironie
mehr zu. Insofern ist das Emblem eine Allegorie ohne dessen anarchischen
Charakter. Es nur noch das positivistische Abziehbild der Allegorie, und
war deshalb in seiner Heilsverheißung für den Faschismus brauchbar.
Der einzelne Mensch wurde im Faschismus unter einem Emblem subsumiert
und geborgen, das Totalisation versprach. Die Botschaft des Bildes aus
Menschen lautete: Nur wenn du dich vollkommen einfügst, wirst du
von der und durch die Gemeinschaft erlöst. Die Idee der Arbeit ist
in dieser emblematischen Auffassung nichts als die totale Selbstaufgabe
zugunsten einer Transzendierung im gemeinsamen Bild, in der Repräsentation
durch das Emblem. Arbeit wird auf diese Weise in ihrer extremsten Brutalität
und Menschenausbeutung der Garant für die Möglichkeit, frei
zu werden, frei von sich selbst zu werden.
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