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Michael Hofstetter
Wer
will noch radikal sein?, 2000
Katalogtext zu Frieder Buhls Buch "Radikalitätsdefizit"
in dem Maße,
in dem die Gesamtwirklichkeit als verbindlicher, kontingenter Sinnzusammenhang
verloren ging, (hat sich) das Interesse der Kunst immer mehr den konkreten
Einzelaspekten dieser zerfasernden Realität zugewandt.
Ulrich Meister,
DINGE in der Kunst des zwanzigsten Jahrhundert, Göttingen 2000.
Radikal sein ist aus der Mode gekommen. Der bloße
Verdacht, einer habe Radikales im Sinn, reicht schon aus, ihn als Spaßverderber
auszugrenzen. Versuche der letzten Jahre wie die von Dietrich Diederichsen,
Joshua Decter oder Paolo Bianchi, eine radikale Position für der
Kunst der Neunziger zu definieren, werfen zugleich die Frage auf, wie
Radikalität heute aussehen, wie Radikalität sich heute wirkungsvoll
durchsetzen, worin Radikalität sich heute äußern könne.
Die Möglichkeit radikaler Kunst ist fragwürdig geworden. Hat
die Kunst heute ein "Radikalitätsdefizit" 1?Vom Beginn des 20. Jahrhunderts
bis in die sechziger Jahre ist Kunst als Avantgarde gesellschaftlicher
Entwicklung Synonym für Radikalität. Der Moderne, so scheint
es, ist Radikalität gemäß der Marxschen Definition
eine Wurzelbehandlung gesellschaftlicher Mißstände mit künstlerischen
Mitteln selbstverständlich. Ob Suprematismus, Futurismus,
Dada, Surrealismus oder Situationismus, immer versteht sich künstlerisches
Handeln als grundsätzliche Infragestellung gesellschaftlicher Übereinkünfte
meist im Reflex durchzusetzender politischer Utopien. Es kommt
darauf an, daß "ein Beobachter , ein Leser in eine Wahrnehmungssituation
gebracht wird, in dem die Einmaligkeit des Gesehenen, des Gelesenen vorherrschende
Wahrnehmungsmaßstäbe und Wertvorstellungen ins Schwanken bringt"2.
Doch auch mit dem Krieg als Bündnispartner gegen eine sich einrichten
wollende Bourgeoisie bleibt Expressionimus, Dada und Surrealismus spätesten
ab den fünfziger Jahren die Rolle als society-Maler nicht erspart.
Den Situationisten ist da längst klar, daß sich Radikalität
nur ohne Kunst erreichen läßt. Sie schließen die Künstler
und damit die Ursache des Problems, die in ihrer Doppelrolle von Autonomie
und fait social als sich gegenseitig korrigierende und gleichzeitig einander
einholende Bewegungen prinzipiell überforderte moderne Kunst einfach
aus. So zieht sich Radikalität in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts auf künstlerische Vorgangsweisen zurück, etwa in
der Beschränkung der Darstellung (Minimalimus) oder in der Verwendung
einer neuen Technik (Fotografie, Video). Radikal ist nur noch der Stil,
die Vereinfachung, der Ausdruck. Der 'Schock', ursprünglich ein Mittel,
trotz zunehmender Autonomisierung der Kunst mit künstlerischen Mitteln
ins Leben einzubrechen, nutzt sich über die Jahre hinweg zum Vertrauten
und Erwarteten ab. Das ganz 'Andere' in der modernen Kunst, das durch
das Befragen blind sich vollziehender gesellschaftlicher Prozesse und
das Übertreten von Tabus Fremdheit im besten Fall das Verdrängte
der Gesellschaft evozierte und Garant war gegen allzu schnelle
Inbesitznahme, ist zum Gleichen geworden. Doch nicht nur Chic gewöhnt
jedes Auge an das Fremde und macht es zum Vertrautem. Reale Zustände
darzustellen, ohne in ihnen involviert zu sein, ist für die Kunst
ungleich schwerer geworden, seit sie sowohl Handelware als auch gelesene
Spur von Unbewußtem ist. In beiden Fällen vermittelt das Kunstwerk
sich auf unterschiedlichste Weise in das vollziehende Leben zurück,
um sich dort mit ihm zu verbünden. War schon in früheren Jahrhunderten
die tatsächliche Einverleibung über den Ankauf ein probates
Mittel, so verfügt der informierte Betrachter mit der Erfindung der
Psychoanalyse über ein zusätzliches Mittel, die Gefordertheit
durch die Kunst zu unterlaufen. Sein Verweisen auf plausible Zusammenhänge
zwischen dem Unbewußten des Künstlers und dessen Hervorbringungen
macht jeden gesellschaftlichen Anspruch des Kunstwerkes zu einem Problem
des Künstlers. Mit der Kunst verhält es sich wie mit dem Verbrechen:
Hat man erstmal das Motiv, ist der Tat jede gesellschaftliche Brisanz
genommen. Jede Rezeption trachtet prinzipiell danach, künstlerische
Erzeugnisse in bestehende Lebenszusammenhänge zu integrieren. Dieser
Integration wollte sich die frühe Moderne widersetzen, nicht aber
auf den Stachel gegen das blind sich vollziehende Leben verzichten. Doch
der Stachel ist auch der Hebel, mit dem das liberale Establishement die
Kunst zu domestizieren weiß. Gegenüber der etwa von
Peter Bürger am Beispiel des Ready-made beschriebenen Entschärfung
von Provokation durch Rezeption verrechnen Roland Barthes und Jacques
Lacan die genannten Antagonismen zwischen Produktion und Rezeption erstmals
positiv. Sie schließen den auf Abwehr geschulten Betrachter nicht
länger als Feind aus dem Kunstdiskurs aus. Mit der Verwebung von
Produktion und Rezeption stellt sich das Kunstwerk nun offen der Dynamik
von Signifikat und Signifikant. In dieser Immanenz der Beziehungen und
Bedeutungen, die sich in einer geschichtlichen Bewegung vollzieht, gibt
es kein Außen mehr, keine Utopie und keine Transzendenz. Radikalität
wird nur noch versucht in der Dekonstruktion der Entstehungsbedingungen
dieser Immanenz. Es geht nicht mehr um die Zeichen der Politik, sondern
um die Politik der Zeichen. Dieser Verunmöglichung von Revolution
verweigert sich der Wortführer der letzten Avantgarde, der Internationale
Situationist G. E. Debord; er sucht jenseits der propagierten Totalität
der Immanenz nach Handlungsmöglichkeiten, um die Gesellschaft radikal
zu verändern, nach Zeichen der Politik. Die Ästhetisierung der
Gesellschaft, die Gesellschaft des Spektakels, soll durch radikale Praxis
unterlaufen werden. Diese Sehnsucht nach radikalen Veränderungen
jenseits von Kunst teilen die Situationisten mit dem Terrorismus.
Radikalitätsdefizit: Vorwurf oder Bestandsaufnahme?
Frieder Buhls Installation Radikalitätsdefizit
in dem an der Peripherie der Münchner Akademie gelegenen Raum 328
zeigt in der Mitte des Raumes ein Modell der bayerischen Landeszentralbank.
An der rechten Wand hängt auf einem Kleiderbügel ein weißer
Overall mit einem schwarzen Balken auf Brusthöhe, worauf in gelben
Buchstaben MOMO zu lesen steht; daneben ein Fertig-Stahlregal mit 4 Fächern,
bestückt mit 2 unterschiedlichen Masken, einem Bunsenbrenner, Gummihandschuhen,
Spannungsmesser, Säge, Bohrmaschine, Elektrokabel, Meterstab sowie
weiteren sowohl für die Durchführung eines Banküberfalls
als auch für die Herstellung der Installation benötigten Werkzeugen
und Materialien. Neben dem Regal sind Farbfotokopien von Kunstwerken,
die große Ähnlichkeit mit der Rauminstallation aufweisen, an
die Wand gepinnt. Neben ihnen steht, etwas nach hinten versetzt, ein Fernseher
auf einem akademieeigenen Hocker; ein Video zeigt einen Fluchtweg von
der Bank weg in die Sicherheit. Über dem Fernseher hängt ein
dreidimensionales Modell von der Umgebung der Landeszentralbank an der
Wand. In einer Ecke des Raumes wurde der Boden aufgestemmt und ein Loch
ausgehoben, das eine Flucht- oder Eindringungsmöglichkeit andeutet.
Die Multimediainstallation etabliert auf formaler Ebene eine Beziehung
zwischen den Gegenständen, die von Planung und Durchführung
eines Banküberfalls spricht. Ihr finaler Charakter überspielt
die Brüche zwischen den Repräsentationsebenen der ausgestellten
Teile Ready-made, Architekturmodell, Video, bildhauerischer Intervention,
Fotokopie , doch scheinbar, ohne sie zu thematisieren. Die Symbolik
des Bankraubes verleiht den Gegenständen den Status von Reliquien,
wobei es unerheblich ist, ob die Tat bereits geschehen ist oder noch vorbereitet
wird. Buhls einen Bankraub suggerierende Installation weist auf das konstitutive
Merkmal der Moderne: die Überschreitung gesellschaftlicher Tabus
als selbstreflexive Bewußtmachung der Bedingungen von kapitalistischer
Existenz. Den Beginn der Moderne bestimmen Künstler, die das Verbrechen
besingen: de Sade, Poe, Baudelaire, Lautréamont. Die ästhetische
Komplizenschaft mit dem Bösen ist das Ergebnis einer radikalen Analyse
der Verbrechen des imperialistischen Kapitalismus am Ende des 19. Jahrhunderts.
Die Kälte, das Zynische, die Rücksichtslosigkeit, die Verhöhnung
aller humanistischen Ideale und sozialer Anteilnahme in den Werken der
modernen Künstler ist Mimesis der Produktionsverfahren und -methoden
der Ökonomie unter Abwesenheit des die Brutalität verdeckenden
Produkts oder Mehrwerts. Der moderne Künstler denunziert den Produktionswahn,
indem er dessen Methoden übernimmt, dessen Ziele aber ablehnt. Anstatt
dem Diktat der Akkumulation von Geld und Gütern zu gehorchen, frönt
er dem Dandytum und zeigt diebische Freude über jeden gut ausgeführten
Diebstahl am Eigentum anderer. Nietzsches Kritik an der herrschenden Moral
als Instrument zur Durchsetzung von Machtinteressen und Unterdrückung
der Begierden des Subjekts zugunsten der ihm zugewiesenen Funktion seitens
der Gesellschaft erklärt die Normverletzung zum Gebot für eine
emanzipative Praxis im Zeichen einer Übermoral. Das Verbrechen in
der Moderne setzt das Begehren an die Stelle der Vernunft, den Flaneur
an die Stelle des Arbeiters, Eigeninteresse an die Stelle von Fremdinteresse,
Entwenden an die Stelle des Herstellens. Diese Symbolik des Verbrechens
dient den Terroristen der siebziger Jahre zur propagandistischen Abfederung
ihrer Gewaltakte. Die "Bewegung 2. Juni" plaziert ihre Aktionen in der
Nähe des Happenings, um sich von den sogenannten normalen Kriminellen
abzusetzen. Hatte die Kunst versucht, sich dem Terror anzudienen, um gesellschaftliche
Relevanz zu erlangen, so bedient sich der Terror nun der Kunst, um seine
Taten zu verniedlichen und bei der Bevölkerung Akzeptanz zu gewinnen.
In den Systemen ist man lieb, nett und langweilig.
Die Avantgarde legitimierte sich über ein
Bild von Gesellschaft, in der die Grenzen zwischen Macht und Ohnmacht,
Unterdrückten und Unterdrückern klar erkennbar waren. Hier war
radikales Handeln möglich. Hier waren Übertretungen lesbar,
entweder als subjektiv-privatistische oder objektiv-gesellschaftliche.
Doch jede Bewegung, die durch Grenzüberschreitung gesellschaftliche
Vorgänge aufdecken möchte, trägt notwendigerweise selbstreflexive
Züge. Indem sie in eine eigene Geschichte eintritt, entsteht jenes
Moment von Reaktion, welches zu bekämpfen sie angetreten ist.
Diese Erfahrung der Vergeschichtlichung der Avantgardebewegungen
steht am Anfang der sogenannten Postmoderne. Sie weiß, daß
jedes Außen ein Innen produziert, daß jede Manifestation von
Subversion, von Kritik und Umsturz die Bedingungen und Strukturen des
attackierten Ziels übernimmt, daß Subkultur von Anfang an latenter
Mainstream ist. Für sie sind Übertretungen nur noch notwendige
Transfers zwischen verschiedenen autopoietischen Systemen. Ein Banküberfall
ist nicht mehr Tabubruch, sondern allein ein gelungener oder mißlungener
Versuch, mit dem eigenen System in ein anderes einzudringen, wobei Erfolg
und Nichterfolg von der Ausprägung defizitäre Strukturen im
eigenen oder fremden System abhängen. Defizite im System sind die
Öffnungen oder Ausgänge für andere Systeme. Es sind die
Null- oder Schwachstellen, die neu besetzt oder umkodiert werden können.
Die Übertretung der Avantgarde wird zur Überschreibung der Postavantgarde.
Die Dinge werden nicht mehr an ihrer Wurzel, sondern an ihrer Repräsentation
verhandelt. Das Bestreben, Wirklichkeitsphänomene mit biologistischen
Systemtheorien zu erklären, hat inzwischen alle Bereiche des Lebens
erfaßt. Vor allem die Evolutionsbiologie scheint die Anforderungen,
Wünsche und Nöte des postindustriellen Menschen bestens zu bedienen.
Das Modell von der DNS als einem Pool genetischer Informationen, die je
nach Bedarf aktiviert oder deaktiviert, ausgetauscht oder optimiert werden,
wird auf gesellschaftliche Prozesse übertragen. Kritische Künstler
bedienen sich seiner Metaphorik, wenn sie danach trachten, die Zahl der
Fehler, der Redundanzen, der inaktiven Stellen im Informationspool Gesellschaft
zu erhöhen. Ihr Ziel ist nicht wie für den Mainstream
die Optimierung des Systems, sondern die Affirmation seiner Defizite.
Künstler wie Christoph Schlingensief verknüpfen mit ihrer entropischen
Strategie verschiedenste Systeme, Jargons und Psychoklassen. Die Wiener
Aktion "Ausländer raus" im Juni 2000 kombiniert die RTL-Sendung "Big
Brother" als eine beschleunigte, temporäre Nation en miniature mit
der diskriminierenden Ausländerpolitik der Österreichischen
Bundesregierung. Über die gängige Praxis von Auswahl und Ausschlußverfahren
mittels anonymer Zuschauerbeteiligung (TED) spiegelt er zur Entlarvung
ihres terroristischen Potentials zwei Systeme ineinander, die sich sonst
nie berühren würden. Durch die Koppelung der Entropien verschiedener
Systeme entsteht hier eine neue Form von Radikalität.
Die Kunst der Zukunft ist sich zwischen
alle Systeme und Ideologien zu setzen.
Die Installation "Radikalitätsdefizit" von
Frieder Buhl muß auf diesem systemtheoretischen Hintergrund neu
gelesen werden. Der Bankraub als radikale künstlerische Geste, einst
Revolte gegen die oktroyierten kapitalistischen Bedingungen und Eintreten
für das eigene Begehren, ist nun Modell für die Beziehung von
zwei unterschiedlichen Systemen mit je unterschiedlichen Begehrlichkeiten
und eigener Legitimation. Art und Weise des jeweiligen gegenseitigen Eindringens
bzw. Umschreibens entscheiden, welche der beiden Systeme an Akzeptanz
gewinnt.
Die versammelten Werkzeuge, Modelle und Bilder
bilden ein System indexikalischer Spuren, die sowohl aufeinander als auch
auf ein Drittes verweisen, ein System zwischen dem System der Akademie
und dem der Landeszentralbank. Buhls Installation überschreibt mit
ihrer Darstellung der Möglichkeit eines Banküberfalls die Farbspuren
künstlerischer Tätigkeit an der Wand, die von alltäglichen
Nutzung dieses Raumes zeugen und einerseits innerhalb der Installation
das System der Lehranstalt repräsentieren, andererseits auf
das Außensystem Akademie verweisen; die Installation wird nicht
in einem weißen Raum, nicht auf neutralem Fond gezeigt. Daher vereinen
sich die Gegenstände nicht allein zu einem Text, in dem sie eine
rückwirkend durch die antizipierte Tat eine symbolische Bedeutung
erhalten, sondern verfügen schon auf der ersten Ebene der Rezeption
über eine indexikalische Bedeutung. Durch die Situierung der Installation
zwischen zwei völlig verschiedenen Systemen entfalten die ausgestellten
Gegenstände eine Dynamik der Bedeutungen, in der sie sowohl auf künstlerische
Stile und Richtungen verweisen, wie auch sich von ihnen absetzen, als
auch einen völlig anderen Gebrauch ermöglichen. Die Gegenstände
sind gleichzeitig symbolisch und banal, tatsächlich und substitutiv,
real und ikonisch. Buhl dockt seine Installation an den erkenntnistheoretischen
Raum der Akademie an, ohne ihn jedoch mit einer eindeutigen künstlerischen
Tätigkeit oder Geste zu besetzen, und verweist über die Ausstellung
von Banküberfallsreliquien zugleich auf das kapitalistische System,
das die Akademie umwölbt und in das eingedrungen werden muß,
will der Künstler überleben. Dadurch eröffnet Buhl ein
Spiel, in dem die gezeigten Dinge den Formenkanon der Repräsentationen
in der Kunstgeschichte des XX. Jahrhunderts durchdeklinieren. Radikalitätsdefizit
ist ein Cross-over, in dem die ausgestellten Werke die Rolle des Bindestrichs
übernehmen. Das Motiv des Cross-over illustrieren die als Fotokopien
an die Wand gepinnten Vorbilder. Sie zeigen Werke von Mark Dion und Renée
Green, zwei Grenzgängern zwischen den Systemen: Dion zwischen Kunst
und Biologie, Green zwischen Kunst und Bürgerrechtsbewegung, Werke,
die formal, in der Art der Verknüpfung der Gegenstände und deren
Werkzeugcharakter, Buhls Werk ähneln. Indem Buhl Bilder ihrer Installationen
in das Raster der horizontalen und vertikalen Spuren vergangener Malaktionen
einfügt, weist er sie als Ausdruck künstlerischer Tätigkeit
aus. Durch die Dreidimensionalität seiner Objekte, die von der Wand
weg in den Raum hineinragen, zieht Buhl eine Grenze zwischen den auf Fotokopien
gezeigten Kunstwerken, den Farbspuren und der eigenen Tätigkeit.
Er überschreibt mit seiner Installation die in den Fotokopien dargestellten
Kunstwerke, die selbst wieder was die Sachlage kompliziert
Zeugnisse einer Bewegung weg von der Kunst in andere Systeme sind. Radikalitätsdefizit
ist ein hybrider Metatext über hybride Kunstwerke und -strategien.
Die Installation ist gleichermaßen symbolisch und indexikalisch,
modern und postmodern. Sie zitiert alle Medien und Formen von Kunst, um
diese innerhalb des Kunstsystems zu zeigen und außerhalb des Kunstsystems
zu plazieren. Anders als bei Fischli und Weiß, bei denen die ausgestellten
Dinge nicht nur indexikalische Funktion haben, sondern auch selbstreflexiv
sind, anders als bei Franz Erhard Walther, dessen Werksatz Instrumente
zur Kunstaktion umfaßt, antizipieren die von Buhl gesetzten Spuren
keine künstlerische Tätigkeit, sondern eine Handlung, die sich
nicht von vorneherein als Kunst versteht (wenn sie auch von Künstlern
als solche verstanden werden kann). Die Installation grenzt sich mit künstlerischen
Mitteln durch die Vorführung aller Formen der Ding-Präsentation
in der Kunst des XX. Jahrhunderts aus dem Kunstsystem aus. Ihrem
Betrachter bleiben drei Möglichkeiten: Liest er den von ihr antizipierten
Bankraub als Kunstwerk, erhalten die ausgestellten Dinge rückwirkend
symbolischen Charakter. Erkennt er die modernistische Überschreitung
des Bankraubes nicht als Kunst, bleiben sie indexikalisch. Liest der Betrachter
die Installation sowohl indexikalisch als auch symbolisch, versteht sie
als modernistische Geste wie auch als postmodernistischen Text, so zeigt
sich, daß die Installation als radikal offenes Gebilde die möglichen
Zuschreibungen wohl reflektiert, sich ihnen aber selbst entzieht. Zwischen
den Lesarten oszillierend, unternimmt sie eine unerbittliche Bestandsaufnahme
der Möglichkeiten künstlerischen Handelns, überprüft
die Brauchbarkeit von Strategien, Stilen und Ideologien. Die Installation
setzt sich zwischen alle Stile und Systeme und erobert sich so einen Raum,
in dem radikale Bilder möglich werden. Doch zugleich führt sie
ihn aber auch als eine Geröllhalde vor, auf der feste Standpunkte
nicht möglich sind.
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In letzter Zeit hört man häufiger, im
Gegensatz zum liebsten Benjamin-Zitat der alten Spontis, "immer radikal,
niemal konsequent", daß eben gerade im hier interessierenden Zusammenhang
aktivistischer Kunst und Kultur die Radikalität von der Konsequenz
hergestellt werde. Diese müsse ja nicht essentialistisch, monokausal
und irgendwie zentristisch hergestellt werden, sonden könne sich
auch über dezentriert zustandegekommene Werke, Projekte etc. herstellen.
Was wäre Konsequenz? Eine Stringenz des Transfers aus einer Wissens-,
Handlungs-und Dartstellungsform in eine andere. Also etwa aus einem Bild
in einen Satz, aus einer Überzeugung in ein Bild, aus einem künstlerischen
Projekt in eine alltägliche Verhaltensweise. Hergestellt entweder
durch ein bestimmtes, stringent-konsequentes Vermittlungsverhalten der
Produzenten oder durch ein entsprechend präpariertes Werk. Einen
solchen Anspruch habe ich gerne, auch im Einverständnis mit dem erwähnten
Sponti-Benjamin-Spruch, als Terror einer nur umgedrehten instrumentellen
Vernunft kritisiert und gerade in der Inkonsequenz den Freiraum verteidigt,
den ein irgendwie subversives Individuum brauche.
Diedrich Diederichsen:
'An kulturellen Phänomenen lassen sich gesellschaftliche Entwicklungen
ablesen. Aber gilt auch die Umkehrung?', Kritik 2/96, S. 45.
1 Titel
der anläßlich der Jahresausstellung 1998 der Akademie der Bildenden
Künste München gezeigten Installation Frieder Buhls.
2 Karl Heinz Bohrer,
Plötzlichkeit. Zum Augenblick des ästhetischen Scheins, S. 76,
Frankfurt am Main 1981.
Trotzdem
bleibt die beunruhigende Frage: Kann man behaupten, daß es unter den
heutigen institutionellen und disziplinären Bedingungen nicht mehr
möglich ist, spezifische Arten von Kunstkritik oder künstlerischer
Praxis als potentielle Instrumente einer sogenannten "Gesellschaftsveränderung"
anzusehen, während man insgeheim doch an eine promesse de bonheur glaubt
eine Art unterdrückten Utopismus
manifestiert? Diese Frage
kann jedenfalls nicht dadurch "gelöst" werden, daß man einfach
ein Reihe alternativer künstlerischer und kritischer Praktiken, aktivistischer
Strategien oder theoretischer Modelle präsentiert, die in irgendeiner
Weise" effektiver" wären als ihre historischen Vorläufer. Nein,
ich habe keine Kandidatenliste von Künstlern oder Kritikern für
die nächste Avantgarde des "kulturellen Widerstands". Ein solches Manöver
wäre nur eine weitere Nachschublieferung für den bestehenden institutionellen
Apparat, der nach der administrativen und bürokratischen Herrschaft
über diese Praktiken strebt, um sie in zugängliche "Informationen"
zu verwandeln. Statt dessen ist es dringend nötig, die von jedem neuen
Modell in Aussicht gestellte sofortige Befriedigung aufzuschieben.
Joshua Decter, 'Die
Verwaltung des kulturellen Widerstands', Marius Babias (Hg.), Im Zentrum
der Peripherie, S. 50-51, Dresden / Basel 1995.
Subversive Abweichung
ist ein in jeder Ästhetik, jeder Kultur wie auch in jedem Selbst
immanenter Faktor. Keine Formbildung ohne Abweichung. Keine Kultur ohne
Gegenkultur. Aber auch vivce versa: keine Subkultur ohne kulturelle Dominanz.
Der Kontrast taucht nicht mehr so krass auf, das heißt, daß
die Unterschiede zwar nicht verschwinden, dafür um so feiner werden,
denn Widerstand läßt sich nicht auslöschen.
Gegen(warts)kultur =
Subculture vs. Mainstream.
Die Evolution subversiver
Jugendkulturen, wie etwa die Bewegung der Achtziger in Zürich, zeigen,
daß radikale Opposition und die Teilhabe am Betriebssystem Leben
sich nicht ausschließen. Die "rote Fabrik" in Zürich ist seit
über fünfzehn Jahren blühender Beweis dafür.
Ob Sub oder Norm, es
geht nicht um strenge Polaritäten, eher vollzieht sich der Widerstreit
als kontrolliertes Schwanken, das verschiedene, mehr oder weniger voneinanderentfernte
Positionen berührt: Serres Fazit: "In einer Vielfalt, die von einfachen
Pfeilen übersät ist, tritt die Abweichung an die Stelle der
Neigung".
Das paßt zum Wissen
um den Anfang unseres embryonalen Lebens, der eine elementare Wahrheit
lehrt: Die Spermatozoen bedürfen der Gegenströmung, um den Eierstock
zu erreichen. Das nennt man Opposition, Austausch und Ausgleich. Wer die
Opposition negiert, verursacht tragische und traumatische Entwicklungen.
Paolo Bianchi: 'RadikalISMUS´, Radikale
Bilder Band 1, Ausstellungskatalog, S. 161-162, Graz 1996.
Nach seiner (Peter Bürgers) Auffassung wurde
mit der Erhebung banaler Dinge in den Status von Kunstwerken ursprünglich
(also zum Beispiel bei Marcel Duchamp) die "Liquidierung der Werkkategorie"
bezweckt und letztlich sogar die "Liquidierung der Kunst als einer von
der Lebenspraxis abgespaltenen Tätigkeit". Im Laufe der Zeit habe
sich allerdings gezeigt, daß die Künstler der Moderne derartig
radikale Ziele letztendlich doch nicht erreicht haben. Alle ihre provokativen
Gesten wurden von den Agenten des bürgerlichen Kunstbetriebes in
einer perfiden Strategie repressiver Toleranz selbst wieder als Kunst
sanktioniert und damit ihres eigentlichen umstürzlerischen Sinnes
beraubt. So hat die Objektkunst ihre ehemalige revolutionäre Sprengkraft
verloren: "Wenn heute ein Künstler ein Ofenrohr signiert und ausstellt,
dann denunziert er damit keineswegs mehr den Kunstmarkt, sondern fügt
sich ihm ein; er destruiert nicht die Vorstellung vom individuellen Schöpfertum,
sondern er bestätigt sie. Den Grund dafür wird man im Scheitern
der avantgardistischen Intention der Aufhebung der Kunst zu suchen haben."
Karlheinz Lüdeking: 'Die Verwandlung des
Banalen', DINGE in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts, Göttingen
2000.
Das banale Objekt gewinnt
durch seinen Eintritt in die Welt der Kunst eine ontologische Dimension,
die einfache Dinge nicht haben können, da sie sonst einfach nicht
länger bloße Dinge wären. Der Unterschied zwischen einer
abgenutzten und verschmutzten Badewanne und dem Kunstwerk von Beuys liegt
darin, daß letzterem ein Bedeutungsgehalt innewohnt, der gewöhnlichen
Dingen fehlt. Die Badewanne, aus der das Kunstwerk besteht, unterscheidet
sich von einem gewöhnlichen Bestandteil der Welt, weil sie Teil eines
Systems der Verständigung über diese Welt geworden ist. Die
Differenz zwischen Kunst und Realität ist also eine semantische.
Sobald ein altbekannter
und vertrauter Gegenstand zum Kunstwerk wird und nun als Mittel der Verständigung
über die Realität fungiert, tritt er in jene seltsame semantische
Distanz zur Realität, die für die Welt der Zeichen typisch ist.
Das Ding, das wir vor uns sehen, ist nicht länger nur ein gewöhnlicher
Bestandteil der Realität, und insofern ist es trotz seiner handgreiflichen
materiellen Präsenz gewissermaßen gar nicht mehr "real".
Dies kann man sich an
einem Beispiel verdeutlichen, das Arthur Danto erfunden hat: "Wir können
uns einen Jungen vorstellen, der eine weiße Murmel verloren hat,
an der er sehr hing, und der in tiefe Melancholie versinkt, bis seine
Mutter eine weiße Murmel findet, die die andere weniger ersetzt
als ins Gedächtnis ruft: sie liegt in einem besonderen Schaukasten
wie eine Reliquie und erinnert ihn an seinen verlorenen Schatz (es könnte
sogar dieselbe Murmel sein, die er verloren hat)." Die zur Schau gestellte
Murmel ist insofern keine "reale" Murmel mehr, als sie nur noch eine Realität
bezeichnet, die sie selbst nicht mehr besitzt, obwohl sie in ihrer physischen
Gestalt unverändert weiterexistiert und eine ebenso reale Murmel
ist wie jede andere und womöglich sogar genau dieselbe, deren
Realität sie nun nur noch symbolisiert. Eine ähnliche Verwandlung
geht mit allen Dingen vor, die aus der gewöhnlichen Realität
in die Sphäre der Kunst überführt werden.
Karlheinz Lüdeking: 'Die Verwandlung des
Banalen', DINGE in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts, Göttingen
2000.
Er weigerte sich,
auf die Zukunft zu sparen, und gab sich statt dessen dem genießen
der Gegenwart hin. Im Augenblick der Kapital-Akkumulation, wo Zeit Geld
wird , verspürte er den Druck der Zeit auf die Gegenwart, auf die
Gestaltung der Gegenwart. " In jeder Minute werden wir von dem Begriff
und Gefühl der Zeit erdrückt. Es gibt nur zwei Mittel, um diesem
Alpdruck zu entgehen und um zu vergessen: das Vergnügen oder die
Arbeit: Wählen wir!"Baudelaire wählte das Vergnügen. Ja
schlimmer noch, er verdammte einen Eckpfeiler humanitärer Gesellschaftsordnung,
die Nützlichkeit, weil er sie als Unterwerfung empfand. "Ein nützlicher
Mensch zu sein, ist mir immer als etwas Abstoßendes erschienen".
Die Unterwerfung der Menschen unter das Nützlichkeitsprinzip gehörte
zum Programm der modernen Industriegesellschaft. Baudelaire wollte kein
nützlicher Mensch sein, er hat sich gegen dieses Prinzip aufgelehnt,
deswegen war er "böse".
aus Peter Weibel, Zu einigen Problemen
bei der Konstruktion (einer Theorie) des Bösen. Erster Entwurf, in
Das Böse, Steidl Verlag, Göttingen, 1997
Was ist das für
ein Gefühl, eine Bank zu überfallen? Hattet ihr keinen Schiß?
Fritzsch
Nun, wir hatten damals
schon vorher angefangen zu trainieren. Der Vorteil einer Bank ist, daß
das etwas unglaublich Statisches ist, du also gut planen kannst. Du kannst
alle denkbaren Möglichkeiten im Planspiel durchchecken. Was passieren
könnte, was wäre wenn ...? Es ist ziemlich viel kalkulierbar,
und so haben wir alles vorher durchgespielt. Wie verhältst du dich,
wenn jetzt einer durchdreht oder ein alter Opa auf einmal mit dem Krückstock
auf dich zukommt? Es kann ja immer passieren, daß da einer durchdreht,
es gibt ja genug Verrückte.
Überhaupt gab es
öfter Sachen, die die Knackis für uns ein bißchen vorbereitet
haben. Einmal hatten wir sogar die Dienstanweisung einer Bank in den Händen,
in der drinstand, daß alle Anweisungen bei Banküberfällen
zu befolgen seien. Es ist wohl für die Bank teurer, einem angeschossenen
Kunden lebenslänglich Rente zu bezahlen, als einmalig Geld zu verlieren,
was sie durch die Versicherung sowieso wieder zurückkriegt.
Fritzsch
Das erste Kriterium waren
die Fluchtwege. Wie kommst du aus der betreffenden Ecke wieder weg? Du
kannst in der Wilmersdorfer Straße keinen Bankraub machen. Heute
sowieso nicht mehr, du kommst vielleicht noch raus und stehst dann im
Stau.
Reinders:
Wir haben die Lage der
Banken auch daraufhin untersucht, daß wir bei der Flucht an eine
Stelle kommen, an der ein Verfolger, also irgendeiner, der uns mit dem
Auto hinterherfährt, nicht weiter kommt. Das war auch wichtig, um
nicht schießen zu müssen. Also eine Stelle, wo wir zu Fuß
rüber sind und wo wir einen zweiten Fluchtwagen hatten und der Verfolger
dumm dasteht, weil er halt nicht über den Bürgersteig fahren
kann oder der Durchgang zu eng ist. Das machten wir immer aus Sicherheitsgründen,
denn keiner wollte auf der Straße auf einen schießen, der
hinterherfährt.
Herrmann
Wie kamt ihr denn nun
auf die berühmte Negerkuß-Idee?
Reinders
Die Bank Grüner
Weg war für uns günstig. Wir hatten sie zwei Jahre vorher schon
einmal gemacht, und da war viel Geld drin. 230 000 DM waren es. Deswegen
hatten wir die im Auge, und es hatte sich auch nichts verändert.
Und diese Negerkuß-Idee kam durch die Geschichte in Stockholm12.
Nach Lorenz war eigentlich
eine positive Stimmung für uns da gewesen. Aber nach Stockholm ist
alles ein wenig ins Kippen gekommen. Durch diese Propaganda, daß
wir auch gegen einfache Leute vorgehen würden, wurde eine Stimmung
erzeugt, in der sich die Leute bedroht fühlten. Es hieß doch
immer, Blumenfrau Heike wird jetzt als nächste entführt, und
das ist das gleiche wie bei Lorenz. Und so haben wir überlegt, dieser
Propaganda etwas entgegenzusetzen. Wir wollten damit auch demonstrieren,
daß wir noch da sind, und daß die Kunden von uns eigentlich
nichts zu befürchten haben. Die Leute haben die Negerküsse nicht
gegessen. Das war vielleicht auch ganz gut, denn das waren ganz miese
Dinger. Das war ein Blitzeinkauf bei Woolworth. Die waren total alt.
Herrmann
Wie haben die Leute denn
auf die Negerküsse reagiert?
Reinders
Einmal wurden sie von
einer Frau verteilt (Grüner Weg). Da kam hinzu, daß ein Kind
beruhigt werden mußte, eine Zwölfjährige, die fürchterlich
geheult hatte. Auf die haben wir ein bißchen eingeredet, bis sie
ruhig war. In Schmargendorf haben sie die zwar auch genommen. Aber die
Leute blieben trotzdem starr vor Schreck, das ist ja das Problem, die
sind ja erstmal total verschreckt.
Wir sind von RAF-Seite
für diese Sachen ziemlich heftig kritisiert worden. Ab diesem Tag
waren wir die populistische Fraktion. Es würde uns nur noch auf Populismus
ankommen, wir würden die Sache nicht mehr ernst nehmen.
Herrmann
Und wie seid ihr darauf
gekommen, ein Flugblatt mit eurem Konjunkturprogramm zu verteilen?
Reinders
Ja, wir dachten, es reicht
nicht, einfach Negerküsse zu verteilen. Wir wollten nach den ganzen
Festnahmen auch zeigen, daß wir noch da sind. Die Stimmung in der
Linken war schwankend, ein Hin und Her, Hoch und Tief. Und nach den Festnahmen
dachten viele, es lohnt sich alles sowieso nicht, es werden ja doch alle
festgenommen. Darum mußten wir zeigen, daß wir noch da sind.
Es war auch schon eher ironisch gemeint.
Reinders:
Ausschlaggebend war die
Geschichte in München, wo der Rammelmeier beim Banküberfall
eine Bankangestellte als Geisel genommen hat, die dann erschossen wurde.
Wie es hieß, habe er sie erschossen, aber es waren die Bullen. Danach
war in den Banken die Stimmung absolut so: Hoffentlich kommen die Bullen
nicht! Das meinte ich vorhin, als ich sagte, daß die Kriminellen
uns auch ein wenig den Weg bereitet haben, weil die Sachen gemacht haben,
die wir nie gemacht hätten. Insofern hatten die Leute mehr Angst.
Und dann stehen auf einmal fünfe drinnen! Da blicken die nicht mehr
durch. Sonst werden sie ja in der Regel von einem überfallen, höchstens
von zweien. Und bei fünfen springt plötzlich einer hinten in
den Kassenraum, der andere steht hinten am Fenster, sichert das Fenster
...
Herrmann
Was auf der begrifflichen
Ebene auffällig ist: Ihr grenzt euch gegenüber Kriminellen ab,
in der Presse werdet ihr als Terroristen bezeichnet. Als was habt ihr
euch denn begriffen?
Fritzsch
Terroristen? Den Begriff
würd' ich mir verbitten. Terroristen, die sind auf der anderen Seite.
Terror ist undifferenzierte Gewalt, und undifferenziert haben wir Gewalt
nie eingesetzt.
Reinders:
Und wir haben ja keine
kriminellen Sachen für uns gemacht. Das ist der Unterschied zu den
Kriminellen. Die machen halt 'ne Bank, weil sie schön leben wollen
und wir brauchten halt Knete, um politisch weiter arbeiten zu können.
Was bezüglich der Banküberfälle heute oft untergeht, ist,
daß wir damit viele legale Projekte finanziert haben. Zum Beispiel
ist die Chile-Kampagne nach dem Pinochet-Putsch fast ausschließlich
von uns finanziert worden. Wir waren die einzigen, die schnell Geld zur
Verfügung hatten und haben die Zeitungen und all diese Betriebsgruppen
und Flugblätter finanziert. Also nicht alle, aber die größeren
Projekte. Davon gibt's genug Beispiele. Die Leute, die das Geld entgegennahmen
und die Zeitungen machten, waren dann später oftmals unsere erbittertsten
Feinde, die die bösesten Sachen über uns erzählt haben.
Das Modewort Crossover ist letztlich
der Ausdruck einer Selbstbegründungskrise der Kunst. Weder eine kohärente
Vergangenheit noch eine utopische Zukunft standen Anfang der Neunziger
zur Verfügung. Weder wollte man visuell eine Gegenwelt aufzeigen
wie in den sechziger Jahren, einer Affirmationsstrategie nachgehen wie
in den siebziger noch die Kunst als Ware thematisieren wie in den achtziger
Jahren. Als Möglichkeit blieb die Strategie der Mode und Werbung,
eine radikale Finalisierung des Fiktiven bei gleichzeitiger Koppelung
an reale Prozesse des Konsums bzw des Kapitals. Teilweise flüchteten
die Künstler auch in die Wissenschaft und die Geschichte politischen
Widerstands, weil dort ein ähnliches Nebeneinander von Fiktivem mit
realen Durchsetzungsmöglichkeiten herrscht.
Michael Hofstetter: Kunst und Mode. Ein Manifest,
1998.
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