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Michael Hofstetter
UNITED COLORS
OF BENETTON
11. OKTOBER
1992
Das Vorstellen einer in sich abgeschlossenen schönen
Welt als die Apotheose des reinen Glücks, welches Jedermann erreichen
kann durch den Erwerb eines be-stimmten Produkts langweilt den Konsumenten
heutzutage. Er ist und fühlt sich aufgeklärt genug diesen schönen
Schein mit Gleichgültigkeit zu durchbrechen. Der Satz von Toscani,
daß die Werbung weg von den Lifestilegeschichten und hin zum wirklichen
Leben sich bewegen wird, hat vor Benetton schon Rudi Carell erkannt. Seine
Strategie authentisches Leben auf die Bühne zu bitten, um authentische
Gefühle in einem herbeigeführten Wirklichkeitsschock zu evozieren,
welche dem Pu-plikum einen Genuß durch Teilhaftigkeit am wirklichen,
dem Publikums Einzelnen selbst aber unerträglichen Dasein, hier nun
geborgen in der Show zu ermöglichen sollen.
Das wirkliche Leben, in aller seiner Brüchigkeit, Verletzlichkeit,
Hilf- und Orientierungslosigkeit in Nahaufnahme befriedigt die Masse in
ihrem obszönen Voyeuris-mus und wirft den einzelnen Betrachter gleichzeitig
auf sich selbst zurück als einen, den das Schicksal aus bislang unerfindlichen
Gründen damit verschont hat, sich auf diese selbe Weise nackt zu
entäußern. Die Möglichkeit, den Betrachter könne
das gleiche Schicksal ereilen, vermittelt ihm eine ambivalente erotische
Lust: dem Schrecken vor einer möglichen tödlichen Katastrophe
und der Ungewißheit darüber, ob und wann sie einen selbst ereilt,
steht das Wissen des Betrachters entgegen, daß er nur als Opfer
sich aus der anonymen Masse lösen kann und nur als solches, me-dial
beim Namen genannt, wirklich erlöst werden kann. Auf diese Weise
im Bild erscheinend wird diese Ambivalenz in der Werbung dann gleichsam
aufgehoben, wo der Betrachter/Betrachtete als Geopferter erhöht wird
und in ein fiktionales Bezugsfeld gebracht wird.
Die unzugänglich und inintelligibel erscheinende banale Schrecklichkeit
und Brutalität, in dem Werbeplakat durch die Großaufnahme fiktional
erhöht, wird auf ein Zei-chen, nämlich das Logo der Firma Benet-ton,
bezogen, welches bild- und in der Rückführung auf die referente
Wirklichkeit lebensordnende Funktion hat. Auf diese Weise bekommt Benetton
eine quasi göttliche Funktion. Die unerklärlichen und undurchschaubaren
Katastrophen, welche alle menschliche aber vom Einzelnen nicht abwendbare
Abgründe dokumentieren, wie Krieg, Umweltverschmutzung, Tod durch
den elektrischen Stuhl, Aids.., erscheinen, versehen mit dem Benetton
Logo, plötzlich als naturgegeben und damit verstehbar. Das Bild ist
gleichsam erlöst von der unerträglichen Ambivalenz von real
und fiktiv, von nah und fern, von Schön-heit und Schrecklichkeit
durch das einzig nicht ambivalente in ihm, dem aufgedruckten Logo. Dieses
Logo hat keine höhere Realität mehr, in der es fiktional aufgelöst
und relativiert werden kann. In ihm ist die Welt in seiner Ausschnitthaftig-keit
und Abgründigkeit quasi geborgen, wie die Person in dem Pullover
von der Firma.
Hier erstellt sich eine säkulare katholische und apostolische Kirche,
die wie ihr ab-sterbendes Vorbild mit einem einfachen Bildtrick ganz naiv
Katastrophen, ausgelöst von menschlicher Hand als quasi gottgegeben
erklärt und alles disparate, unerklärliche, abweichende unter
einer zentralen Totalität vereinigt und gleichmacht: hier waltet
Benetton. Wie im Mittelalter können wir unsere Verantwortung gegenüber
den Widersprüchen in der Welt ganz einem totalen Welterklärungsmodell
und ei-ner Letzterklärung überantworten: Dieser Welt von Benetton
medial erschaffen, müssen wir uns schicksalhaft ergeben und unser
medial geschenktes Dasein haben wir passiv zu durchfristen, ohne die Möglichkeit
etwas zu verändern. Das ist das graue Gebot hinter all den verführerischen
Farben von Benetton.
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