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Michael Hofstetter
Auf der Bühne
des Begehrens, 1997
Katalogtext für Michael Schultze
Publiziert in "Wo ist es"
den 4. April
Vorsicht meine schöne Unbekannte! Vorsicht; aus einer Kutsche zu
treten, ist keine so leichte Sache, zuweilen ein entscheidender Schritt.
Die Tritte an den Kutschen sind meist auch so verkehrt angebracht,
daß man fast gezwungen ist, alle Grazie fahren zu lassen und einen
verzweifelten Sprung in die Arme von Kutscher und Diener zu wagen.
Aber springen Sie doch um Gottes willen nicht, ich bitte Sie, es ist ja
dunkel; ich werde Sie nicht stören, ich stelle mich bloß unter
diese Straßenlaterne, dann ist es Ihnen unmöglich, mich zu
sehen, und man ist doch verschämt immer nur in eben dem Maße,
als man gesehen wird, aber man wird immer nur in eben dem Maße gesehen,
als man sieht.
Søren Kierkegaard Entweder Oder 1. Teil Tagebuch des Verführers
S. 364 ff.
Prolog
Das Fenster zur Straße
"1. Mai 1919
Es war sein Blick. Sein täglicher Blick auf
die Kapuzinerstraße aus dem einzigen Fenster des Zimmers, das er
als Student bewohnte. Sein Blick lag hier, nur um Jahre verschoben, als
Schwarz/Weiß-Fotografie vor ihm, von einem unbekannten Fotografen
in einem Buch von Rudolf Herz publiziert. Achtzig Jahre zurück. 1.
Mai 1919. Obwohl die Räterepublik gerade von Freikorps zerschlagen
worden ist, kommt es zu einer spontanen Maidemonstration der linken Bevölkerung.
Das Foto zeigt im linken Vordergrund fünf, sechs Leichen, zwei patrouillierende
Freikorpssoldaten, hinten rechts eine gaffende Menge.
Michael Schulze nahm das Foto, vergrößerte es und druckte es
auf eine Jalousie, die er vor dem Fenster seines Zimmers anbrachte, aus
dem heraus das Foto geschossen worden war. Das geöffnete Rollo gibt
den Blick frei auf die Kapuzinerstraße von heute, das geschlossene
Rollo zeigt den Blick von damals. Die Installation "1. Mai 1919
ist weniger ein politisches Werk, obwohl sie ein politisches Geschehen
zum Gegenstand hat, sie spricht vielmehr von der Möglichkeit der
Wahrnehmung überhaupt.
In der kunstgeschichtlichen Ikonographie steht das Fenster für die
Beschränktheit der menschlichen Wahrnehmung und die Ausschnitthaftigkeit
von Welt. Es ist der Schnittpunkt zwischen Einlaß von Welt und Aussicht
zur Welt. Die Jalousie schließt das Fenster und damit die Möglichkeit
für einen Informationsaustausch. Das Interieur totalisiert sich,
die menschliche Wahrnehmung bezieht sich nur noch auf sich selbst. Die
Fotografie als referenter Verweis auf Welt erscheint in dieser Installation
als ein vom Subjekt gesetztes Bild von der Welt. Weltwunsch und Wunschwelt
fallen ineinander. Die Fotografie auf der Jalousie substituiert den Ausblick
auf die Welt und verlängert das Interieur, welches in seiner Einrichtung
ein gesetzter und kodierter Kosmos seines Bewohners, des Subjekts ist.
Über die Momente der Identität des Weltausschnitts - Fotografie
und Fenster zeigen denselben topographischen Sachverhalt - und der Differenz
der Präsentation kennzeichnet Schultze nicht nur den Umschlag der
Bedingung von Wahrnehmung, sondern eröffnet sich selbst ein Feld
künftiger künstlerischer Verfahrensweise: so wie die Fotografie
vom 1. Mai 1919 als Jalousie den aktuellen Ausblick auf die Kapuzinerstraße
substituiert, substituiert das fotografische Bild Michael Schultzes Blick.
Daher ist Michael Schultzes Arbeitsweise bei aller Unterschiedlichkeit
der Bildergebnisse von drei Merkmalen bestimmt: Aneignung eines Bildes,
einer Illustration, eines Films oder von Textpassagen, welche in sich
schon ein dichtes Gewebe von Bedeutungen und Verweisen tragen. Isolierung
und Fragmentierung des Bildmaterials. Substituierung von Wirklichkeitswahrnehmung
durch Wahrnehmungswahrnehmung.
Sie hat mich noch nicht gesehen; ich stehe
auf der anderen Seite des Ladentisches, weitab für mich allein. An
der gegenüberliegenden Wand hängt ein Spiegel, sie denkt nicht
daran, aber der Spiegel denkt daran. Wie getreu hat er ihr Bild doch aufgefaßt,
gleich einem demütigen Sklaven, der seine Ergebenheit durch Treue
bekundet, einem Sklaven, für den sie zwar Bedeutung hat, der aber
keine Bedeutung hat für sie, der sie zwar fassen, nicht aber umfassen
darf.
Søren Kierkegaard Entweder Oder 1. Teil Tagebuch des Verführers
S. 365 ff. 1. Aufzug
Das Revier des Blickes
1.) Der Apparat (Das Werkzeug)
In den Arbeiten "Das Gesichtsfeld (1993),
"O.T.(1994), "Objekt klein a (1995) und "
does
the mind rule the body or does the body rule the mind
(1995),
wird ein Grundelement, eine Glasblase, in verschiedenen Variationen und
Kombinationen gezeigt. Die Blasen sitzen auf einer quadratischen Glasscheibe,
die eine Befestigung an der Wand ermöglicht. Zugleich dient diese
Scheibe als Bezugsfläche die Blase scheint sich aus dem gläsernen
Quadrat herauszustülpen , die Blase spiegelt sich in ihr und
bildet neben ihrer Realräumlichkeit eine Illusionsräumlichkeit
der Spiegelung. Je nach formaler Kombination und Anordnung der Glasblasen
- paarweise an der Wand, einzeln oder, einander gegenüberliegend,
als Paar in einem Glaskasten, als stroboskopisch blinkendes Objekt am
Boden oder als Ausstülpung eines monochromen Tafelbildes ergeben
sich im Feld skulpturaler Bedeutung von Text und Kontext, Positiv- und
Negativform, Teil und Ganzem Präsentationsvarianten, welche die Objekte
als scheinbar autonome Skulpturen ausweisen, in denen sich der Betrachter
nicht nur bildlich, sondern auch wirklich mit seinem Assoziations- und
Idendifikationsvermögen spiegeln kann.
Michael Schultzes Glasblasen sind Bojen im offenen, nicht bestimmten Meer
des White Cube, die, dem sehenden Auge verborgen, tief unter Wasser an
einem Anker hängen, welcher die Bojen zwar hält, aber selbst
im Treibsand des Meeresbodens keinen Halt findet. Es sind Attrappen, Köder,
die nichts anderes sein sollen als begehrlich. Nur die Werktitel weisen
in die Tiefe eines Bezugsfeldes, wo die Glasblasenarbeiten jenseits der
ihnen eigenen ästhetischen Parameter ein psychoanalytisches und philosophisches
Bezugsfeld entwickeln und für den Kenner mit diesen Bezugsfeldern
ein illustratives Verhältnis eingehen.
Als unter- und zugleich überdeterminierte Gebilde sind die Glasblasen
quasi Apparate, die den Betrachter in einen circulus vitiosus führen,
eine Endlosschleife zwischen Raffinesse und Reflexion, zwischen Verführung
und Repräsentation.
Sie sind Apparate, da sie dreidimensionale Illustrationen des menschlichen
Gesichtfeldes darstellen. Derartige Illustrationen, die über das
Volumen die physiologische Leistung des Auge beschreiben sollen, gibt
es seit den Sehpyramiden der Frührenaissance. In einfacher Hinsicht
illustrieren sie die Zentrierung der Welt im Auge des Menschen als Blickpunkt.
Analytisch gesehen bedeuten sie die Trennung des Sehens in einen physiologischen,
rein perzeptiven Akt (Auge) und einen rational-emotionalen, apperzeptiven
Akt (Gehirn). Diese Trennung macht es möglich, das Auge nicht mehr
als integriertes Teil des Gesamtkörpers zu verstehen. Von diesem
abgetrennt, wird es selbst zum Objekt menschlicher Betrachtung und Untersuchung
und kann, um naturgegebene Leistungsschwächen auszugleichen, nachgebaut
werden. Dieser Nachbau eines ausgelagerten menschlichen Körperteils
ist der Apparat, dessen Bau und ständige Verbesserung bis zum Anfang
des 20. Jahrhunderts der Motor des wissenschaftlichen, künstlerischen
und zivilisatorischen Fortschritts war.
Eine den Sehpyramiden verwandte Illustration des menschlichen Gesichtsfeldes
findet sich in Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus. Das
1921 veröffentlichte Buch besteht aus sieben Hauptsätze und
einer Illustration: eine Blase, die sich auf einen kleinen Kreis hin verjüngt.
Der Kreis steht für das menschliche Auge, die Blase für das
Gesichtsfeld. Über der Skizze steht der Satz
5.6331: Das Gesichtsfeld hat nämlich nicht
etwa eine solche Form:
Michael Schultzes Glasblase nimmt in ihrer Form
die von Wittgenstein verworfene Gesichtsfeldillustration auf. Hiermit
bindet Schulze nicht nur den philosophischen Diskurs von der Frührenaissance
bis an das Ende des 19. Jahrhunderts, in dessen Zentrum ein erkennendes
und wissendes Subjekt stand, an sein Werk, sondern auch die zentralen
Thesen des Frühwerkes von Wittgenstein, mit dem er die Philosophiegeschichte
abzuschließen meinte: die sieben Sätze des Tractatus logico
philosophicus, welcher im 5. Satz das Subjekt aus der Welt verbannt und
als inintelligible Black Box darstellt.
5.632 Das Subjekt gehört nicht zur
Welt, sondern es ist eine Grenze zur Welt.
Schultze legt die Einfallszone des Auges, den materialisierten
Blick, als Glasblase auf der Bühne der Kunst. Sie verköpert
reines Begehren ohne Reflexion. Wir aber sind in der Lage, uns mit demselben
Instrument, unserem Auge, auf den ausgestellten Blick zu beziehen, ohne
uns vom unserem restlichen Körper und seiner Erfahrung, seinem Wissen
und seiner begreifenden Fähigkeit abzukoppeln; wir können somit
das ausgestellte Objekt in jede Richtung kodieren und dekodieren.
5.634 Das hängt damit zusammen, daß
kein Teil unserer Erfahrung auch a priori ist.
Alles, was wir
sehen, könnte auch anders sein.
Alles, was wir überhaupt beschreiben können, könnte auch
anders sein.
Es gibt keine Ordnung der Dinge a priori.
In dem Werk "Objekt klein a, eine auf
einem Holzgestell stehende Glasvitrine mit zwei einander zugewandten Glasblasen,
öffnet der Titel einen weiteren Bezugshorizont. Die Bezeichnung"Objekt
klein a geht auf den Psychoanalytiker Jacques Lacan zurück,
der den Dingen der Welt ihren passiven Charakter nahm. Sie werden nicht
nur vom Subjekt geschaut, sondern schauen zurück. Auch Lacan geht
bei der Konstruktion seiner Theorie den Weg über die Abtrennung der
physiologischen Leistungen einzelner Körperteile vom Gesamtkörper.
Da diese quasi verobjektiert in die Welt hinauswandern und wie
im Fall des Auges Schauen und Geschautes gleichzeitig sind, entsteht
eine Dynamik der Dinge, sich wieder aus dem Zustand der Analyse in den
lebendigen Lebensvollzug zurückbewegen zu wollen. Diese reziproke
Dynamik der Analyse ist das Begehren. Damit konstruiert Michael Schulze
über die Erscheinungsform seiner nach außen gestülpten
"Netzhaut, die auch Assoziationen zu Sprechblasen, Brüsten
und männlichen Geschlechtsorganen zuläßt, Aktivobjekte,
die zum Betrachter, als dessen amputiertes Teil sie anmuten, zurückbegehren.
Also, unser Plag hatte lange das Begehr in sich genährt, eine Frau
zu lieben, wenn sie von einer haut mal-Attacke befallen ist, und es war
Katy, die auf einen Wink der Geister seinen anstößigen
Traum wahrmachte. Sie war es, die die kostspieligen Anstalten getroffen
hatte für Spensers Zweisamkeit mit Monique, einer jungen dänischen
Epileptikerin. Und Katy war es auch, die Moniques Schwester korrumpierte
und das Stroboskop stahl, dies flackernde Licht, das Monique in Stimmung
versetzte, ohne daß sie selber davon ahnte.
Sie erlangte ein flackerndes Bewußtsein, das kunstvoll die psychomotorischen
Reaktionen auslöste. Ob es nun Plag oder ihre Krämpfe waren,
was sie zu Boden warf, konnte sie nicht entscheiden. Noch Tage später
entsann sie sich, daß der Anfall besonders schwer gewesen sei. Stephen
Schneck: Der Nachportier
Auch "
does the mind rule the body or does the body rule the
mind
, weist eine Glasblase als Grundelement auf. Im Gegensatz
zu den anderen Varianten ist das hier verwendete Glas nicht durchsichtig,
sondern opak. Die Durchlässigkeit für den betrachtenden Blick
ist aufgehoben. Da die Glasblasen die Grenzen des Gesichtsfeldes markieren,
steht das durchsichtige Glas für die Unmöglichkeit einer Grenzziehung:
Wie definit ist die Grenze des Gesichtsfeldes, wie definit ist eine Grenze
aus Glas? Im Objekt "
does the mind rule the body or does the
body rule the mind
wird diese Grenze durch das opake Material
exakt markiert. Die eingesetzten stroboskopischen Leuchten, welche Raum
und Betrachter aggressiv anblinken, heben die Grenzziehung wieder auf
und lassen den aktiven Charakter des Objekts verstärkt hervortreten.
Schultze bringt auf diese Weise den Begriff der Blendung ins Spiel und
zieht die ganze geschichtliche Aufgeladenheit dieses Begriffs bis hin
zum Mythos vom Zyklopen, dem Odysseus das Auge ausstach, in sein Werk.
2.) The Movie
Godard: "Beim Film riskiert man
nichts."
Hofstetter: "Warum riskiert man beim Film nichts im Gegensatz zur
bildenden Kunst?"
Schultze: "Beim Film kann man alles unterbringen, weil er einen zeitlichen
Verlauf hat."
Hofstetter: "Man muß aber schneiden können."
In "Rear Window, eine Arbeit von 1992,
eignet sich Michael Schultze Alfred Hitchcocks gleichnamigen Film (deutscher
Titel: "Das Fenster zum Hof) an. Der Film dreht sich um den
Blick des Fotografen, James Stewart, auf das gegenüberliegende Haus.
Seine Unbeweglichkeit - ein gebrochenes Bein fesselt ihn an seine Wohnung
bzw. den Lehnstuhl vor seinem Fenster - und die Begrenztheit des menschlichen
Sehvermögens gleicht er mit Hilfe zweier Apparate aus: einem Fernglas
und einem Fotoapparat mit starkem Teleobjektiv. Schultzes Filmversion
verwendet nur die Kameraeinstellungen, die James Stewarts Blick
mit oder ohne apparative Hilfe repräsentieren. Einstellungen,
die ihn als handelnde Person zeigen, sind geschwärzt. In den geschwärzten
Passagen interpretiert James Stewart seine Beobachtungen im Dialog mit
anderen Personen und stellt Mutmaßungen über das ihm verborgen
gebliebene Geschehen im Haus gegenüber an. Er glaubt, lauter Indizien
für einen Mord zu sehen. Den Mord selbst jedoch sieht er nicht, da
er zu dieser Zeit gerade schläft. Hitchcock variiert anhand dieses
sehr einfachen Plots das Thema "Was sehen wir, wenn wir sehen.
Der Film selbst hat zwei Ebenen: eine Oberflächengrammatik und eine
Tiefengrammatik. Die Oberflächengrammatik wiederum teilt sich in
die Beziehung zwischen James Stewart und dem gegenüberliegenden Haus
und der zwischen James Stewart und Grace Kelly. Diese beiden Beziehungen
verhalten sich kontrapunktisch zueinander und verweben sich am Schluß
ineinander. Die Tiefengrammatik, eine Dekodierung der Oberflächengrammtik,
wird durch die Dialoge mit der Krankenschwester und dem Polizisten hergestellt.
Diese zwei Personen treten auch als Informanten der Welt auf. Sie liefern
nicht nur den Kontext für die Erkenntnisse von James Stewart, sondern
markieren auch in seiner Überschreitung den Gegensatz
Interieur und Welt.
Michael Schultzes Eingriff vermittelt sich mit dem Film formal über
James Stewarts Schlaf-Wach-Rhythmus. Dieser Rhythmus liefert die dem Film
immanenten Schwarzblenden. Schultzes zusätzliche Schwarzblenden schließen
die Bilder des Films mit James Stuarts Blick kurz und öffnen den
ganzen Film nach hinten zum Betrachter hin. Dieser hat nun die Funktion
inne, die im Film die Krankenschwester Stella und der Kommissar Thomas
J. Doyle ausüben: die Sinneseindrücke von James Stuart zu korrigieren
und der Kontext für seine Informationen zu liefern.
"Rear Window besteht, wie alle Werke von Michael Schultze,
aus der Aneignung und Bearbeitung eines durchkodierten Ready-made. Die
immanente Hermetik des angeeigneten Werkes in seinen dichten Sinnbezügen
bricht Michael Schultze auf, indem er in das angeeignete Werk Schneisen
schlägt, quasi neutrale unkodierte Plattformen, die ihm als Künstler
die Möglichkeit bieten anzudocken bzw. dem Betrachter Platz lassen
sich einzuschreiben. Diese Strategie ist einer, wie sie Marcel Duchamp
verfolgte diametral entgegengesetzt. Dieser suchte für seine künstlerische
Strategie des Ready-made nach völlig unkodierten Objekten, um diese
dann von seiner (mythologischen) Figur oder vom Betriebssystem Kunst aufladen
zu lassen.
P.C.:Was
bestimmte nun eigentlich die Wahl der jeweiligen Readymades?
M.D.: Das hing ganz von dem betreffenden Objekt ab. Ich wollte vor allem
dem "Look" ausweichen. Es ist ja ungemein schwierig, so ein
Objekt auszuwählen, weil man es meist nach zwei Wochen entweder lieb
gewinnt oder plötzlich satt hat. Deshalb muß man einen Gegenstand
aussuchen, der einen völlig kalt läßt und der keinerlei
ästhetische Emotionen hervorruft. Die Auswahl eines Readymades muß
also von der visuellen Indifferenz und von dem völligen Fehlen eines
guten oder schlechten Geschmacks ausgehen.
Aus "Gespräche mit Marcel Duchamp,
Pierre Cabanne, Spiegelschrift 10, Köln 1972
2. Aufzug
Inventur
"1.Mai
1919
Disposition des Ortes und der Zeit: interieur / geschichte, fenster
/ substitut, exterieur / geschichte
"Gesichtsfeld, "Objekt klein a, "
does
the body rule the mind or does the mind rule the body
Disposition des Sehapparates: white cube / autonomes objekt, black
box / illustration
"Rear Window Disposition der Beziehungen:
interieur / rezeption, hof / white cube, interieur / intention, exterieur
/ black box
In "Dipl(o)m, seiner Abschlußarbeit
an der Akademie der Bildenden Künste München, vereinigt Michael
Schultze die Arbeiten "Objekt klein a, "
does the
body rule the mind or does the mind rule the body
und "Rear
Window in einem Raum und baut zusätzlich in der Manier einer
Filmkulisse ein Teilinterieur, um den Aspekt der Disponibilität des
Ortes aus der Arbeit "1. Mai 1919 mit hineinzunehmen. Auf den
Innenwänden des Teilinterieurs stellt er graphisch zwei sich schneidende
Blasenformen dar, dessen Teilmengenfeld ein kleines "a bezeichnet.
Die verschiedenen Aspekte des Blickens und Erblicktwerdens der ausgestellten
Arbeiten mit all ihren Bezugsquellen werden hier "durch eine lose,
assoziative Verknüpfung der Elemente zum Schwingen gebracht, um in
den so entstandenen Lücken zwischen den Darstellungen, den Dingen,
der Sprache, [den Signifikanten], "Verschiebungen stattfinden
zu lassen und Löcher in der Semantik auftreten zu lassen (aus
Michael Schultzes Texten zu seiner Arbeit). In dieser Arbeit konstruiert
Schultze ein Feld, in dem das Spiel der Bedeutungen, Verweise und Spuren
derartig auf die Spitze getrieben wird, daß die ausgestellten Werke
trotz ihres autonomen Anscheins sich gegenseitig ihren autonomen Restcharakter
nehmen und zu Requisten werden, die nach einer ordnenden Geschichte, einem
Skript verlangen.
3. Das Skript (Drehbuch)
In seinem Beitrag zur Ausstellung "Percept erweitert Schultze
die Strategie der kaleidoskopischen Anordnung der Ausstellungsstücke
um ein weiteres Werk und ergänzt die bisherigen Repräsentationsebenen
"Interieur", "Apparat und "Movie durch
die des "Skripts. "The camera now moves down umfaßt
5 Schriftbilder auf DIN-A0-Plakaten mit Auszügen aus dem Drehbuch
zu Hitchcocks "Rear Window. Als ausgestellte Schrift-Bilder
sind sie auf derselben Darstellungsebene wie die Filmbilder oder die Apparatobjekte
angesiedelt, obwohl das "Skript kategoriell vor dem "Bild
und vor dem "Apparat steht."Rear Window in Berlin
1997 zeigte Michael Schultze die Arbeit "Rear Window in dem
Glaspavillon der Volksbühne in Berlin. Der Pavillon steht auf einem
Platz im öffentlichen Raum. Schultze projizierte den Film auf eine
Wand des Pavillons. Die Durchsichtigkeit und allseitige Zugänglichkeit
des Pavillons ist komplementär zur Filmarchitektur. Die Architektur
im Film ist hermetisch und unzugänglich. Die konstitutiven Ebenen
Betrachterstandpunkt und Betrachtergegenstand sind auf zwei gegenüberliegende
Gebäude verteilt, die einen Innenhof einfassen und zur Welt hin nur
einen schmalen Hofausgang lassen. Die Öffnung des Films mittels Schwarzblenden
zum Betrachter hin korrespondiert bei der Präsentation in Berlin
mit der Offenheit der Architektur. Der Betrachterstandpunkt wird in der
Wiedergabe des Films zum Projektorstandpunkt und der Betrachtergegenstand
zur Projektionsfläche. Projektorstandpunkt und Projektionsebene sind
in Schultze Installation hintergehbare und somit hinterfragbare Ebenen.
3. Aufzug
Meine
Cordelia!
Ich sei in mich selbst verliebt, sagt man von mir. Das wundert mich nicht;
denn wie sollte man merken können, daß ich zu lieben vermag,
da ich nur Dich liebe, wie sollte sonst jemand ahnen, da ich nur Dich
liebe? Ich bin in mich selbst verliebt, warum? Weil ich in Dich verliebt
bin; denn Dich liebe ich, Dich allein und alles, was Dir in Wahrheit gehört,
und also liebe ich mich selbst, weil dieses mein Ich ja Dir gehört,
so daß, wenn ich Dich zu lieben aufhörte, ich aufhören
würde, mich selbst zu lieben. Was also in den profanen Augen der
Welt Ausdruck des größten Egoismus ist, das ist für Deinen
eingeweihten Blick Ausdruck der reinsten Sympathie, was in den profanen
Augen der Welt Ausdruck der prosaischsten Selbsterhaltung ist, das ist
für Dein geheiligtes Gesicht Ausdruck der begeistertsten Vernichtung
meiner selbst.
Søren Kierkegaard Entweder Oder 1. Teil
Tagebuch des Verführers S. 472 ff.
Das Oszillieren der Hierarchie der Repräsentationsebenen
war schon in Arbeit "Dipl(o)m Teil einer Strategie von referenter
Bedeutungszertrümmerung und rezeptioneller Bedeutungserstellung,
die Michael Schultze konsequent weiterbetreibt. Im Horizont der vermittelteten
Beziehung zur Objektwelt, wo jedes Objekt durch sein fotografisches Abbild
oder durch Geld substituierbar ist, ist folglich jedes Objekt auch durch
jedes andere Objekt ersetzbar. Wie in den Filmen von Godard, der die unterschiedlichsten
Ab-Bilder reale Natur, gemalte Natur, das Wortbild "NATUR
aus ihren kohärenten Zusammenhängen von Ort und Geschichte
isoliert und auf eine einzige Ebene, die des Signifikanten hebt, um sie
dann nach formal-rhythmischen Gesichtspunkten neu zu montieren, verfährt
Schultze mit seinen Kunstobjekten. Von Ort und Geschichte befreit, flottieren
sie wie ungebundene Atome und warten auf ein Subjekt, das sie sieht und
zu seiner eigenen Geschichte neu bindet. Hier liegt die Brisanz und Radikalität
von Michael Schultzes Werk. Seine Arbeiten sind Attribute oder Requisiten
eines bestehenden oder möglichen Diskurses: sie sind jeder Eigenbedeutung
beraubt und zugleich überfrachtet mit dem Potential möglicher
Fremdbedeutung. Gleich einer Bühne kann auf ihnen alles und nichts
stattfinden. Sie sind der "Hof zwischen den Subjekten, die
an den Rezeptionspolen dieser Objekte andocken und ihre Geschichte schreiben
wollen. Michael Schultze überführt die Avantgardefunktion der
Kunstwerke in eine Avantgardefunktion des Diskurses. Der Diskurs hat keinen
bestimmten Ort und keine bestimmte Zeit. Schultze weiß, daß
es weder unschuldige (Kunst)Objekte noch sie schützende Orte gibt,
keine verbindliche (Kunst)Geschichte, in der die Objekte der Kunst geborgen
sind. Dasselbe gilt für die betrachtenden Subjekte. Ihr jeweiliges
Interesse korrumpiert jede Unschuld es sei denn, man würde
diese private Begierde in Begehren verwandeln, indem man den Dingen und
den Subjekten den Grund entzieht und sie radikal finalisiert.
4. Aufzug
"Du
bist wie ein Mädchen, das sich mit vielen Männern abgegeben
hat und den einzigen Mann, den sie wirklich liebt, abweist unter dem Vorwand,
daß sie mit vielen was gehabt hat."
"Denk, was du willst. Warum gehst du nicht? Ich habe mit vielen etwas
gehabt, mit mir darfst du nicht rechnen. Bitte geh, Michel, worauf wartest
du noch?"
"Nein, ich bleibe. Ich bin so oder so erledigt. Außerdem sehne
ich mich nach dem Gefängnis."
"Du bist verrückt.
"Ja, da wird keiner mit mir reden. Ich sehe nichts als vier Wände."
"Und eines Tages wirst du
"
"Verdammt, Berruti
""Berruti
"
"Salut Amigo, warte, ich will erst parken."
"Hau ab, in fünf Minuten kommt die Polizei."
"Hier, dein Geld."
"Hau ab. Die Amerikanerin hat mich verpfiffen."
"Scheiße. Los, komm her!"
"Nein, ich bleibe. Mach, daß du wegkommst."
"Mach keinen Quatsch, steig ein!"
"Nein, ich bleibe hier. Ich hab' die Nase voll. Ich will schlafen.
Ich bin todmüde."
"Du bist ja völlig verblödet. Los, steig ein!"
"Auf die Polizei pfeif ich. Die reißen mir den Kopf nicht ab.
Mich ärgert nur, daß ich die Kleine nicht vergessen kann. Es
gelingt mir nicht."
"Willst du meinen Revolver haben?"
"Nein."
"Stell dich nicht so blöde an."
"Ach, verschwinde!""Du bist wirklich zum Kotzen."
"Was hat er gesagt?"
"Er hat gesagt, Sie wären wirklich zum Kotzen."
"Was ist das, Kotzen?"
Jean-Luc Godard, "Außer Atem
Bei Godard ist diese radikale Finalisierung immer
der Tod.
5. Aufzug
4.) Die Räume
Black Box 1
"Don Hills ist ein Schwulen- und Lesbenklub
in New York. Wie die meisten Klubs, so ist auch dieser schwarz gestrichen
und wird neben notdürftiger Beleuchtung hauptsächlich durch
den laufenden Fernseher und die Diaprojektionen und Lightshow der Bühne
erhellt. Dort treffen sich Leute zum Kennenlernen. Sie spielen das Spiel
von strategischer Selbstkodierung und interpretierender Fremdkodierung.
1996 zeigte Michael Schultze dort unter dem Titel "Don Hills
im Drei-Sekunden-Rhythmus 81 Dias mit Standbildern aus dem Film "Außer
Atem. Wieder erhöht er bei einem Film, den er sich angeeignet
hat, die Anzahl der Schnitte und öffnet diesen zum Puplikum hin,
das sich nun mit seiner parallelen Anstrengung, sich selbst begehrenswert
zu machen und zugleich das begehrte Subjekt zu lesen, in die offene Struktur
des Dia-Films einklinken kann.
Thanksgiving Day
Am letzten Tag meines New Yorkaufenthaltes war ich bei dem sehr berühmten
Künstler A zu Gast. Außer mir waren noch zwei Künstlerinnen
aus Marseille und aus Braunschweig eingeladen. Die Frau des Künstlers
erzählte von dem ersten Besuch ihres zukünftigen Mannes bei
ihrem Vater. Dieser, ein Psychoanalytiker, hatte die Angewohnheit, beim
Essen den Teller seiner Nachbarn mit der Frage, ob es ihm denn nicht geschmeckt
habe, einfach leer zu essen. A erzählte, auch ihm sei es bei seinem
ersten Besuch so ergangen. Seine zukünftige Frau habe ihn nicht vorgewarnt.
Konsterniert habe er den Schwiegervater in spe dabei zugesehen, wie dieser
sich über seinen Teller hermachte, und gedacht: "What a greedy
family!"
Nach dem Essen stand A auf und sagte: "Lets go to Baby Doll Lounge.
Is this okay for you?" Wir gingen ohne die Ehefrau, die sich mit
dem Hinweis auf den zu besorgenden Abwasch und ihre Müdigkeit entschuldigte,
in die Toplessbar um die Ecke. Das Eintreten war problemlos, kein Klopfen
oder Klingeln war vonnöten, keiner, der vorher eine Luke in der Tür
öffnete und uns musterte. Wir gingen hinein, wie in in eine normale
Straßenkneipe. Der Raum war nicht sehr groß, ein einfacher
Kubus, der von der Tür aus zu überblicken war. Auf der linken
Seite befand sich die Bar, auf der rechten eine mit Teppichboden übezogene
Bühne mit einem Objekt, das an einen Katzenbaum erinnerte. An diesem
räkelten sich drei Frauen, so um die zwanzig, die, nur mit einem
Tanga und hochhackigen Schuhen bekleidet, auf der Bühne tanzten.
Wir durchquerten den Raum durch den schmalen Gang zwischen den besetzten
Barhockern und der Bühne und ließen uns an der Stirnseite der
Raumes nieder. Von dort aus sahen wir die Tänzerinnen und die gaffenden
Männer auf den Barhockern. Die Körper der tanzenden Frauen zogen
mich magisch an. Keine großen Brüste, keine grelle Schmincke
im Gesicht, keine künstlich gebräunte Haut, die etwas Distanz
geschaffen, ihnen etwas Aggressives gegeben, sie als sogenannte Professionelle
kodiert, ihnen etwas Schützendes verliehen hätte. Ich schwankte
zwischen lüsternem Begehren dieser weißen weichen wunderschönen
und unverstellten Körpern und der Analyse meiner Situation: Du sitzt
hier in einem schäbigen Establishment, wo auf verklemmte und frauenverachtende
Weise gegen Geld Augenpetting dargeboten wird. Die aufkommende Verlegenheit
überspielte die Dame aus Marseille mit analysierenden Bonmots, während
die Braunschweiger Künstlerin, Unterstüzung für ihre Entrüstung
suchend, sich in unserer Muttersprache an mich wandte. Sie hatte schon
seit einiger Zeit ihren Blick auf mich gerichtet und mich in meinem Vorsatz
gestört, nicht mehr länger über die Situation nachzudenken
und mich vollständig dem Begehren hinzugeben. Ich lächelte hilflos
zurück, versuchte ihr vor Augen zu führen, daß es hier
nicht darum gehe, recht zu haben. Unsere Whiskeygläser standen auf
der Tanzfläche. Während ich versuchte, ein Gleichgewicht zu
finden zwischen der Solidarität mit der Wut, Aufgebrachtheit und
Verletztheit meiner Gesprächspartnerin und meinem Begehren, stieß
plötzlich eine Tänzerin, als wolle sie mein Problem mit ihren
Mitteln lösen, das Glas der Braunschweiger Künstlerin um. Der
herbeigeeilte Klubmanager fragte wohlwissend, was passiert war
, ob eine seiner Tänzerinnen das Glas umgeworfen hätte,
bereit, diese augenblicklich zu feuern. Gespannt wartete ich auf die Antwort
der Braunschweigerin. Sie schwieg. Ich griff in die Auseinandersetzung
ein und erklärte dem Manager, das Glas sei durch mein Versehen umgefallen.
Von der Bühne herab traf mich ein warmer, dankbarer Blick. Als wir
gingen, sagte A: "You know Michael, this is the ultimative artwork."
Ich gab ihm recht.
Aus dem Tagebuch des Autors.
Black Box 2
"Billy's Topless Bar ist eine New Yorker
Bar, Frauen "oben ohne auf einer Bühne tanzen. Der Raum
hat die Form eines langestreckten rechteckigen Kubus. Die Längsseiten
links und rechts der Eingangstür sind vollständig verspiegelt.
Auf der rechten Seite ist die Bar, auf der linken die Bühne, auf
der die nur mit einem bunten Slip bekleideten Mädchen tanzen. Die
rhythmische Bewegung ihres Körpers zur Discomusik wird durch das
lüsterne Zustecken eines Dollarscheins ekstatisch und hingebungsvoll,
als wollten sie demonstrieren, welch außergewöhnlicher Liebesakt
dem zahlenden Voyeur bevorstünde. Michael Schultze, Bernhard Helzel
und Wolfgang Mayer erklärten diese Bar zum Kunstwerk und luden an
einem bestimmten Abend zu einer bestimmten Uhrzeit zur Vernissage. Diese
Setzung öffnete auch hier mit dem auf Kunstrezeption ausgerichteten
Blick des Vernissagenpublikums eine gegebene Situation. Das "intakte
Beziehungsgeflecht zwischen den Tänzerinnen und den Barbesuchern
wird durch den analysierenden Blick der Kunstbetrachtung zerstört
und auf einer neuen Ebene wieder aufgebaut. Im Horizont dieses Werkes
stehen erneut die Momente Begehren, Substitut, Kommensurabilität,
Blicken und Erblickwerden, nur ist hier der ausgestellte Blick kein zum
Objekt gefrorener wie bei den Glasblasen, sondern der lebendige und vollziehende
des normalen Barbesuchers.
Das Interieur
Die Arbeit "Blindes Doppel realisierte
Michael Schulze 1995 anläßlich der Gruppenausstellung "Nahverkehr
im Wohnzimmer eines leerstehenden Nürnberger Wohnhauses. Der nicht
mehr zu erfahrenden Geschichte dieses leerstehenden Wohnraums wird eine
nicht zu erfahrende Geschichte eines Kinofilms gegenübergestellt.
Schwarze Flächen am Boden und der heruntergekomme Zustand der Wohnung
verweisen den Betrachter auf eine diese Spuren erklärende Geschichte,
er kann jedoch nicht mehr erfahren, was in dieser Wohnung passiert ist.
Schultze füllt diese "leere Geschichte mit Dialogfragmenten
aus einem Kinofilm. Frei nach dem Motto "Wenn die Wände Ohren
hätten, beschrieb er die leeren weißen Wände mit
Textpassagen des Films "Pierrot Le Fou von Godard. Obwohl die
Textpassagen mit einer indexikalischen Referenznummer versehen sind, geben
sie genausowenig wie die Spuren in der Wohnung dem Betrachter ihre Herkunft
preis. Die Nummern verweisen auf ein dem offenen Fenster gegenüber
an der Wand hängendes T-Shirt. Auf dem T-Shirt, das wie ein vergessenes
Kleidungsstück die Wohnung möbliert, wurden philosophische Texte
gedruckt, welche die indexikalischen Verweise aufnehmen, aber keinen wirklich
erklärenden Bezug zu den referenten Sätzen an der Wand haben.
Diese Konstruktion von Deutung und Mißdeutung verweist auf den Umgang
des Betrachters mit der leeren Wohnung. Der Betrachter bezieht sich auf
die Wohnungsspuren mit einer interpretierenden Geschichte, so wie sich
der philosophische Text mit einer indexikalischen Zahl auf die Dialoge
bezieht. Beide Beziehungen sind gesetzt, frei, willkürlich. Formal
gesehen aber wurden über die Deutungsanstrengung Betrachter und philosophischer
Diskurs auf eine gemeinsame Ebene gebracht und kommensurabel gemacht,
so wie auch die Geschichtsspuren der Wohnung und die Textspuren des Films
auf einer darunterliegenden, scheinbar referenten Ebene miteinander korrespondieren.
(Wieder eignet sich Michael Schultze einen Film an, der ein dichtes Gewebe
von Sinnbezügen aufweist. Wieder fragmentiert er dieses Gewebe, diesmal
nicht durch Schwarzblenden, sondern durch das Herauslösen von Textpassagen,
die als isolierte Textfragmente gezeigt werden. Wieder erhöht er
die an sich schon hohe Zahl der Schnitte in Godards Films. Wieder konstruiert
er einen sichtbaren Teil, der auf einen dahinter- bzw. darunterliegenden
unsichtbaren verweist. Wieder ergibt sich für den Kenner des Films
eine Tiefengrammatik zur Oberflächengrammatik des sichtbaren Teils
von Schultzes Werk. Wieder hat diese Tiefengrammatik eine Spiegelfunktion.)
Die Isolierung von Dialogpassagen aus "Pierrot le Fou zerstört
die Sinnkohärenz des Films und öffnet sie für neue Bezüge.
An diese Öffnung klebt sich der leere Raum, dem man eine Geschichte
ansieht, doch nie weiß man, welche. Wieder verlängert Schultze
die Leere des Anwesenden, Sichtbaren und evoziert mit dem Anbringen einer
fremden Geschichte an die leeren Wände mögliche Geschichten
des Raumes. Die Geschichte des Films "Pierrot le Fou bildet
mit den möglichen Geschichten des Betrachters auf der performativen
Ebene eine Klammer, zu der Schultze eine weitere konstruiert: die der
scheinbaren Erkenntnis und des Ausblickes. Das bedruckte T-Shirt hängt
nicht nur gegenüber der Fensteröffnung, sondern verhält
sich in seinem erklärenden Charakter komplementär zur Möglichkeit
von Welterkenntnis durch den Blick aus dem Fenster. Das T-Shirt steht
für ein diskursives Subjekt, das verschiedene Räume betreten,
Erfahrung sammeln und möglicherweise die verborgenen Geschichten
entbergen kann. Aber wie die scheinbare erkennende Sicht durch das Fenster
auf die Welt, so bleiben auch die Erklärungen auf dem T-Shirt ausschnitthaft,
fragmentarisch und geheimnisvoll.
(2)
Die Ideen verbessern sich. Die Bedeutung der Worte trägt dazu bei.
Das Plagiat ist notwendig. Der Fortschritt impliziert es. Es hält
sich dicht an den Satz eines Verfassers, bedient sich seiner Ausdrücke,
beseitigt eine falsche Idee, ersetzt sie durch die richtige.
(1)
Wichtig ist, daß ein Bild die Matrix des Imaginären konstruiert:
Erkennen/Falsch-Erkennen und Identifikation und damit die erste Artikulation
des "Ich", kurz Subjektivität. Dies ist ein Augenblick,
in dem eine bereits vorhandene Lust am Schauen mit der ursprünglichen
Ahnung von Selbst-Bewußtsein kollidiert.
(4) Die Szene ist wie
der Satz: strukturell gesehen nötigt nichts dazu, ihr ein Ende zu
setzen; kein innerer Zwang erschöpft sie, weil die Erweiterungen,
wenn der Knoten (das Faktum, die Entscheidung) wie beim Satz erst einmal
geknüpft ist, unendlich dehnbar sind.
(3) Die Entwendung ist
die flüssige Sprache der Antiideologie. Sie erscheint in der Kommunikation,
die weiß, daß sie nicht beanspruchen kann, irgendeine Garantie
in sich selbst und endgültig zu besitzen. Sie ist, im höchsten
Grad, die Sprache, die kein früherer und überkritischer Bezugspunkt
bestätigen kann.
Sie erklären den Ort nicht, die Geschichten nicht,
das Kunstwerk nicht, sie bilden das blinde Fenster, hinter der sich die
Vorgehensweise des Künstlers verbirgt, und nur der bereits Wissende
wird diese darin wiederfinden.
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