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Michael Hofstetter
Vortrag Akademie Braunschweig
"Über meine Arbeit",
2000
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Anwesende!
Für die klassische Moderne in ihrem Beharren auf Reinheit, Klarheit
und Selbstreferenzialität war die Fotografie ein Gespenst, das es
von der bildenden Kunst fernzuhalten galt. Man kann sogar sagen, daß
sich die Moderne in ihrer Forderung nach Offenlegen aller eingesetzten
Mittel erst in Abgrenzung zur Fotografie herausgebildet hat. Wenn die
Fotografie trotzdem in die Welt der Moderne Einlaß fand wie
zum Beispiel bei Bloßfeld oder Moholy Nagy , hat sie ihr Eigentliches
verleugnet: ihre Macht der Verführung und ihre Kumpanei mit dem Begehren
des Betrachters.
Das fotografische Verfahren, die Black Box, steht dem White Cube der Moderne
diametral entgegen. Die Fotografie widerspricht den konstitutiven Merkmalen
der Moderne, widerspricht ausschließlicher Selbstreferenzialität,
Transparenz und, in ihrer radikalen Zeitgenossenschaft, dem modernen Anspruch
auf Allgemeingültigkeit und Essentialität. Die fotografischen
Bilderzeugnisse entstehen immer im Dunkeln, erzählen immer, auch
wenn sie jeden Hinweis darauf eliminieren, von einem bestimmten Ort und
einer bestimmten Zeit. Der Blickpunkt bleibt als unauslöschliche
Spur erhalten.
Selbst die abstrakte und konkrete Fotografie ist immer eine Manifestation
des Blicks und Zugriffs des Fotografen.
Im Gegensatz zu moderner Selbstkritik und Selbstbespiegelung ist das fotografische
Verfahren ein Verführungs- und Überzeugungsmedium. Es will immer
den Betrachter auf etwas hinführen. Diese Absichtsstruktur ist dem
apparativen Verfahren der Fotografie eingeschrieben. Fotografie war und
ist probates Hilfsmittel, Erzeugnisse einem großen Publikum vorzustellen
und gegebenenfalls zum Kauf zu animieren. Eine Leistung, die auch von
den KünstlerInnen der Moderne in Anspruch genommen wurde. Im Bündnis
mit dem kapitalistischen Vertriebs- und Verkaufssystem hat sich die Fotografie
als dienendes Werkzeug getarnt, Eintritt in jenes Milieu verschafft, das
mit ihr ob ihres obskuren Charakters nichts zu tun haben wollte.
Das ist der blinde Fleck der Moderne. Die fotografische Präsentations-
und Verbreitungspraxis entlarvt den Anspruch des modernen Kunstwerks,
reflektierender Ausweis aller in ihm eingeschriebenen Momente zu sein,
als Ideologie. Denn die Werke der Moderne weisen ihre mediale Verbreitung
und ihren Warencharakter nicht als Teil ihrer selbst aus. Trickreiche
Ausnahmen hiervon sind der die Postmoderne antizipierende Marcel Duchamp
und die russischen Konstruktivisten, die das Feld der autonomen Kunst
auf die Gesellschaft hin erweitern.
Die Kunstgeschichte der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts
kann als fortlaufende Korrektur dieser Ideologie der Moderne verstanden
werden. Den Anfang machen Rauschenberg mit seiner Ausradierung einer De
Kooning-Zeichnung und Warhols Campbell's Soup Cans. Die Pop Art ist die
erste Bewegung, die die durch das fotografische Bewußtsein veränderten
Rezeptionsbedingungen in ihre Produktion aufnimmt. Diese positive Aufnahme
des medialen Bewußtseins, der analytischen Rezeption, in die künstlerische
Praxis ersetzt zunehmend das für die Moderne konstitutive Moment
des Ästhetischen durch Rezeptionswissenschaften wie Linguistik, Psychoanalyse,
Soziologie, Politik und Ethnologie. Schlagwörter wie politically
correctness, Gender-Problematik und institutional critics seien hier als
Beispiele genannt.
Diese Ablösung des Allgemeinen durch das Spezifische, des Zeitlosen
durch Mode, des Werkes durch Text, der Form durch Kodes bildet den Ausgangspunkt
meiner künstlerischen Arbeit. Gängige Praxis ist derzeit, diesen
Prozeß affirmativ in Privatheit und Subjektivität zu verlängern.
Dagegen versucht meine Kunst, eine Form zu finden, wo der intersubjektive,
allgemeine und aufklärende Anspruch der Moderne und das Subjektive,
die medialisierten Projektionen und Tagträume der Zeitgenossen, gleichberechtigt
nebeneinander existieren.
Zugleich problematisiert sie den blinden Fleck von Fotografie, Film, Fernsehen
und Computer, die ihren subjektiven und ausschnitthaften Zugriff auf Welt
als objektive Tatsachenbehauptung ausgeben.
Meine Arbeit fragt danach, inwieweit sich hinter den einzelnen, sich als
absolut setzenden, zu Diskursen und Moden gebündelten Blicken auf
Welt noch ein objektiver Seinszusammenhang ausmachen läßt.
Ganz allgemein läßt sich meine Verfahrensweise dadurch beschreiben,
daß ich die oben beschriebene Ablösung des Ästhetischen
durch das Strukturelle zurückbiege. Mein Ausgangspunkt ist derselbe
wie der der Apologeten von Subjektivität, Privatheit und Identität:
die Erkenntnis, daß die Geschichte im Hegelschen Sinne zu Ende sei.
Die Verfechter des Privaten ziehen daraus den Schluß, daß
die Kunst keinen objektiven Horizont mehr habe und daher zu keiner emanzipatiorischen
Leistung mehr fähig sei. Dies meine ich nicht. Die Gründe hierfür
vorzutragen, würde den Rahmen dieses Vortrages sprengen.
Am Beginn aller meiner Arbeiten steht die Untersuchung des gegebenen Ortes
und der Möglichkeiten, die er für Einschreibungen durch Dritte
bietet. Dort, wo kein Ort mehr existiert wie auf Messen oder Gruppenausstellungen,
wird die Erwartung der Rezipienten entweder positiv in das Werk aufgenommen
oder dergestalt zurückgewiesen, daß das Werk zum leeren Platzhalter
seiner selbst wird. Diese faktischen und latenten Einschreibungen werden
in buchstäblichster und einfachster Weise sichtbar gemacht und die
gewonnenen Formen und Bildergebnisse akkumuliert. Am Ende soll ein Werk
stehen, das durch die orts- und zeitspezifischen Einschreibungen hindurch
autonomen Charakter gewinnt. Ein Werk, das nicht, wie das Kunstwerk der
Moderne, unterdeterminiert, sondern überdeterminiert ist.
Diese Vorgehensweise läßt sich am besten mit der Gegenüberstellung
vom Sammler und Allegoriker, wie sie Walter Benjamin in seinem Passagenwerk
vorgenommen hat, illustrieren. Der Sammler kommt von einem Ding zum anderen
durch deren Verschwandtschaftsverhältnis. Seine wachsende Sammlung
konstituiert ihn als Person und gibt ihm ein Gehäuse, einen Unterschlupf,
in der Welt. Für den Allegoriker hingegen haben die Dinge als vom
Blick präformierte Erscheinungen keine natürlichen Verwandtschaftsbeziehungen
mehr. Sie werden als sichtbare Konstruktion durch ihn zusammengeführt.
Er sieht die Dinge als Zeugnisse der an ihnen haftenden Ideologien. Nebeneinander
aufgereiht entlarven sie sich gegenseitig in ihrem präformierten
Zustand und evozieren die Frage, was hinter den Ideologien sei. Auf diese
Weise gibt der Allegoriker den Dingen ihr Fremdsein zurück und positioniert
sich selbst im ungesicherten Terrain der Heimatlosigkeit. Darin ist er
größerer Realist als der Sammler.
Denn natürliche Verwandtschaftsverhältnisse der Dinge gibt es
nicht mehr, seit der Mensch der fortgeschrittenen Tauschgesellschaft nicht
direkt, sondern durch einen apparativen Filter, durch Fotoapparat, Fernseher
oder Filmprojektor auf die Welt schaut. Der Apparat übersetzt die
Dinge in ein Raster, eine Körnung oder in Pixel auf der Ebene eines
Textes mit 0-1-Kodierung und macht sie so kommensurabel. Diese Kommensurabilität,
die das Geld und die Fotografie und andere Übersetzungsapparaturen
in unsere Welt gebracht haben, begründet die allegorische Vorgehensweise
meiner Arbeit.
Diese medial übersetzte Wirklichkeit läßt sich von keiner
wirklichen Wirklichkeit unterscheiden oder abziehen. Fotografie und Film
sind nicht mehr übersetztes Bild einer Wirklichkeit sondern vielmehr
Vorlage, nach der Wirklichkeit erzeugt wird. Ob Architektur, Landschaft
oder Körper, in Umkehrung des Abstraktionsprozesses erscheint uns
heute die Welt als gebaute Inszenierung und als fiktive Setzung. Dieser
Umkehrung des Abstraktionsprozesses gehe ich in meinen Werken nach. Die
Rezeption, der Blick des Betrachters und die durch ihn projizierte Welt,
steht am Anfang, nicht am Ende meiner Vorgehensweise. Die Fotografie fungiert
hierbei nicht als medialer Unterschlupf für ein Künstler-Ich
sondern als Modell für das aktuelle Verhältnis Mensch und Welt,
wo eine vermittelte Welt und ein kodierender Blick sich gegenüberstehen.
Ihre Beziehung ist nach dem Motto what you see is what you get
bei den meisten Menschen eine tautologische. Aufgrund seines persönlichen
Hintergrundes wie Bildung, Neigung und Geschlecht geht jeder Mensch unterschiedliche
tautologische Vereinigungen mit der Welt ein. Die Gemeinsamkeiten und
Differenzen zwischen den verschiedenen Mensch-Welt-Tautologien eröffnen
ein Feld, das Begriffe wie Mode, Werbung, Interieur, Exterieur, Monitor,
Körper, Welt, Denotation, Konnotation, Ort, Zeit, Fiktion, Realität,
Privatheit, Öffentlichkeit etc. umfaßt. In diesem Begriffsfeld
lokalisiert sich meine Arbeit. Sie stellt die verschiedenen Seinstautologien
allegorisch nebeneinander, um über ihre Differenzen und Widersprüche
ein Drittes zu erzeugen, das jenseits der Mechanismen des medialen Apparates
liegt.
Im folgenden werde ich Ihnen ausgewählte Arbeiten aus den letzten
zehn Jahren vorstellen.
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