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Michael Hofstetter
Vortrag Gasteig München anläßlich
des Symposiums
"Der Reiz des Privaten" 9. und
10. März 2001
"Kunst und Mode",
2001
Sehr geehrter Damen und Herren,
liebe Anwesende!
Ab jetzt werden Sie, sofern Sie mich nicht schon kennen oder zu kennen
glauben, versuchen, ein Verhältnis zu dem, was ich sage, herzustellen.
Sie werden meiner Redeweise, meinem Stil, meinem Auftreten dabei genausoviel
Aufmerksamkeit schenken wie dem Inhalt dessen, was ich Ihnen hier vortrage.
Sie werden zuerst auf allen Ebenen nach Einverständnis suchen und
mir die Chance geben, meinen Vortrag zum heimlichen Lobpreis Ihrer Gefühle
und Gedanken, kurz Ihrer Person werden zu lassen. Sie suchen nach Erkennungsmelodien
in meiner Rede und basteln schon seit den ersten Worten an einem möglichen
Gruppenkörper. Vielleicht haben Sie schon Signale diesbezüglich
an Ihren Nachbarn oder Ihre Nachbarin ausgesendet. Sie forschen nach Codes
in meinen Sätzen und wehe mir, wenn ich keine Projektionsfläche
für Ihre Person biete. Sie sind nicht ohne weiteres bereit, sich
auf fremdes Terrain zu begeben.
Das Ihnen hier unterstellte Verhalten, meine Damen und Herren, hat viel
mit der alles beherrschenden Rolle des Medialen, hat viel mit Fotografie
zu tun. Kein Medium hat Sie als Person, als Subjekt, als Amateur, mehr
ins Recht gesetzt als die Fotografie. Daß diese zeitgleich mit der
Psychoanalyse entstand, die diese subjektive Anmaßung über
die Welt wissenschaftlich objektiviert hat, ist kein Zufall, sondern notwendige
Ausprägung eines geschichtlichen Prozesses zunehmender Substitution
von Referenz durch Autonomie, von Geschichte durch Gegenwart, von Welt
durch Ich. Dieser Prozeß der Ablösung eines geworfenen Ichs
in einen zu erforschenden Kosmos durch ein Subjekt im selbstentworfenen
Kosmos bis zu einem selbstentworfenen Subjekt als Kosmos, dieser Prozeß
ist der Hintergrund meiner künstlerischen Arbeit. Auf der Ebene des
Einzelnen wird diese Ablösung dadurch sichtbar, daß die jeweilige
Rezeption von Welt größere Bedeutung hat als die Welt selbst.
Auf der Ebene des Raumes äußert sie sich in einer zunehmenden
Interieurisierung von Welt. In beiden Fällen geht das rezeptive Zurechtrücken
von Welt einher mit dem sich Einrichten in Welt.
Ich werde in meinem Vortrag die räumlichen Konstituenten meiner Arbeit
zugunsten ihrer wahrnehmungsideologischen vernachlässigen und versuchen,
die Rolle der Fotografie dahingehend zu beleuchten, inwieweit sie Teil
hat an dieser Entwicklung, in der die Sache selbst zugunsten der jeweiligen
Sicht auf die Sache verschwindet.
Dieses Ablösen des Repräsentierten durch seinen Repräsentanten,
das Ablösen der Welt durch Bilder und der Bilder durch Bilder impliziert
die Idee eines Fortschritts. Obgleich dieser Fortschritt ein bloß
formaler ist, wurde er zwischenzeitlich zu einem Qualitätsmerkmal
von Kunst. Einerseits bedeutet dies, daß neue Medien und Ausdrucksformen
nicht mehr auf ihre genuin ästhetische Qualität geprüft
werden, sondern per se als alten Medien und Ausdrucksformen überlegen
gelten: Bilder nach Fotovorlagen zu malen gilt als zeitgemäßer
als die Problematisierung von Malerei überhaupt. Auf der anderen
Seite haben die neuen Medien einer Haltung Vorschub geleistet, in der
ihre Ablehnung allein schon als Qualität angesehen wird wie
in der derzeitigen Renaissance vorgeblich authentischer Expression.
In diesem formalen Fortschritt der Repräsentationen folgt eine Aufzeichnung
von Wirklichkeit auf die andere und bildet eine mediale Eigenwelt, dessen
Erscheinungsbild geprägt ist durch die technischen Möglichkeiten
der Apparate. Diese Apparatsprache legt sich quasi wie ein Filter über
die wirkliche Welt und bildet mit dieser zusammen Welten in einer höheren
Kategorie. Die fotografischen Bilder sind daher weniger Dokumente einer
bestehenden Wirklichkeit als vielmehr Projektionen einer kommenden. Diese
Verselbständigung des Medialen, die Marshall McLuhan mit dem Schlagwort
"Das Medium ist die Botschaft" auf den Punkt gebracht hat, ist
Ausdruck einer Wirklichkeit, in der die Einbildung über die Tatsache,
der einzelne Ausschnitt über dem Ganzen, das Aktuelle über der
Geschichte stehen.
An dieser Entwicklung hatte die Fotografie wesentlichen Anteil. Sie führte
fort, was einst den Gläubigen katholischer Dogmen vorbehalten war:
Sie übersetzte die Welt in ein jeweiliges Interesse an der Welt.
Der Satz des Augustinus "Glauben um zu Wissen" fand in der Fotografie
das Medium, das ihn versinnbildlichte und popularisierte. Was einst für
die katholische Kirche galt, galt seit der Fotografie für die ganze
Menschheit. Die Wirklichkeit war fortan eine auf den Menschen hin zugeschnittene,
war domestiziert und subjektiviert. Setzt man für versubjektivierte
Welt privatisierte Öffentlichkeit und für verobjektiviertes
Subjekt veröffentlichte Privatheit, ist man beim Thema dieses Symposiums
angekommen.
Das 1988 entstandene Werk: "Die Fotografie war eine Erfindung der
katholischen Kirche" eröffnete über die Gleichsetzung von
Reliquie und Fotografie diesen Bezugsrahmen von versubjektivierter Welt
und verobjektiviertem Subjekt, in dem sich nun seit über zehn Jahren
in verschiedensten Ausformungen meine künstlerische Tätigkeit
bewegt. In der Reliquie wie in der Fotografie setzt sich die aktuelle
Erscheinung einer Sache als absolut und substituiert ihren Referenten,
das reale Vorbild. So wie die Reliquie an die Stelle des wahren und authentischen
Heiligen tritt, so tritt das Foto an die Stelle des auf ihm abgebildeten
Geschehens oder Sachverhalts.
"Die Fotografie war die Erfindung der katholischen Kirche" besteht
aus zwei Teilen: einer Wandkonsole mit zwei Dokumentationfotografien und
einem DIN A5-Umschlag sowie einem Triptychon.
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Michael Hofstetter: Die
Fotografie war eine Erfindung der katholischen Kirche, 1988 (Detail)
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| Diese Konsole
dient wie auf dem DIN A5-Umschlag zu lesen ist der "Dokumentation
eines Versuches zur Führung des Beweises, dass die Fotografie eine
Erfindung der katholischen Kirchen gewesen sei". |

Michael
Hofstetter: Die Fotografie war eine Erfindung der katholischen Kirche, 1988
(Detail) |
Die Fotografien zeigen die beiden Seitenaltäre der katholischen Kirche
in meinem Heimatort Langenargen am Bodensee. |

Michael
Hofstetter: Die Fotografie war eine Erfindung der katholischen Kirche, 1988
(Detail) |
| Die Reliquienschreine
sind von einer schwarzen Kiste verstellt, die dieselben Maße wie die
Schreine aufweist und als Lochkamera fungiert. |
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Die Fotografie war eine Erfindung der katholischen
Kirche, 1988
Konsole: 2 18/13 Farbfotografien, DINA5 Umschlag;
S/W Prints, Leuchtkasten, Dia, Neonröhren
57cm x 90cm x 30 cm; 67 cm x 210 cm, 60 cm x 60 cm, 67 cm x 210 cm
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Die Fotografien der mit dieser
Lochkamera aufgenommenen Reliquien stehen zum realen Vorbild im Verhältnis
1:1. Sie bilden auf der Werkebene die Flügel eines Triptychons. Die
Mitte des Triptychons bildet ein Leuchtkasten, der die Form und das Aussehen
einer Lochkamera hat, aber anstatt des Loches in der Mitte ein Dia aufweist.
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Michael Hofstetter: Die Fotografie war eine Erfindung
der katholischen Kirche, 1988 (Detail) |
Das Dia zeigt
entsprechend der referenten Anordnung in der Kirche den über dem Tabernakel
stehenden Pelikan, der sich die Brust aufreißt für die Ernährung
der Nachkommen. Das Original opfert sich zugunsten der Kopie, weil dort
die Hoffnung liegt. Der Pelikan wird zur Metapher für das fotografische
Verfahren, die Seitenflügel zeigen das Verfahren, und die Konsole dokumentiert
es. Alle Funktionen und Repräsentationen von Fotografie werden in diesem
Werk vorgeführt und an ihre ideologischen Wurzeln zurückgebunden.
Die Reliquienverehrung bezeichnet in gewissem Sinne den Eintritt des Subjekts
in einen Jahrhunderte währenden Prozeß, wo sich Selbstliebe über
Narzißmus zum Selbstdesign aktuellen Zuschnitts steigert. Die Reliquienverehrung
ersetzt als visuelle Erscheinung nicht nur das Wissen durch die Einbildung
und die Tatsache durch deren Rezeption, sondern verklärt das gemeine
Subjekt durch Ideologisierung und, wie an den Reliquien zu sehen, durch
Kostümierung zum Göttlichen. Die Fotografie ist das säkulare
Nachfolgemodell dieser katholischen Selbstliebetechnik, die durch plastische
Chirurgie und Computer eine Steigerung zum Selbstentwurf, zum gesamtgesellschaftlich
betriebenen Selbstdesign erfährt, das mein Beitrag zu der diesem Symposium
angegliederten Ausstellung thematisiert.
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ego design modell pink, 2000
Lambda Print auf Aludibond, 90 cm x 80 cm |
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Inzwischen sind wir längst
über das Stadium des Selbstentwurfes durch Farbverschönerung
im Gesicht hinaus; die chirurgisch-bildhauerischen Maßnahmen zur
Vervollkommnung der eigenen Person sind in Amerika längst schon so
geläufig wie das Make-up in unseren Breiten. Doch auch Brusterweiterung,
Fettabsaugung, Gesichtsmodellierung sind nicht der Endpunkt der Wirklichkeitswerdung
autosuggestiver Wünsche an sich selbst, bzw. an Welt: Die Entschlüsselung
des Gencodes nährt jetzt schon Hoffnungen auf die Verwirklichung
viel grundlegenderer Wünsche an uns selbst.
Im Prozeß des normative Muster erfüllenden Make-ups, Dress-ups
und natürlich Body-ups tritt der Einzelne aus seiner Privatheit in
ein öffentlich Vermitteltes. Wie bei dem Märchen vom Hase und
Igel fallen Selbst und Welt als gegenläufige Angleichung zusammen.
Das Selbst ist nur insoweit Selbst, wie es sich in der Welt durch Normierung
quasi verobjektiviert hat, und die Welt ist nur insoweit Welt, wie sie
mit der Wunschstruktur des Selbst identisch wurde.
Die Beziehung zwischen Selbstentwurf, Weltwunsch und technischer Bildherstellung
zeigt meine Serie Ego-Design. Obwohl wir es hier mit technisch längst
überholten Tune-up-Methoden zu tun haben, können wir an diesem
Beispiel nicht nur sehen, warum mit der Fotografie die Frage nach der
Ideologie des Bildes in den Horizont der bildenden Kunst rückte,
sondern auch, wie Bildherstellung und Wirklichkeitsherstellung zusammenfallen.
Die auf den Bildern eingetragenen, mit dem Computer auszuführenden
Retuschekorrekturen fallen gänzlich mit der Anleitung zum Schminken
zusammen. Die Fotografie und das wirkliche Gesicht erfahren dieselbe Behandlung.
In meiner Rezeption verschmilzt dieser Vorgang die beiden Wirklichkeitsebenen,
deren Unterschied ich mir durch Anstrengung bewußt machen muß.
Dem fotografischen Apparat ist als Apparat schon der oben beschriebene
Austauschprozeß von Ich und Welt, von Privat und Öffentlich
eingeschrieben. In jeder Fotografie wird ein Ausschnitt von Welt, ein
auf das Interesse des Fotografen zugeschnittener Aspekt hergestellt. In
diesem subjektiven Zuschnitt objektiviert sich als Bild der Standpunkt
des Fotografen zur Welt. Auf einem ersten Schritt der Domestizierung und
Privatisierung von Welt folgt beim Fotografieren ein zweiter von Objektivierung
und Veröffentlichung des subjektiven Standpunktes. Das fotografische
Bild ist durch den Charakter der Überprüfbarkeit und der Überzeitlichkeit
objektive Tatsache geworden. Der anonyme Hersteller tritt dadurch in eine
andere Ebene von Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung. Er hat sich durch
seine Autorenschaft verobjektiviert und idolisiert.
Die Konsequenzen aus diesem Apparatprogramm ergeben als "idealen
Fotografen" einen, der aus privaten Motiven heraus fotografiert,
einen amateurhaften Knipser; ich verweise hier auf Piere Bourdieu. Das
ideale Fotoobjekt ist das sogenannte normale Mädchen oder der durchschnittliche
Junge von nebenan. Als Beispiel seien hier die Kandidaten von Big Brother
genannt.
In diesem Transfer vom Belanglosen und Alltäglichen zum Maßgeblichen,
vom Jedermann zum Idol, von Zlatko zum Popstar und vom Trash zum Fetisch
sind Mode und Fotografie miteinander verwoben.
Die Mode ist längst nicht mehr komprimierter Ausweis eines Zeitgeistes,
einer aktuellen Wirklichkeit. Nein, heutzutage erschafft die Mode die
Wirklichkeit. Sie ist als Produkt des fotografischen Bewußtseins
weniger wirklichkeitsabbildend als wirklichkeitsbildend. Sie ist fühl-,
denk- und verhaltensbildend und stiftet über das Moment der Identifikation
Beziehungen zwischen den Menschen, die dann in den von der Mode geschaffenen
Mustern fühlen, kommunizieren, reflektieren und leben. Mode ist,
wenn sie vom Betrachter angenommen wird, ein identifikatorisches Muster,
in dem der Rezipient sein unentdecktes Leben entdeckt und aufgefordert
ist, durch seinen Eintritt in dieses normative Muster Teil eines Gruppenkörpers
zu werden und damit zu sich selbst zu kommen. Die Mode ist Kommunikations-,
Handlungs- und Gemeinschaftssersatz für eine Gesellschaft, die immer
mehr alte Bindungsmuster (und mit diesen Bindungsmustern einhergehende
öffentliche Verantwortung) singularisiert, privatisiert und verliert.
In München gibt es gerade eine von offizieller Seite angestoßene
Debatte über Kunst im öffentlichen Raum. In ihr wird immer noch
von einem öffentlichen Raum ausgegangen, den aufgeklärte Bürger
mit ihrem politischen, sozialen und kulturellen Engagement schaffen und
dem ein öffentlicher Platz korrespondiert, der die aus sich heraus
getretenen Bürger vereinigt ein Geschehen, das durch Kunst
versinnbildlicht werden soll. Diese Bürger von Calais denen Auguste
Rodin gleichnamige öffentliche Skulptur widmete, existieren nicht
mehr und damit auch kein faßbarer öffentlicher Raum. Der öffentliche
Raum, so meine These, ist heute der kaleidoskopische virtuelle Raum der
Medien, der Mode und der Werbung. Es gibt keinen konkreten Ort mehr, an
der sich Wirklichkeit bildet, sondern nur noch ein zeitliches Jetzt im
Nirgendwo und Immerda. Ein Jetzt, das wie ein Ruck durch die Lifestyle-Magazine
weht, die Wohnzimmer durch den Fernseher belebt, die Schaufenster in den
Straßen zu Altären werden läßt und erotisches Begehren
in Labels, Marken und Fetische verwandelt, die wir käuflich erwerben
können oder zu denen wir uns durch Bezahlung Eintritt verschaffen
können. Dieses Jetzt ist Versprechen und Erfüllung, exklusives
Auserwähltsein und öffentliches Verfügbarsein in einem.
Es ist verborgen und offen im selben Moment. Diese Virtualisierung des
Raumes, der teilweise versteckte, ständig wechselnde architektonische
Plattformen in der Urbanität ausformt und sich in einer Mischung
von privat / öffentlich wie Clubs oder alternative Spaces plaziert,
müßte die Grundlage einer Debatte für Kunst im öffentlichen
Raum sein und nicht die Frage, an welchem Platz man was hinstellen kann.
Die Fotografie hat im Verbund mit Werbung und Mode das Öffentliche
privatisiert und das Private veröffentlicht. Sie schuf dabei verschiedenste
Legierungen zwischen privat öffentlich, Selbst Fremd
und real fiktiv. Dabei ist jede Legierung als Legierung tautologisch,
die Mischverhältnisse aber sind verschieden. So wie Patchwork-Familien
existieren, existieren inzwischen auch Patchwork-Wirklichkeiten, die weder
als fiktiv noch als real, weder als authentisch noch als vermittelt zu
bezeichnen sind; vielmehr bilden sie unterschiedliche Brechungen des Authentischen
oder Vermittelten. Real wird ein solches Patchwork dann, wenn es sich
zur sozialen Gruppe formiert und sich dort als Label, als Logo oder corporate
identity quasi verobjektiviert. Visualisiert es sich erfolgreich, wird
es zum Hype und gelangt zur höchsten Realität: weltweite Verbreitung.
Nicht mehr Wahrheit, Evidenz und Folgerichtigkeit verhelfen einer Sache
zur Durchsetzung, sondern die Formierung durch und zu einer Gruppe und
ihre Durchsetzung mittels dieser.
Diese Herstellung von Wirklichkeit als Addierung privater Setzungen zu
einem Hype und zur Mode habe ich in meinem Werk "Die Schwelle"
1997 zum Thema gemacht, um das latent Privatistische der heutigen Kunst
zu problematisieren. An der Schwelle zwischen privat und öffentlich,
zwischen Diskurs und Kunstgeschichte, zwischen angewandt und autonom und
zwischen Produktion und Rezeption fragte ich mit diesem Werk, wie und
worin sich aktuelle Kunst jenseits privatistischer Selbsttotalisierung
begründen kann. Wohl wissend, das der allgemeine, objektive und utopische
Horizont sogenannter autonomer Kunst längst abgedankt hat.
Bevor ich Ihnen dieses Werk zeige, möchte ich Sie kurz in meine Küche
führen und etwas zur Entstehung erzählen.
Im Frühjahr 1997 gab mir der Leiter des Lenbachhauses, Dr. Helmut
Friedel, das Manuskript des Buches "Wegweiser Kunst für München
im öffentlichen Raum 1972-1997" und fragte mich, ob ich zu dessen
Präsentation im Ausstellungsraum 1 des Lenbachhauses, Lenbachs ehemaliger
Remise, eine Installation zum Thema "privat - öffentlich"
machen könnte.
Wie jeder "freie" Künstler fühlte ich mich ob des
Auftragscharakters dieser Einladung beleidigt. Aber das narzißtische
Gekränktsein hielt sich nicht lange, bin ich doch seit langem schon
überzeugt, daß eine gesellschaftlich autonome Sparte "freie
Kunst" nicht mehr gibt. Gerade die radikal subjektivistischen und
privatistischen Tendenzen der Kunst der letzten zehn Jahre sind meiner
Ansicht nach nicht das Ergebnis eines Rückzuges von gesellschaftlicher
Einflußnahme, keine individuelle Opposition gegenüber einer
immer komplexer werdenen Wirklichkeit, diese Tendenzen sind vielmehr durch
und durch von dieser Wirklichkeit bestimmt. Soweit bestimmt, daß
nur in einem radikalen Einlassen auf Angewandtheit, auf den Gebrauchswert,
im Sinne eines Eingehens auf kunsthandwerkliches Formenvokabulars und
Präsentationstrategien eine dort verfolgte künstlerische Subjektivität
radikalen Charakter haben kann. Radikal deshalb weil die scheinbaren kunsthandwerklichen
Erzeugnisse die eigene Wunschstruktur mit der von Liebhabern solcher Produkte
verrechnet. Ich denke dabei an Arbeiten, die angewandt sind und zugleich
eine vollkommen private, teils auch autistische Sprache entwickeln, wie
die von Karl Fritsch und Anne Rösner.
Wenn ein wesentliches Kriterium der Kunst ihre Freiheit ist, das heißt
die Überwindung aller subjektiven und gesellschaftlichen Präformierungen,
wovon ich nach wie vor überzeugt bin, dann kann diese Freiheit nicht
mehr als unmittelbar gegeben angesehen werden, sondern muß durch
das einzelne Werk hergestellt werden. Die Freiheit der Kunst besteht gerade
darin, sich auf ihre Umstände, ihre Fremdbestimmungen, sich auf die
an sie gestellten Erwartungen und auf sie gerichteten Projektionen einzulassen,
um in deren Abarbeitung (wenn der Begriff nicht schon so mißbraucht
wäre, könnte man auch Dekonstruktion sagen) eine Autonomie zu
generieren. Eine Autonomie, die nicht vor dem Werk in einem Zustand von
Unterdeterminiertheit liegt, sondern die nach dem Werk liegt, eine Autonomie,
in der das Werk überdeterminiert erscheint. Erst wenn das Werk seine
tatsächlichen und möglichen Besetzungen und Einschreibungen
durch Dritte refklektiert, kann es eine Art von Autonomie herstellen.
Am Ende dieses Verfahrens steht ein Werk, das als Träger aller Fremdbestimmungen
eine Hermetik aufweist, in der ex negativo eine in dem Kunstwerk selbst
nicht ausgeführte Freiheit aufscheint. Dem Betrachter bleibt es überlassen,
ob er dieses Angebot annimmt und, alle Einschreibungen durchwandernd,
seiner Voreiligkeit inne wird, ob er also erkennt, daß er in seinem
identifizierenden Sehen immer schon über das Sehen hinaus ist, oder
ob er an dem Teil des Werkes hängen bleibt, das seiner Erwartung
an dieses entspricht und den in dieser Erwartung nicht aufgehenden Rest
als einen Fehler des Werkes abtut. Meine Werke sind also nicht deshalb
überdeterminiert, weil ich soviel sagen möchte, sondern weil
sie durch ihre Umstände, ihren Ort und ihre möglichen Inanspruchnahmen
schon bevor sie überhaupt existieren vorbestimmt sind. So stark vorbestimmt,
daß sie eine voreilige Rezeption nur hinter sich lassen können,
wenn sie diese als eine entlarven, bei der man zu keinem kunstimmanenten
Ergebnis kommt.
Die klassische Moderne disqualifizierte das identifizierende Sehen, das
Sehen, das immer schon etwas Bestimmtes in dem Werk sieht, und schloß
es ex catedra aus. Duchamp war der erste, der den Einfluß der Fotografie,
an der die strukturelle Betrachtung von Bildwerken entstand, nicht länger
nur formal ausschließen wollte. Indem er die Wirklichkeit des Werkes
mit der strukturellen Wirklichkeit des Betrachtens kurzschloß, stellte
er Werk und Betrachtung zur Disposition, um die Möglichkeit von etwas
ganz anderem zu evozieren. Allein auf Grundlage dieses und seiner Überwindung
läßt sich überhaupt noch ein Begriff von Kunst jenseits
von Dekoration und ideologischer Illustration denken. Als Beispiel sei
hier Duchamps "Étant Donnés" verwiesen.
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Marcel
Duchamp: "Étant Donnés", 1946 -1966, Philadelphia
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Den Ausgangspunkt für
das Werk "Die Schwelle" bilden drei Gegebenheiten: Einmal die
im Wegweiser publizierten privaten Äußerungen der Künstlerkollegen
über Kunst im Allgemeinen und ihre Arbeit im Besonderen, dann das
Eintrittsticket des Lenbachhauses als virtuelle Schwelle für den
Besucher und drittens der gegebene Ausstellungsraum, der mit seinem großen
scheunenartigen Tor die Eintrittsschwelle für große Kunstwerke
darstellt und als ehemalige Remise des Künstlers Lenbach, die über
eine dem großen Tor gegenüberliegende Tür mit dem Haupthaus
verbunden ist, einen Ort des Übergangs von Innen nach Außen,
von Privatheit in Öffentlichkeit aufweist.
Die
Privatäußerungen der Künstler, die im Wegweiser jeweils
neben ihrem Werk im öffentlichen Raum von München abgedruckt
sind, kreisen alle um den mehr oder weniger autonomen Kunstbegriff der
klassischen Moderne. Ihre im öffentlichen Raum ausgestellten Werke
sind bis auf wenige Ausnahmen vergrößerte Varianten von Atelierarbeiten.
Wäre wirkliche Autonomie von Kunst positiv im Kunstwerk herstellbar,
wie es Künstler und Kritiker der Moderne glauben, so würde die
Verschiebung eines Kunstwerkes vom Atelier in den Stadtraum und seine
Vergrößerungen hinsichtlich der Wirklichkeit und der Qualität
des Werkes keine Veränderung bewirken. Doch dies bezweifelt die Kunsttheorie
seit mindestens vierzig Jahren. Für sie gilt: Kunstwerke, die nicht
ihren Kontext reflektieren, zerfallen in dessen Bedingungen. Sie erscheinen
als zweckfreie privat motivierte Äußerungen, denen es anheimgestellt
ist, zu gefallen oder nicht, und denen auf der Ebene der Rezeption ein
ebenso privat motivierter Betrachter entspricht. Außerhalb der Schutzzone
von Atelier und Museum, wo sich die klassisch moderne Betrachtungsweise
von Kunst und deren gesellschaftlich emanzipatorischer Anspruch konserviert
haben, verkehren sich solche scheinbar autonomen Kunstwerke in ihr Gegenteil.
Wohl aus diesem Grund hat der Herausgeber des "Wegweisers Kunst für
München im öffentlich Raum 1972-1997" den Abbildungen der
Kunstwerke Äußerungen der jeweiligen Künstler an die Seite
gestellt. Das veröffentlichte Werk sollte auf diese Weise mit dem
schützenden Geist des Ateliers versehen werden, um die verlorengegangene
werkimmanente Rezeption und die an sie geknüpfte gesellschaftliche
Dimension zu konservieren.
Aus diesem Grund schien mir eine Konfrontation
dieser klassisch modernen Produktionsästhetik mit demjenigen Bildverfahren
notwendig, das sie als Ideologie entlarvt. Nämlich mit der Fotografie.
Wobei ich die Fotografie nicht als technisches Herstellungsverfahren betrachte,
sondern wie oben beschrieben als semantische Strukturierung von Welt.
Die Fotografie, die mir für die geplante Installation im Lenbachhaus
am tauglichsten erschien, war diejenige, die am stärksten die Begehrensstruktur
des Fotografischen offenlegt. Ich habe mich aus drei Gründen für
die Modefotografie entschieden:
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Paul Fuchs " Der große Zeiger",
1996, Berlin |
| Verkehrt sich
die beabsichtigte Öffentlichkeit der bildnerischen Werke im öffentlichen
Raum in Privatheit, geschieht in der Modefotografie das genaue Gegenteil:
Das Private wird in der Mode zu einem öffentlichen Ereignis. Was nicht
zuletzt der Event-Charakter eines Modeshooting unter freiem Himmel illustriert. |
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Michael
Hofstetter, Fotoshooting Long Island, 1989
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| Der zweite Grund
für meine Wahl einer Modefotografie lag im Ort selber. In den achtziger
Jahren war das Lenbachhaus Schauplatz zahlreicher Shootings, ein Juwelier
veranstaltete alljährlich ein Sommerfest im Garten des Museums und
auf der Rückseite der Eintrittskarten warb eine Firma Ahlers für
sich, die unter anderem Linzenznehmer von Jupiter, Pierre Cardin und Pioneer
ist. |
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Eintrittsticket
Lenbachhaus: Vorder- und Rückseite
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Dort steht zu lesen "Kunst
für die Menschen für die wir Mode machen". Der Satz impliziert
ein Verhältnis zwischen Kunst, Mode und Mensch, in dem Mode und Kunst
austauschbar sind oder, anders gesagt, auf dieselbe Weise auf den Menschen
bezogen sind. In einer radikalen Leseweise dieses Satzes wird auf dem
Ticket eine Ästhetik angeboten, in der das Museum Lenbachhaus als
Raum der Vermittlung, der Übersetzung und der Entfernung verschwindet
und sich als Ort präsentiert, in dem der Besucher denselben Zugriff
auf die Kunstwerke hat wie auf die Mode.
Auf der Rückseite des Museumstickets stand nicht nur das Konzept
für meine Installation, sondern auch ihr Thema: Der Gegensatz von
Kunst und Mode ist für den Betrachter, für den Zeitgeistmenschen
keiner mehr. Trotz dieser Praxis wird an einem antiquierten Begriff von
Autonomie und Produktionsästhetik in der Politik dieses Hauses festgehalten
und der längst stattgefundenen Denunziation der modernen Ästhetik
durch die Modefotografie nicht Rechnung getragen. Auf der anderen Seite
aber wird auch die Kunst nicht vor der Mode geschützt, wie es das
Eintrittsticket des Lenbachhauses tagtäglich beweist.
Daß die Mode zudem noch den aktuellen Diskurs des Sommers 1997 in
den Kunstzeitschriften bestimmte, rundete mein Konzept ab, das damit nicht
nur die Gegensätze von Kunst und Mode, von Produktion (Künstler)
und Rezeption (Besucher), sondern auch die von Kunstgeschichte und Diskurs
sowie von Museumskunst und Hypekunst thematisierte.
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| Zum Werk selbst |
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Das Werk "Die Schwelle"
kombiniert eine Realraumverschachtelung mit einer Illusionsraumverschachtelung,
eine Skulptur mit Fotografie. Eine ähnliche Kombination einer realräumlichen
Intervention mit einer illusionräumlichen habe ich 1994 im Haus der
Kunst München und 1996 im Grazer Palais Herbertstein vorgenommen.
Die realräumliche Maßnahme war in allen drei Fällen ein
Zu-Ende-denken des Gebrauchs und der Funktion des Raumes, während
die illusionräumliche Intervention der Offenlegung des verdrängten
Subtextes diente. Im Haus der Kunst lautete die Frage, wie man angesichts
der Geschichte des Hauses dort noch ausstellen kann, im Rokoko-Palais
Herberstein, ob Reinheit und Rationalität des white Cube ihrerseits
wieder Ungeheuer gebären. Ob die Moderne nicht zwangsläufig
Monster hervorbringt. Im Lenbachhaus war die Frage: Welche Wirklichkeit
liegt der Kunst zugrunde. Besitzt die Kunst als solche öffentliche
Relevanz oder braucht sie andere gesellschaftliche Bereiche als Partner,
um jenseits privater Setzungen Gültigkeit zu erlangen.
Alle drei Arbeiten gingen von einem autonomen Verständnis von Kunst
aus und konfrontierten dieses dann mit der Referenzhaftigkeit der Fotografie.
(frei gesprochene Kurzerklärung der beiden Installationen im Hinblick
auf die Addierung einer skulpturaler Strategien mit Fotografischen.)
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Michael
Hofstetter: Von allem entfernt /Alles beherrschend, Haus der Kunst, 1994
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Michael
Hofstetter: Von allem entfernt /Alles beherrschend, Haus der Kunst, 1994
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Michael Hofstetter: Von allem entfernt /Alles beherrschend, Haus der Kunst,
1994 |

Michael Hofstetter: Von allem entfernt /Alles beherrschend, Haus der Kunst,
1994 |
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Michael
Hofstetter: Beutemachen, Johaneum, Graz, 1996
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Michael Hofstetter: Beutemachen, Johaneum, Graz, 1996 |
Michael Hofstetter: Die Schwelle, Lenbachhaus, München, 1997,
Grundplan |
Auf der Ebene des Realraumes wurden die beiden Eingänge des Ausstellungsraumes
parallel in die Mitte des Raumes verschoben und ineinander kopiert. In das
Duplikat des ehemaligen Garagentores, durch das heute die Kunstwerke in
das Museum gelangen, wurde die Eingangstüre für den Besucher geschnitten,
das dem Tor gegenüberliegt. Diese Tor-Tür-Skulptur stand in der
Mitte des Raumes als dessen quasi auf eine Schwelle zusammengeschrumpftes
Duplikat. |

Michael
Hofstetter: Die Schwelle, Lenbachhaus, München, 1997,
(Von der Eingangshalle aus)
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Michael
Hofstetter: Die Schwelle, Lenbachhaus, München, 1997
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| Das Duplikat ist
seinem Vorbild in Form und Material genau nachgebildet. Vorne hat es die
nach innen weisenden Türfüllungen und hinten wie das Original
einen Kupferbeschlag. Die Türe wurde nur ins Holz eingeschnitten, nicht
aber in die Kupferschicht. Das durch den Türrahmen zu sehene Kupfer
wurde mit meinem Urin behandelt, so daß es oxidiert und der Eindruck
einer dem Freien zugewandten Außenseite entsteht. Die durchgehende
Kupferschicht verhinderte zudem, daß man durch die Skulptur hindurchgehen
konnte, wodurch sie einen Bildcharakter bekam. In diesem Zustand steht die
Skuptur in der Tradition der raumbezogenen Plastik, wie wir sie aus der
Konzept-Art der sechziger Jahre her kennen. Ihre Ableitung vom Raum und
ihr immanentes Regelwerk hat eine Verwandtschaft mit den Strategien eines
Michael Ashers oder Mel Bochners. Auch verbindet es sich im Materialumgang
und in Formsprache mit Exponaten die in der ständigen Sammlung des
Lenbachhauses zu sehen sind, wie die Mauer von Stephan Huber, die Plinky
Palermo-Installation oder die Heizungsarbeit von Albert Hien. Als gesetztes
Beispiel einer solchen Produktionsästhetik, die mit immanenten Regeln
eine bildliche Transformation der gegebenen Situation vornimmt und mit Raum,
Maß, Wiederholung, Brechung und Abdruck operiert, schrumpft die Skulptur
nicht nur den Raum auf seine Nulllinie, sondern zitiert auch eine Ästhetikauffassung,
die in der Tradition des autonomen Kunstwerkes steht. |

Michael
Hofstetter: Die Schwelle, Lenbachhaus, München, 1997
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| Diese Ästhetikauffassung
wird durch das aufgeklebte Plakat an der Rückseite des Torduplikates
befragt. Ich übernahm für mein Scheunentor im Lenbachhaus die
selbstverständliche Praxis auf den Dörfern, Plakate an Scheunentore
anzuschlagen und dadurch einen dorföffentlichen Diskurs. Der monolithischen
Tor-Tür-Skulptur setzte ich ein im Rapport geklebtes Plakat entgegen,
welches als Hauptmotiv die durch die Skulptur verdeckte Seite des Ausstellungsraumes
in einem anderem Zustand zeigt. Auf dem Plakat ist der Ausstellungsraum
vollständig mit einer Schrifttapete ausgekleidet. Vor diesem Fotohintergrund,
der Fenster und Heizung bedeckte und nur die Türöffnung freiließ,
posierten Modells in aktueller Mode. |
Michael
Hofstetter: Die Schwelle, Lenbachhaus, München, 1997
(Detail: Plakat)
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Auf der Schrifttapete
kann der Betrachter Sätze der Künstler lesen, die alle dem Wegweiser
für öffentliche Kunst in München entstammen. Diese Sätze
geben die jeweilige Meinung des Künstlers über Ziele und Aufgaben
der Kunst wieder. Diese Künstlerzitate kreisen fast ausnahmslos um
einen produktionsästhetischen Begriff von Kunst, in dem die Fotografie
bzw. die durch sie veränderten Produkionbedingungen keine Rolle spielen.
Sie basieren auf einer Kunstvorstellung, in der die Kunst einen nach wie
vor autonomen gesellschaftlichen Status hat. Die Models dagegen hinterfragen
diese Aussagen, indem sie als Repräsentanten einer völlig entgegengesetzten
Rezeptionsauffassung die Schrifttapete als ornamentalen Hintergrund für
ihre Posen verwenden. Während die intelligenten Zitate der Künstler
von dem Wesen und den Möglichkeiten der Kunst sprechen, also der Frage
nachgehen, was das, was wir sehen, repräsentiert, zeigen die Modeaufnahmen,
wofür Kunst verwendet bzw. aus der Sicht der Künstler mißbraucht
werden kann. Anstatt dem Betrachter die Anstrengung einer formalen und inhaltlichen
Durchdringung abzufordern, will die Modeaufnahme den Betrachter nur verführen.
Die Verführungsstruktur der Fotografie war der Grund, warum sie in
der klassischen Moderne als Medium schlecht angesehen war. Erst mit der
Pop-Art, als das autonome Kunstwerk aufgrund seines Warencharakters an seinen
eigenen gesellschaftlich-utopischen Ansprüchen gescheitert war, bekam
die Fotografie als das Medium der Verführung in der Kunst einen Stellenwert.
Dies auszuführen würde diesen Vortrag sprengen.
Die Positionierung von Models vor der Schrifttapete verweist auf den Konflikt
zwischen Moderne und Postmoderne, den der Modefotograf Cecil Beaton schon
1951, als er in Vogue ein Model vor dem Werk "Autumn Rhythm" von
Jackson Pollock positionierte, angerissen hat. |
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Modell
vor Autumn Rhythm von Jackson Pollok
fotografiert von Cecil Beaton
(Stichwort: Clemens Greenberg)
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Michael
Hofstetter: Die Schwelle, Lenbachhaus, München, 1997,
(Detail: Plakat)
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Der Inhalt und
die Ästhetik des Plakates beziehen sich auf eine ganz andere Kunstauffassung
als die der Skulptur. Während die Skulptur zweckfrei im Raum steht,
wollen sowohl das Plakat wie auch die Mode etwas vom Betrachter. Die Mode
soll gekauft werden und dem Status des Menschen dienen und der Ankündigung
des Plakates soll gefolgt werden. Sowie sich die Künstlerzitate der
Schrifttapete auf das Duplikat beziehen, beziehen sich die Models auf das
Plakat. Und auf dieselbe Weise, in der das Plakat auf die Skulptur antwortet,
antworten die Models auf die Schrifttapete. Was vermittelt die beiden gegensätzlichen
Kunstauffassungen miteinander? Kann das auf dem Plakat angekündigte
Symposium zum Thema Crossover von Kunst und Mode eine Verbindung zwischen
beiden herstellen? Das Symposium hat nie stattgefunden. Es war am Tag der
Eröffnung, am Tag der Veröffentlichung des Plakates, schon längst
vorüber. So wie die Skulptur den Raum auf eine Null-Linie brachte,
brachte das Plakat die Zeit auf eine Null-Linie. Die Ankündigung und
das Angekündigte verpaßten sich gegenseitig. Ließe sich
vielleicht durch die Namen der Teilnehmer einen fiktiven Symposiumsverlauf
konstruieren, das Licht in die Sache bringen könnte? Nein ich glaube,
keiner könnte aus dieser Teilnehmerliste eine mögliche Diskussion
ableiten. Eher würden die Teilnehmer, wie es bei jeder Podiumsdikussion
geschieht, wie Models in ihren Kleidern in ihren Anschauungen posieren.
Und was ist mit dem Motto des Symposiums: die Wiedergewinnung von Wirklichkeit
durch die Multiplikation fiktionaler Strategien. In der Tat, der Kunst ist
der gemeinsame Nenner verloren gegangen. Sie hat keine Wirklichkeit mehr,
auf die sich bezieht. Kann sie durch die Multiplikation von Teilwirklichkeiten,
die selbst wieder fiktional sind wie Popmusik, Gentechnologie oder Mode
wieder an Boden gewinnen, oder müssen wir uns damit zufrieden geben,
daß jeder Künstler allein in seiner eigenen Küche kocht
und diese zum Thema seiner Kunst macht.
Um im Bild der Küche zu bleiben, kann man die Schwelle als eine Arbeit
bezeichnen, die zwei Küchenwirklichkeiten gegenüberstellt, wobei
es sich bei beiden um Institutionskantinen handelt. Die Küche des Museums
und der ihm zugeordneten öffentlichen Arbeiten und die Küche des
aktuellen Diskurses mit seiner Low-Fi-Ästhetik, der die Ränder
der Kunst zu seinem Zentrum erhebt. In diesem Fall die Mode, wobei der Auftritt
der Mode als Sponsor des Museums die Sache noch kompliziert.
So verwischt, wie wir gesehen haben, das Werk "Die Schwelle" auf
drastische Weise die Grenzen verschiedener Kunstideologien. Es fragt nach
der Begründung von Kunst, indem es zwei generelle Begründungsweisen
und deren ästhetische Repräsentationen gegeneinander ausspielt.
Es liefert wie alle meine Werke selbst keinen Standpunkt und keine positive
Antwort. Einzig der Betrachter kann im Nachvollzug des Werkes seine Wahrnehmung
überprüfen und eventuelle Sehschemata durchbrechen.
Meine Werke verlangen eine emanzipative Praxis, verlangen vom Betrachter
die Auf-gabe vorschnellen Sehens. Meine Werke sind, wie die Werke der klassische
Moderne, eine rezeptive Zumutung. Aus dieser Zumutung gibt es nur drei Auswege:
Man kann das Werk fotografieren und es in eine höhere Kategorie überführen,
wo es dann als Bild mit allen anderen privaten Bildern kommensurabel wird.
Man kann es kaufen um Deutungshoheit über das Werk zu gewinnen. Oder
man kann dem Werk eine psychologische Motivation unterschieben und es damit
aufs rein Biographische reduzieren.
Wer heute weder Fotoapparat noch genügend Geld bei sich hat, dem sei
hier die dritte Möglichkeit geboten. Ich danke Ihnen für Ihre
Aufmerksamkeit. |
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Michael
Hofstetter, Die Herkunft, 1997, Ilfochrome, Leuchtkasten, 61 cm x 61 cm
x 10 cm
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