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Michael Hofstetter
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Der
Grauwert Nr. 19 von Olaf Probst
in der FOE 156, München
2002
Eine kleine Geschichte der Monochromie
Wohl keine Bildform der Moderne wurde so kontrovers
und so vehement diskutiert wie die Monochromie. Die Grenze zwischen Gegner
und Befürworter verlief auf der Ebene der Ideologien zwischen Kommunismus
und Kapitalismus, auf der Ebene der Erfahrung zwischen Künstler und
Betrachter. Das monochrome Kunstwerk war in den westlichen Ländern
Ausweis von Fortschritt und vollkommener Autonomie, für die kommunistischen
Theoretiker dagegen Beispiel eines bürgerlichen Formalismus, dessen
Hervorbringungen allein über ihren Warencharakter etwas aussagten.
Auf der Ebene der Anschauung waren die Befürworter eine sich als
Avantgarde verstehende Elite von Künstlern, Kritikern und Sammlern.
Für die Mehrzahl der Durchschnittsbetrachter galten Abstraktion und
Monochromie als erster Beleg der These, daß der Künstler sein
Publikum nur verarsche. Beliebtes Beispiel waren die blau-monochromen
Bilder des französischen Künstlers Ives Klein. Klein war es
auch, der für seine monochromen Bilder eine metaphysische Dimension
reklamierte und aus ihrer Betrachtung religiöse Erfahrungen ableitete.
Unter produktionsästhetischen Gesichtspunkten ist die Monochromie
ein Endpunkt der Abstraktionsbewegung in der Malerei, die im 19. Jahrhundert
mit Cézanne anfing und ihren Höhepunkt im schwarzen Quadrat
von Malevitsch fand. Es war der Versuch, alles Illusionistische, Darstellende
und Außerbildliche aus dem Bild zu eliminieren und zu einer reinen
absoluten Form zu gelangen.
"[
] das absolute
Kunstwerk trifft sich mit der absoluten Ware. Der Rest des Abstrakten
im Begriff der Moderne ist sein Tribut an diese. Wird unterm Monopolkapitalismus
weithin der Tauschwert, nicht mehr der Gebrauchswert genossen, so wird
dem modernen Kunstwerk seine Abstraktheit, die irritierende Unbestimmtheit
dessen, was sein soll und wozu, Chiffre dessen, was es ist. Solche Abstraktheit
hat nichts gemein mit dem formalen Charakter älterer, etwa den Kantischen
ästhetischen Normen. Vielmehr ist sie provokativ, Herausforderung
der Illusion, es wäre noch Leben, zugleich Mittel jener ästhetischen
Distanzierung, die von der traditionellen Phantasie nicht mehr geleistet
wird. Von Anbeginn war ästhetische Abstraktion, bei Baudelaire noch
rudimentär und allegorisch als Reaktion auf die abstrakt gewordene
Welt, eher ein Bilderverbot."
Theodor
W. Adorno, Ästhetische Theorie, Frankfurt am Main, 1973, S. 39-40.
Die Identität zwischen Erscheinung und Oberfläche,
zwischen Geste und Repräsentation verlieh der Monochromie als "ontologische
Einheit und Totalität" ihren quasi religiösen Charakter.
Für den Rezipienten dagegen waren ihre Undurchschaubarkeit und Reizarmut,
ihre vollständige Hermetik ein Affront.
"Der immanente Widerspruch
der abstrakten Malerei wurde von den erwähnten Künstlern [Lucio
Fontana, Ellsworth Kelly, Robert Rauschenberg, d. V.] um 1950 noch nicht
im Gemälde, als Problem der Malerei selbst ausgetragen, sondern als
phänomenaler und vorgefundener Widerspruch in der Wahrnehmung eines
Gemäldes verstanden und bearbeitet: als immanente Doppelung des Gemäldes,
als potentielle Gleichzeitigkeit zweier in der Wahrnehmung nicht miteinander
vereinbarer Wahrnehmungsweisen, als oszillierende Gleichberechtigung der
Wahrnehmung der extrem reduzierten Idealität der Bildfläche
ebenso wie der Realität des Gemäldes als Oberfläche und
als Gegenstand in einer Situation (bzw. als Tafel an der Wand). In der
heroischen Abstraktion war die Wahrnehmung des Gegenstandes Gemälde
grundsätzlich ausgeschlossen worden, da sie als der materielle, geist-
und bewußtlose Pol des konstituierenden Grundgegensatzes abstrakter
Malerei die Idealität des Bildordnung und der Bildräumlichkeit
bedrohte sie entlarvte das abstrakte Gemälde als
dekorative oder ornamentale Funktion realer Oberflächen, als bloß
anhängendes und schmückendes, nicht selbständiges Beiwerk,
und mußte durch eine hierarchische Schichtung der Wahrnehmungsordnungen
unterdrückt oder verleugnet werden."
Johannes Meinhardt, Ende der Malerei und Malerei nach dem Ende der Malerei,
Ostfildern-Ruit, 1997, S. 112.
Doch spätestens mit Bauhaus, wo monochrome Farbflächen zum stilbildenden
Chic von Innenarchitektur avancierten, mutierte das monochrome Bild an
der Wand zum Element innerhalb einer formalen Ordnung von Flächen
und Linien. Die Idealität der Bildfläche verwandelte sich innerhalb
einer veränderten, nun kontextuellen Wahrnehmung zum Gegenstand,
zur Oberfläche, zur Farbtafel an der Wand, die diese ausschneidet
und proportioniert. Um die ursprüngliche Radikalität der Monochromie
zurückzugewinnen, löschte sich das Bild als Bild an der weißen
Wand entweder durch sein monochromes Weiß selbst aus (z. B. bei
Robert Rauschenberg und Robert Ryman) oder die Wand wurde selbst zum Bild
(wie Yves Kleins monochrom weißer "Raum der Leere" von
1961). Diese beiden künstlerischen Strategien reflektieren den Widerspruch
zwischen einer immanenten und einer expliziten Wahrnehmung von Bildern.
Beide "Lösungen" dieses Widerspruchs verlagern das Problem
aber nur in eine höhere Wahrnehmungsordnung. Die Grenze des Kunstwerkes,
die Kante des Bildes oder die Kante der Wand, bleibt letztlich der Umschlagsort
verschiedener Wahrnehmungsordnungen.
Die Grauwerte von Probst
Auf dem Hintergrund dieser Problematik sind die
Grauwerte von Olaf Probst zu sehen. Es ist der Versuch, die oben beschriebene
Idealität der Monochromie vor einer kontextuierenden Wahrnehmung
zu retten der Versuch, das sukzessive Umschlagen von Innenwahrnehmung
in Außenwahrnehmung zu brechen und an dessen Stelle einen Umschlag
von Innenwahrnehmung zu InnenInnenwahrnehmung zu provozieren.
Die Grauwerte von Olaf Probst sind monochrome Wandarbeiten
in einem technischen Grauraster, das sich durch die gleichmäßige
Verteilung schwarzer Buchstaben auf weißem Grund herstellt. Die
Buchstaben verschwimmen im Abstand betrachtet wegen ihr kleinen Größe
zu einer grauen Fläche. Diese graue Fläche zerstört sich
beim Fokussieren auf die Buchstabenreihen, da diese sich zu Wörtern
fügen und Sinn erzeugen. Diese Sinnerzeugung verwandelt die graue
Fläche in einen Text. Einer möglichen Außensemantisierung,
in der die graue Wandfläche als Element innerhalb eines Kontextes
wahrgenommen wird, kommt Probst mit dieser Binnensemantisierung zuvor.
Der Grauwert oszilliert zwischen der alles bedeutenden Bedeutungslosigkeit
von Monochromie und einer nichts bedeutender Bedeutung (Gemurmel) sich
wiederholender Worte. Die verwendeten Worte sind als Palindromkonstruktion
selbstreferenziell. Ihre Spiegelbildlichkeit formalisiert und desemantisiert
sie. Auf diese Weise nivellieren sie sich auf die graue Wandfläche
zurück, die sie in einer paradoxen Bewegung zugleich bilden und zerstören.
Wand und Wort, Bild und Text bilden bei Probst ein semantisches Rauschen
als Raster an der Wand.
Die für die Grauwerte verwendeten Wörter bewegen sich in den
Kategorien des Begehrens, des Sehens, des Aneignens, des Selbstwerdens
und der Selbsteinschließung. Sie bringen immer direkt oder indirekt
den Betrachter als konstitutiven Teil der Arbeit ins Spiel bzw. eröffnen
einen Dialog zwischen Produzenten und Rezipienten. Dadurch thematisiert
sich in den Wandarbeiten jener oben beschriebene Konflikt zwischen Produzent
und Rezipient, zwischen dem künstlerischen Anspruch von Monochromie
und einer sie zurückweisenden oder vereinnahmenden Rezeption. Gleichzeitig
spielen onomatopoetische Aspekte in den Palindromkonstruktionen eine starke
Rolle. Die Klangbedeutung dieser Konstruktionen diminuieren und infantilisieren
die Erhabenheit der monochromen grauen Wand. Die Wortreihen werden zu
Ohrwürmern, die das Totalistische und Heroische der Wandarbeit zersetzen.
Der Grauwert 7
Der "Grauwert Nr. 19", 2001 für
ein Taub-Blindenheim in Postdam entworfen, wurde zum erstenmal 2002 in
der FOE 156 in München gezeigt. Es ist der zweite Vollraumgrauwert
von Olaf Probst. Zuvor hatte Probst nur einmal, im Ausstellungsraum Balanstraße
in München 1997 einen ganzen Raum, Wände und Decke, mit einem
Grauwert (Grauwert Nr. 7) ausgekleidet. In diesem Grauwert verwendet er
das Wort "List" . Dieses Wort ergibt als Palindrom "ListsiL".
In gleichmäßiger Typografie ohne Leerzeichen bildet es Zeilen,
die wiederum leicht versetzt einen Textblock erstellen. Der abfallend
auf einen Papierbogen von 32 cm Höhe und 45 cm Breite gedruckte Textblock
wurde im Rapport Stoß an Stoß an die Wand tapeziert. Die Druckplatte
der Druckfahne faltete Probst zum Modell des Raumes und stellte sie als
Raum im Raum auf den Fußboden in die Mitte. Durch die Raum im Raum
Stapelung konstruierte er die Wandarbeit als doppeltes Außen. Zum
Binnenbezug auf das im Grauwert verwendete Palindrom "Listsil"
kommt nun noch der Binnenbezug auf den verkleinerten Modellraum. Auf diese
Weise überlistet er den Betrachter, der wie die meisten Rezipienten
jede Erscheinung, und damit auch diese Arbeit, in einen übergeordneten
Bezugsrahmen setzen möchte. Die Arbeit suggeriert, ihr eigener Kontext
zu sein. In dieser totalen Selbst- und Kontextreflexivität von Bild,
Sinn und Raum erreicht Probsts Werk eine Radikalität, die
den veränderten Bedingungen der Kunstbetrachtung Rechnung tragend
an das avantgardistische Movens monochromer Bilder anknüpft.
Der Grauwert Nr. 19
In der FOE 156 verläßt Probst die Hermetik
und radikale Selbstbezüglichkeit zugunsten eines formalen wie inhaltlichen
ad infinitum-Prinzips. Die gleichmäßige Buchstabenverteilung,
das gleichmäßige Raster modelliert sich im Grauwert Nr. 19
zu einer vertikal verlaufenden leichten Wellenbewegung, wobei sich durch
einen starken Horizontalkontrast zugleich ein 4 cm dickes schwarz-weißes
Streifenmuster herausbildet. Wie bei der Mehrzahl der Grauwerte sind hier
nicht mehr alle Buchstaben lesbar. Vielmehr entstehen durch Modulation
der Buchstabengröße, des Zeilenabstands und der Laufweite Buchstabenverklebungen,
die zu abstrakten Linienformen ausfransen. Auf diese Weise entstehen rizomatischen
Ministrukturen ähnelnde Misch- und Übergangsformen aus Buchstaben
und Kringeln.
Auch auf der Wortebene ist der Grauwert komplexer als die anderen Grauwerte.
Zum ersten Mal verwendet Probst einen ganzen Satz "dass ich sehe
was du nicht siehst das ich nicht sehe was du siehst da ich sehe dass
du nicht siehst was ich sehe da du siehst dass ich nicht sehe was du siehst",
der in einer Klimax in drei Nebensätzen drei Bedeutungsebenen aufbaut.
Auf diese Weise verläßt Probst die Spiegelbildlichkeit seiner
Buchstabenreihen und bildet eine Satzspirale, wo Anfang und Ende sich
nur scheinbar zusammenschließen in Wirklichkeit liegen sie
drei Bedeutungsstufen auseinander. Im Rapport geklebt schreibt sich mit
jeder weiteren Satzschleife die Spirale fort. Selbstreferenz und Selbstreferenzunterbrecher
bilden sowohl auf formaler wie inhaltlicher Ebene eine Schraubbewegung
und öffnen den Grauwert für Einflüsse Dritter.
Der Grauwert Nr. 19 im white cube
Wäre Grauwert Nr. 19 wie Grauwert Nr. 7 in
der Balanstraße in einem white cube, einem neutralen Ausstellungsraum,
tapeziert, würde er inhaltlich und formal eine Beziehung zu Kosuths
Arbeit "Zero & Not" aufbauen. Beide Arbeiten kennzeichnet
die Doppelbewegung von Text setzen und Text auslöschen, beide, Kosuth
und Probst, eröffnen mit ihrem Text ein Feld, in dem es um Aufnehmen,
Begreifen, Herstellen von Sinn und um Fehlleistungen geht. Und beide Arbeiten
strukturieren durch schwarze Horizontalstreifen Wand und Architektur des
Ausstellungsraums. Kosuth verwendet einen Text von Sigmund Freud ("Zur
Psychopathologie des Alltagslebens"), der auch das Phänomen
des Freudschen Versprechers behandelt. Die von Kosuth in seiner Arbeit
aufgeworfene Frage, auf welcher Ebene wir etwas lesen und verstehen, koppelt
er an eine einschlägige klassische Untersuchung, die Freuds. Kosuths
Antwort ist ein aus dem Strukturalismus adoptiertes System, das er an
die Wände zeichnet. In "Zero & Not" kann in behavioristischer
Methode nachvollzogen werden, wie Verständnis funktioniert, wenn
der verwendete Text nicht verstanden wird.
Auch bei Probsts Satzschleife "dass ich sehe was du nicht siehst
das ich nicht sehe was du siehst da ich sehe dass du nicht siehst was
ich sehe da du siehst dass ich nicht sehe was du siehst" geht es
um das Verstehen bzw. seine Organisation. Die Form des "Versprechers"
wird bei ihm geradezu buchstäblich genommen. Probst interessieren
interkulturelle Verabredungen, die Festlegung dessen, was als Fehlleistung
zu gelten hat. Die Fehlleistungen, die er in seinen Arbeiten verwendet,
sind entweder vorgefunden oder werden provoziert. Probsts uvre ist
konsequent dem Fehler, dem Fusel, dem Staub, der Durchstreichung, kurz
der Störung der perfekten Oberfläche verpflichtet. Lax ausgedrückt
läßt er über die Wirklichkeit den Photoshop-Filter "Add
Noise" laufen. Auf semantischer Ebene wird dieser Schmutz zu Viren,
die Sinn ausradieren oder entstellen. Auf diesem Hintergrund erschließt
sich die Einladungskarte zum Grauwert Nr. 19 in FOE 156: So wie seine
Wandarbeit Grauwert Nr. 19 den Nonsens-Satz "dass ich sehe was du
nicht siehst das ich nicht sehe was du siehst da ich sehe dass du nicht
siehst was ich sehe da du siehst dass ich nicht sehe was du siehst"
in Noise verwandelt, scannt er aus dem Noise einer Zeitungsseite diesen
Satz heraus.
"Über die Wände des Erdgeschosses
und das Treppenhaus verteilt Kosuth in "Zero & Not" Fahnen
eines schwarzen Offset-Abdrucks von einem vergrösserten Textausschnitt
aus einer niederländischen Übersetzung von Freuds "Psychopathologie
des Alltagslebens" (Freud, S.-Zur Psychopathologie des Alltagslebens
,
Frankfurt a. M. 1941, S.67; Verwendete niederländische Übersetzung:Freud,
S.-Psychopathologie van het dagelijke leven
, Psychoanalytische Duiding
I, Boom-Meppel, Amsterdam, S.85) zwölf Mal. In dem Druck sind die
Buchstaben so mit einem Balken durchgestrichen, daß durch den einheitlichen
Schwarzton hier jedes Schriftzeichen unkenntlich wird. Der Balken ist
so breit, daß die oben und unten überstehenden Zeichenelemente
dem niederländisch Sprechenden gerade noch erlauben, den Text zu
rekonstruieren, was die Besucher häufig auch taten. Was in den präsentierten
Balken der Nullpunkt "Zero" der in deren Schwarz verschwindenden
Schriftzeichen ist, wird von den Rezipienten durch ihr kulturelles Wissen
von Schrift und Sprache als Negation, als "Not", von Geschriebenem
deutbar. In dem Anwesenden, dem Schwarz der Balken, wird durch kulturelles
Wissen ein Abwesendes erkennbar. [
] Das Ausklammern von eigenem
kulturellem Vorwissen bei der Untersuchung völlig fremder Kulturen
ist eine zentrale Fragestellung in Methodendiskussionen der Völkerkunde,
Linguistik und Soziologie. Wenn von eigenem Wissen abgesehen werden kann,
so ist es möglich, sich von "Zero" an in eine neue Kultur
zu begeben, wenn nicht, dann wird die neue Kultur nach Rationalitäts-Kriterien,
die in der alten erworben wurden, beurteilt. Erstere Auffassung zwingt
dazu, jeder Kultur ihre eigene Rationalität zuzubilligen und sie
für in vollem Umfang erforschbar zu halten, während die zweite
Auffassung die einmal erworbene Rationalität für irreversibel
hält. Die Feststellung der Abwesenheit, das "Not", von
solcher Rationalität in fremden Kulturen ist in der zweiten Auffassung
wichtig. Kosuth hat sich seit seinem Studium der Anthropologie 1971/72
an der "New School for Social Research" in New York City mit
diesen Problemen auseinandergesetzt."Thomas Dreher, Joseph Kosuth-Zero
& Not, 1985-86, in: Apex, Zeitschrift für Kunst, Kultur, Fotografie,
No.1, Köln 1987-88, S. 71 u. S. 72.
Probst etabliert wie Kosuth eine Balance zwischen
Zeigen und Ausradieren, Setzen und Löschen, um wiederum das Löschen
zur Setzung zu machen. In hermeneutischer Absicht untersucht er von der
Welt abgesonderte Texte (z. B. Zeitungen), um die gefundenen Bruchstellen
zu Fundstellen werden zu lassen. Kosuth löscht Text und generiert
Form. Der über dem Text liegende schwarze Balken verweist auf das
Formenrepertoire der Moderne: Fläche, Punkt und Strich. Die unten
und ober überstehenden Buchstabenteile erscheinen wie das Unbewußte
der Moderne. Kosuth erweitert die Moderne um ihr verdrängtes Irrationales.
Probst löscht Form und generiert Text. Er kehrt die Moderne um. Deabstraktion
durch Worte. Die Monochromie zersetzt sich am Einspruch des renitenten
Einzelnen, des infantilen Ungläubigen. Das Formenvokabular der Moderne
wird bei Probst durch Unsinnsbeimengung seiner Erhabenheit beraubt. Vorbilder
dieses verdrehten Modernismus sind Paul Klee und Kurt Schwitters.
Der Grauwert Nr. 19 in der black box
Der Grauwert Nr. 19 in der FOE 156 befindet sich
aber nicht in einem neutralen white cube. Er ist auf eine Kunstarchitektur,
ein architektonisches Implantat, einen Raum im Raum von Stephen Bram,
tapeziert. Brams Arbeit "OBERFÖHRINGER STRASSE 156, 2001"
bewegt sich wie Probsts Werk im Spannungsfeld von Semantik und Abstraktion.
Abstraktionen, die sich aus der zeichnerischen Übersetzung von dreidimensionaler
Welt in die Zweidimensionalität des Bildes ergeben, z. B. die perspektivische
Darstellung, baut Bram dreidimensional als Architektur nach. Brams Raumobjekt
resultiert aus dem Zusammenfall von Abbild und Bild, Bezeichnetem und
Zeichen. Sie ist, obwohl in reinem Weiß gestrichen, kein white cube,
sondern strukturell gesehen eine black box. Sie gleicht einem Apparat,
der nur seine Anschlüsse, Input und Output, zeigt, während die
in ihm ablaufenden Prozesse im Dunklen bleiben. "OBERFÖHRINGER
STRASSE 156, 2001" ist eine Fotoarbeit ohne Fotografie. Eine Arbeit
ohne Ort und Geschichte. Sie ist die Materialisation eines schwerelosen
"Jetzt".
Dieses Raumobjekt überschreibt Probst mit seinem Grauwert Nr. 19.
Die Legierung dieser beiden komplexen Arbeiten verursacht einen Overkill
an indexikalischen Spuren und Formen, ein schwindelerregendes Flirren
und Rauschen.
Brams Raumobjekt hat sein Bezugssystem außerhalb seiner selbst.
Formal bezieht es sich auf den Negativraum zwischen alter FOE und dem
Implantat sowie die Fluchtpunkte in der Horizontalen vor und hinter dem
Ausstellungsgebäude und in der Vertikalen über dem Gebäude.
Das Implantat ist auf die horizontalen Punkte hin gefaltet und läuft
kegelförmig auf den vertikalen Punkt zu. Zum inhaltlichen Bezugssystem
gehören die durch die eingebaute Architektur substituierte Geschichte
des Ausstellungsraums FOE 156, die Formengeschichte der Moderne und künstlerische
Reflexionen darauf. Probsts Bezugssystem dagegen ist ganz aus in seinem
Werk ableitbar: eine monochrome Streifenstruktur und eine Satzschleife,
in der ein "Ich" und ein "Du" sich über das Sehen
und das Gesehene bzw. Nichtgesehene verständigen bzw. nicht verständigen.
In Verbindung mit dem Werk von Stephen Bram gelesen, scheint der Satz
unmißverständlich auf das außerhalb liegenden Bezugssystem
des Raumobjekts zu verweisen. In diesem Fall wäre der Grauwert nicht
mehr als eine Variation des von Bram eröffneten Spiels von Entsemantierung
und Resemantisierung gegebener Formen und Inhalte. Eine nicht unproblematische
Lesart, die riskiert, zwei fundamental verschiedene Kunstkonzeptionen
in einer bloßen Tautologie zusammenzuführen. Denn Monochromie
ist bei Bram - wie bei Förg und Merz postmodernes Zitat,
nicht die problematisch gewordene kanonische Form der Moderne.
Begreift man dagegen den Satz "dass ich sehe was du nicht siehst
das ich nicht sehe was du siehst da ich sehe dass du nicht siehst was
ich sehe da du siehst dass ich nicht sehe was du siehst" nicht als
Illustration des verborgenen Bezugssystems von Brams Implantat, entwickelt
sich zwischen den beiden Arbeiten eine spannenden Kontroverse über
die Frage, was Kunst ist und leisten kann. Auf Brams Konzept der abgeschnittenen,
nicht ausgewiesenen Geschichte antwortet Probst mit der offenen Ausweisung
aller Parameter, die seiner Arbeit zugrunde liegen. Durch Probsts Überschreibung
werden dem Raumobjekt die von Bram ausgeblendeten Bedingungen wieder eingeschrieben.
Diesen Prozeß zeigt Probst als Kollaps seiner eigenen Arbeit, der
an der Oberkante der Architektur sichtbar wird: Die rapporthafte Tapezierung
von Grauwert 19 vollzieht Faltung und Konik der Architektur, ohne sich
ihr unterzuordnen. Probst tapeziert konsequent Stoß an Stoß,
wobei die Druckfahnen aufgrund der kegelförmig zulaufenden Architektur
eine Drehbewegung beschreiben. In gedrehter Stellung stoßen die
Fahnen an Raumdecke und Bodenkante. Die überlappenden Dreiecksformen
werden nach vorne umgeklappt, nicht abgeschnitten; auf diese Weise entstehen
zwei weiß gezackte Friese aus Dreiecksformen. Durch die von der
Architektur erzwungene Drehung des Musters wird darüber hinaus das
ad infinitum-Prinzip der Satzstruktur "dass ich sehe was du nicht
siehst das ich nicht sehe was du siehst da ich sehe dass du nicht siehst
was ich sehe da du siehst dass ich nicht sehe was du siehst" zu einer
fortlaufenden Erzählung, die ihr Ende an den Grenzen der Architektur
hat. Die minimale Erzählung eines Ich, das an seinem Du vorbeisieht
und vorbeiredet, wird durch die Spezifik des Raumobjekts am Laufen gehalten
und immer neu aktualisiert.
Die weißen Dreiecksformen wirken wie Ausflockungen aus ihrer Umgebung
aufgrund chemischer Unverträglichkeit. In ihnen taucht jene perspektivisch
dargestellte Dreidimensionalität wieder auf, die Brams Architektur,
deren programmatische Bezugslosigkeit in der Drehung der Druckfahnen als
verlorengeganger zentraler Blickpunkt sichtbar wird, zugrunde liegt. Die
unausgewiesenen Bedingungen des Raumobjekts materialisieren sich als Deformationen
des Grauwerts Nr. 19. Die Brüche und Verletzungen auf der Tapetenhaut
zeugen von den Problemen, die sich aus dem Aufeinandertreffen zweier grundverschiedener
künstlerischer Vorgehensweisen ergeben. Probsts Grauwert im Objektraum
von Bram ist ein Bekenntnis zur Produktionsästhetik. Die verborgene
Seite einer seduktiv glatten Rezeptionsästhetik wie der von Bram
ist ihm als ein seine Arbeit fragmentierender Virus dabei willkommen.
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