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Michael Hofstetter
Erschienen in "Paul Fuchs: Der Besuch des Außerirdischen, Giardino dei Suoni"
Der Besuch des Außerirdischen 2008
Weggabelung
Gabellino: die letzte Gabelung auf dem Weg zu Paul Fuchs, die noch in jeder italienischen Landkarte verzeichnet ist. Hier machten schon die Etrusker Halt. Im römischen Reich Etappenstation. Bis heute Herberge, Gasthaus und Pferdetränke, die Tankstelle befindet sich etwas abseits. Goethe traf hier auf Abenteurer, Bildungsreisende, Arkadiensucher in geselliger Runde mit einheimischen Bauern und rausgeputzten Frauen, die unter den Fremden Kunden für ihren Liebesdienst suchten. Vor dem Gasthaus sind nur zwei Tische mit einheimischer Jugend besetzt. Der Wirt steht erwartungsvoll gelangweilt in der Tür. Drei Männer, an das getunte Auto gelehnt, versuchen, mit ihm ins Gespräch zu kommen, um sich und ihren Untersatz länger zeigen zu können. Das Los des Dagebliebenseins bestimmt die Atmosphäre. Kein italienischer Chic, keine Grandezza, Flip-Flops, kurze schlabberige Hosen und verwaschene T-Shirts, auf dem die Sehnsuchtsorte der Welt aufgedruckt sind: I love NY. Hauptsächlich Männer. Eine junge Frau unter ihnen sich einfügend in Kleidung und schweigendem Sitzen vor Bier und Campari. Kurz kommt Leben in die Gruppe und alle schauen auf die Nebentür, als dort sich die Dorfschönheit zeigt. Die letzte Möglichkeit, ein Lächeln von verheißungsvoller Schönheit zu bekommen, bevor es weitergeht ins Unbekannte.
Korridor
Nach etwa zwei Kilometern geht ein unscheinbarer Feldweg von der Straße ab. Mit großem Geschick verhindert man das Aufsitzen des Autos beim Einbiegen. Lichter Wald formt sich immer mehr zu einem dichten dunklen tunnelartigen Bewuchs, durch den das Sonnenlicht kaleidoskopisch bricht und hundert Nuancen in pointillistischer Manier von Gelb-, Grün-, Brauntönen malt. Plötzlich macht sich der Raum auf und wir stehen vor dem „Außerirdischen Besucher“. Ein trichterförmiger gepanzerter Körper auf 60 cm hohen Füßen mit zwei langen Antennen an seiner Spitze. Oder sind es Periskope zur Erkundung des terrestischen Geländes.
Die Zeit nach der Ernte
Was zeigt sich dem „Außerirdischen Besucher“ nach seiner Landung auf der Erde? Ist die Freifläche zu seinen Füßen, die aussieht wie ein verlassener Golfplatz, eine visionäre Vorwegnahme auf die ökologische Zukunft der Erde? Ein Planet, auf dem nur noch die Artefakte einer untergegangenen Zivilisation stehen: entlaubte Bäume als Chiffre ihrer selbst aus Stahl, schlanke Rohre, die wie Strichmännchen in einer Pose eingefroren sind, Grundelemente eines Zeichentrickfilms, die darauf warten, vom Wind reanimiert zu werden. Dann fangen sie an zu klingen, zu tönen und zu heulen. Der gesamte Platz erstreckt sich über drei Greens, die sich eine Bergkuppe hinaufwinden. Dort steht die Driving Range in Form von Werkstatt, Musikhaus und Wirtsgebäude.
Passionsweg
Ein steiniger Eichenweg schlängelt sich hinauf zu Stallungen, vorbei an letzten Zeichen menschlicher Existenz. Am Anfang grüßt rechts die „Diva“ auf abschüssigem Geröll in nackter Lichtung. Nein, sie kann uns nicht grüßen, ohne zuhandene Welt, ohne Arme und Hände. Nichts geht von ihr aus. Alles steht auf Empfang. Die fehlende Hand „Sechs Finger“ wächst weiter oben am Wegesrand aus der Erde, gleich einem Farn aus Metall. Oder ist es gar keine Hand, sondern ein hybrides Gewächs aus Chlorophyll und Eisen, gar das Wunderkraut, das den „Giganten“ nährt, den der Weggänger durch ein Baumfenster an der nächsten Biegung auf einer Erdbühne stehend in der Ferne sieht. Künstler wie Mediziner fragen sich immer noch, wo seine Vorder-, wo seine Rückseite ist. Wo schaut er hin? Wohin richtet er sich? Wo trägt er sein Herz? Besitzen Erdgeborene ein Genom? Wer außer Gaia hat ihn informiert? Vor dem „Giganten“ liegt aus Edelstahl eine einfache Helix: „A little less conversation“ . Ist das sein Code? Geleitet von der metonymischen Identität des „Giganten“ forme ich unwillkürlich „A little less information“. Waren die Griechen deshalb nur mit halbierten Informationen ausgestattet, weil die Götter die andere Hälfte trugen, und konnten sie sich deshalb in ständiger Transformation in alles verwandeln und von einem ins andere übergehen, fließen zwischen allen Identitäten und Formen? An der letzten Biegung, bevor es dann geradewegs hinaufgeht zur Arche von Gaby und Paul, steht „Klaus“. An ihm verwandelt sich „der Außerirdische“ in die evolutionären Notwendigkeiten menschlichen Überlebens. Der bauchige Körperpanzer mutiert zur aufrechten Gestalt, die Sinnesfühler erweitern sich zum Gesicht. Gleich den Bäumen, die ihn einfassen, wächst er aus der Erde in den Himmel. Sein Hiersein ist keine Landung mehr, sondern eine Verwurzelung, und doch hält er mit langem Hals Ausschau nach dem Kommenden. Oder ist sein Sein nur noch ein hingebungsvolles Horchen auf die Einflüsterungen des Windes?
Selbstidentische Zeichen
Oben auf der freien Ebene, der Kuppe des Berges schießen die Eisenhalme wie Unkraut aus dem Boden. Natur ist ein autopoietisches System, zu dem alles andere in ein Verhältnis tritt. Sie zeigt nur sich selbst. Alles andere zeigt auf sie und dann auf sich selbst. Aber wenn es die Natur gar nicht mehr gibt, weil ihr ureigenstes Sein – das Eingebettetsein – nicht mehr existiert, dann sind die „Großen Zeiger“ und „Kleinen Zeiger“, „Die Nase der Großmutter“, der „Gedanke“, die „Große Schwangere“, die „Verwandlung“ die einzige Natur, die übrigbleibt als verwaisende Zeichen. Einst sah ich diese Metallzeichen unter den Linden in Berlin stehen. Seltsam einsam, stumm und unsichtbar, übertönt von Schaut-mich-an-Diven der Großstadtreklame. Nur die Japaner, geschult in den Erscheinungen des Fast-Verschwindens, nahmen sich ihrer an und picknickten unter ihnen, als seien es Bäume ihrer Kultur.
Mimikry
Eines Morgens dann stand die „Verwandlung“, teilausgelöscht durch den Wald, im Hintergrund nur sichtbar gegen den Himmel, als Luftnummer vor mir. „Umgekehrtes Mobile“, sagte ein Kunstkenner. Als stünde die Welt auf dem Kopf seit geraumer Zeit. „Sumi-e“, sagte die Japanerin neben mir. Eins ist alles und alles ist eins. Es gibt nur die Verwandlung, alles geht ineinander über. Kurze Erscheinungen auf wandelndem Grund.
Selbstidentische Zeichen II
In einer Welt, in der das Eine an die Stelle des Anderen tritt, in der eine Durchlässigkeit zwischen allen Materialien, Formen und Erscheinungen besteht, in der Denken und Wahrnehmen eins sind, in einer solchen Welt gibt es keinen Unterschied zwischen künstlich und natürlich. Alles ist temporäres Zeichen für anderes. Nur Steuerungszeichen verschließen sich für weitere Bedeutungen. Diese eingelagerten Codes bleiben immer bei sich selbst. Sie zeigen sich als Erst- und Letztformen, wie Helixe und Doppelhelixe. An ihnen prallt die Welt förmlich ab. „A little less conversation“, „A little more action“, „Doppelhelix“ fallen aus der Welt, nicht nur weil sie restlos auf sich selbst gebogen sind, sondern weil an ihrer glänzenden Oberfläche alles Umgebensein abprallt als Spiegelung. Diese Hermesfiguren des kybernetischen Zeitalters, gleich Engel eines Gottes am Mischpult, sind Wesen, die nicht mehr ankommen und deren Botschaft für jene Außerirdischen bestimmt ist, die nie daran denken, hier zu landen.
Die Schmiede
Ein Biegen als Schmiegen. An was schmiegen sich die Eisenstehlen, deren Wachsen ein Setzen ist auf brachen Feldern. Keine Jahreszeiten, kein Wetter hat sie geformt. Die Schwerkraft ist ihnen vorausberechnet, keine kontingente Abweichung der Naturkraft. In die Natur sich hineinbiegen, als wäre man selbst Teil davon bis hin zur totalen Rundbiegung, um ihr gleich und darin autonom zu werden.
Erd- und Erzklänge
Klänge sind immer rund, sind immer geschlossene Kreise und in den Raum geblähte Kugeln. Blasen, die im Äther hüpfen und Melodien formen. Der aus der Erde und durch die Erde aufsteigende Klang ist die Gegenfigur des Sterbens, des Versinkens in der Erde. Dem inkarnierten Metall werden Wellen entlockt, die es schwerelos macht und himmelwärts treibt. Alles ist letztlich Glockenklang bei Paul Fuchs. Tönende Schwerkraft. Die Steigerung von Biegen ist Schwingen und Singen. Während Gaby und Paul sous terrain schlafen, steigen oben durch schwingendes Eisen ihre Seelen in den Kosmos. Jede Nacht ist die dunkel tönende Wiederholung des Tages. Zwei Kreise, der Wachkreis und der Traumkreis, das Sterben und das Auferstehen, Isis und Osiris verklingen in stetiger Wiederholung in der Stille.
Himmelsklänge
Die Trompete eröffnet den Tag, ruft zum Essen und exerziert die Mühsal der gelungenen Form. Hymnische Fanfaren sich wiederholender Läufe beschallen die Weite der Landschaft. Barockes Piccolo vereinigt sich mit dem Blau des Himmels, den filigranen Formen und der reflektierenden Sonne. Alles feiert und wird tänzerisch leicht. Jetzt kommt Paul auf dem Schimmel angeritten und ruft: Auf zum Fotografieren, das Licht ist jetzt besonders gut. Michael Hofstetter, 2008
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