Michael Hofstetter

Venus auf Goldgrund

 

Katalogbeitrag zu Ruth Detzer in "origin storie" Galerie Bezirk Oberbayern

Sie stand einige Meter vor mir. Ein blonder Engel, ausgeschnitten aus einer monochromen, bläulich grün hinterleuchteten matt schimmernden Glasfläche. Sie lächelte ins Nichts, wissend um meinen Blick auf sie. Unter einem edlen weißen Wollschleier, der vorne mit 16 weißen Perlen zusammengehalten war, trug sie ein Paradieskleid. In grober Webung eine Anmutung von Verschwendung. Zwischen dem floralen Muster auf weißem Grund tummelten sich furchtlos Vögel neben Löwen und grasten friedlich Hasen neben Wölfen. Was ist die Botschaft dieses Kleides? Und warum suchte ich nach dem versöhnenden Einhorn darauf? Weil es mich an Tapisserien aus der Renaissance erinnerte? Die ausgeschnittenen Körperteile sind hart aneinandergeklebt. Die Ränder, an denen die Teile aneinanderstoßen, nicht retuschiert. Nichts wurde unternommen, um dem Auge die Illusion eines Übergangs zu bieten. Der Bruch wird nicht verwischt. Das Bild und die Teile zeigen sich offen als Montage. Und dennoch entsteht nicht der Eindruck von aneinandergeklebten Welten und aufeinandertreffenden Unvereinbarkeiten. Nicht der Eindruck eines ausgedachten Bildkommentars. Nicht die anonyme Geste einer gesellschaftlichen Anklage in Erpresserästhetik. Sondern das Gefühl eines Übergangs. Ein Gefühl, dass das eine in das andere fließt, dass die ausgeschnittenen Körperteile metonymisch sich verwandeln. Dass die heiligen Marias, die Pornodarstellerinnen und Babys fließend ineinander übergehen. Dass Dirnenmund an dem Schnitt von Unterlippe zu Oberlippe Engelsmund wird, dass geile Ficktitten sich über den Bruch hinweg in Milch- und Honigspender verwandeln, dass Hände zu Schwänze werden und diese zu Phalli. Und natürlich alles auch umgekehrt. Die Bildzitate erstarren nicht in ihrer visuellen Montage, sondern setzen sich musikalisch in Beziehung zueinander, werden mal mit-stimmig, mal gegen-stimmig. Gekonnt und unverkrampft strickt hier die Künstlerin die Bruchstellen zu einem höheren Rhythmus. Ich schaue auf das Vogelgesicht des blonden Engels. Ist hier das Einhorn, das ich suche? Oder verbirgt sich hier der schwarze Vogel, der mir diesen lockenden Stoff vorführt, damit sich mein Blick verkleben soll mit meinem Begehren. Die Mode ist ein Versprechen auf Wolllust, das sie nie einlösen will. Sie ist der Schein von ekstatischer Verschwendung als praktizierte Frigidität. Oversexed und underfucked, pflegt meine schizophrene Freundin zu sagen, wenn sie nach Sex ruft. Dabei unterliegt meine Freundin einem doppelten Missverständnis, sowohl was die durch sie gespiegelte Schizophrenie der Gesellschaft angeht als auch was den Genuss betrifft. Das wahre Begehren ist dasjenige, das durch das Begehrte nicht befriedigt, sondern vertieft wird. Deswegen verwebt unsere Kultur ständig Versprechen und Entzug. Entzug als höheres Versprechen. Adorno opponierte einst gegen diese Kultur der Dauerverführung: "Kunst ist das Versprechen des Glücks, das gebrochen wird." Die Bildgründe sind meisten schon Bilder. Gewesen – würde man fast sagen wollen. Fundstücke vom Flohmarkt. Darunter auch gebrauchte ikonische Malereien und neo-präraffaelitische Schlafzimmerbilder. Engel und Marias mit und ohne Jesus für den Hausgebrauch. Manchmal mit Goldgrund. Darauf geklebt neue Engel und neue Marias und neue Jesusse aus Modemagazinen und Zeitschriften, ein bisschen nackter und ein bisschen lasziver als die alten, aber auch noch für den Hausgebrauch. Manchmal entstehen aus den Verklebungen Pietàs. Aber ohne Schmerz. Statt des Schmerzes manchmal ein rotes Rinnsal aus Farbe. Einst dachte ich: "Wo die Linie des Bruchs verläuft, dort ist der Ort der Wahrheit." Ist der Ort der Wahrheit in diesen Heiligen-Collagen von Ruth Detzer? Oder in der Künstlerin als gesellschaftlich montierte weibliche Identität oder in der fragmentierten Gesellschaft? Oder ist die Wahrheit selbst verblendet als unhintergehbarer Grund? Ist die Gesellschaft quasi der Goldgrund für die Existenz der Künstlerin, sowie diese der Goldgrund für die Figuren ist, die sie aus den Modemagazinen ausschneidet? Goldgründe ziehen mich von jeher magisch an. Das Geheimnis als Oberfläche. Mich hält die Frau im Paradieskleid immer noch in Bann. Ich bleibe hingezogen, mitunter missmutig mich selbst beobachtend. Diese Verklebung meines Blickes mit ihrem Versprechen macht mich wütend und starr und gleichzeitig verflüssigt sie mich. Dann verliere ich mich wieder blind in ihrem Anblick wie in diesen begehrenssteigernden Collagen von Ruth Detzer. Gibt es eine Verbindung zwischen dem Kleid und der Verkleideten, zwischen dem Bild und der Malerin, zwischen der Botschaft und der Botschafterin? Ich möchte wissen, ob diese heiligen Pornografien, auf die ich schaue, eine Einladung zu Sex auf Goldgrund sind. Eine Verbindung zwischen der Künstlerin und ihren Collagen kenne ich. Es ist mein Blick. Ein männlicher Blick. Sie spielt mit mir. Mein smaragdgrün hinterleuchtetes blondes Geheimnis lächelt immer noch in dasselbe wissende Nichts wie vorhin. Plötzlich greift sie in die Tasche und holt ihr Telefon an ihr Ohr und beginnt zu sprechen. Sie erlischt. Das Gold der Altäre repräsentierte die Heiligkeit als Ortlosigkeit des Tempels. Hier wohnten gemeinsam Heilige und Dirnen. Der Porno weiß auch von der Heiligkeit der Ortlosigkeit, wie auch die Kunst. In Ort- und Zeitlosigkeit ist alles unverfügbar und gleichzeitig verfügbar und alles in alles verwandelbar. Nur das profane Leben als Dienstbarkeit der Reproduktion trennt sich davon. Hier erlosch einst das heilige Schöne. Aber vielleicht ist alles viel einfacher. Vielleicht ist der Riss nicht mehr der Ort der Wahrheit. Weil wir uns schon längst losgelöst haben von einer leiblich-materiellen Geworfenheit und längst auf- und abtreten können mit verschiedenen Rollen in unterschiedlichen Welten wie Kleider, die man an- und auszieht, oder Icons, die man hin- oder überklebt nur um ein Versprechen in die Welt zu setzen. Ein Versprechen, das nichts anderes will als versprechen?


Michael Hofstetter 2014