|
"Booster" ist der Werktitel einer Installation,
die sich mit dem Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit,
Außen und Innen nicht im Sinne einer formalen Zuschreibung, sondern
mit der Aufhebung dieser Gegensätze auseinandersetzt und dabei nach
der Möglichkeit von politischer, sozialer und ästhetischer Aufklärung
fragt. Die konzeptuellen Grundlinien dieser Installation wurden während
eines sechsmonatigen Aufenthaltes in Los Angeles entwickelt.
Los Angeles' städtebauliche Struktur, die binnenräumliche Organisation
und Separation der verschiedenen "Rassen", der Rückzug
von Reichtum in wehrhafte gated communities bzw. gated neighborhoods,
die Erschließung der umgebenden Natur sowie umgekehrt die Gefährdung
von domestiziertem Grund durch die Natur et cetera, hat, was die Zerstörung
des öffentlichen Raumes angeht, modellhaften Charakter. In Los Angeles
stehen nicht wie in einer europäischen Stadt öffentliches Leben
gegenüber Privatleben, öffentlicher Raum gegenüber privatem
Raum, Begegnung, Diskussion und öffentliches Interesse gegenüber
Rückzug, Kontemplation und Familie. Das Öffentliche hat keine
eigene Qualität, sondern ist das (noch) nicht Privatisierte. Die
Verhinderung von Öffentlichkeit durch eine ursupatorische Privatisierung
aller Lebensbereiche einschließlich von Natur, läßt politische,
soziale und ästhetische Fragen zur Meinungssache des Subjekts werden.
Das Politische, Soziale und Ästhetische eben jegliches Außen
verschwindet zugunsten privater Ideologien.
Die Installation verschachtelt ein fiktives Stadtlandschaftsmodell mit
einem Hausfragment. In dieses Hybrid aus Außenmodell und Inneneinrichtung
werden verschiedenste Materialien, Repräsentationsformen und Abbildungsverfahren
montiert. Dabei gehen realräumliche Inszenierungen in illusionräumliche
über. Die Modellandschaft setzt sich fort in Fotografien und Diaprojektionen.
Abbildungsmaßstäbe und Abstraktionsebenen werden ständig
gebrochen. Armorphe Formen konkurrieren mit verschiedensten Rastern.
"Booster" setzt sich mit der Subjektivierung der Wirklichkeit
auseinander. In dem sie Malerei, Objekt, Zeichnung, Tapete, Fotografie,
Leuchtkasten, Diaprojektion gleichwertig nebeneinander ausstellt, stellt
die Installlation das Künstlersubjekt in Frage. Weder hinsichtlich
eines charakteristischen Stils, einer ausgeprägten Handschrift, der
wiederholten Verwendung eines Materials, der Einhaltung eines durchgängigen
Maßstabes oder eines kohärenten Abstraktionslevels läßt
sich die Installation auf der ersten Ebene der Betrachtung auf ein das
Ganze aus sich entlassende Subjekt zurückführen. Diese In-Frage-Stellung
eines Künstlersubjekts, das sich in den letzten Jahren zunehmend
als paradigmatische Instanz an die Stelle zerstörter objektiver Kriterien
setzt und für die verlorene Übersicht der Welt einzig verbleibene
Kategorie zu sein scheint, zielt auf das Subjekt schlechthin. Konsequenterweise
negiert die Installation nicht nur durch die Multiplikation verschiedenster
künstlerischer Handschriften das Produktions-subjekt, sondern auch
das Rezeptionssubjekt. Die Innen-Außen-Innen Schachtelung und die
unterschiedliche Maßstäblichkeit der einzelnen Elemente in
der Ausstellung verhindern einen festen Standort und ein einheitliches
Bezugnehmen des Betrachters. Nur in einer zweiten, analytischen Betrachtungsweise,
welche die Konstruiertheit und die Konstruktion der einzelnen Elemente
nachvollzieht, ergibt sich ein Ausweg aus der inszenierten Unübersichtlichkeit.
Indem die Installation "Booster" alle Repräsentationsmittel
und Maßstäbe gleichwertig in einer Innen-Außen-Innen
Schachtelung vorführt und damit sowohl den ideologischen Stand- wie
Fluchtpunkt von Produzent und Rezipient in Frage stellt, sucht die Installation
nach objektiven Kriterien von Über-die-Kunst-sprechen als Über-die-Welt-sprechen.
Michael Hofstetter, 2000
|