Johannes Meinhardt:

Zehn Jahre Tiefschlaf / Mode und Moderne


Vortrag am 22. März in der Ausstellung `Wir arbeiten immer noch daran, nicht mehr zu arbeiten´ in der Galerie der Künstler, München


Nun denn, meine Damen und Herren, sprechen wir doch zuerst von der jubilatorischen Verkündigung einer neuen münchner Kunst oder einer neuen Kunst in München. Ich möchte dazu nur an einige allgemein bekannte Zusammenhänge erinnern.

Die Mode hat die Moderne von Anfang an als ihr bewusstlose Kehrseite, ihre dunkle Rückseite begleitet. Das, was die wesentlichen Auslöser der theoretischen Moderne gewesen waren, in der künstlerischen Produktion, in der Selbstprüfung des Bewusstseins und in der gesellschaftlichen Analyse, die Selbstreflexion und die Reflexion auf die eigenen Bedingungen und den eigenen historischen und gesellschaftlichen Standort, konnte auch bewusstlos fortschrittsgläubig verstanden werden: als Das Neue. Ein wesentlicher Begriff der Moderne war Das Neue von Anfang an: die Moderne zeigte ihre ersten Regungen in den literaturwissenschaftlichen und poetischen Debatten in Frankreich in der berühmten Querelle des anciens et de modernes, deren grundlegendes Problem die Frage war, ob die bis dahin selbstverständlichen, aus der Antike übernommenen Werke und Normen der Kunst noch länger verbindlich sind. Denn bis dahin waren in der Neuzeit die großen Werke und ästhetischen Diskurse der Antike, vor allem der griechischen Antike, als vorbildlich und unübertreffbar verstanden worden. Die neuzeitliche Kunst konnte deren Normen nur aufgreifen und diese Vorbilder nur wiederholen, ohne sie ernsthaft übertreffen zu können. Alles, was sich im 18. und 19. Jahrhundert Klassik oder Klassizismus nennt, geht von dieser Überzeugung aus.
Der Streit der Alten, die auf die Verbindlichkeit der Antike beharrten, und der Modernen entzündete sich daran, dass sich, vor allem seit 1750, ein deutliches Bewusstsein dafür ausbildete, dass die historische Situation der antiken Künstler und Autoren und die der zeitgenössischen Autoren sich so stark unterscheidet, dass für die völlig andere Lage und die aus ihr erwachsenden neuen Erfahrungen auch neue Artikulationsweisen nötig sind; dass also vermittels der Analyse der eigenen Situation und der Reflexion des historischen Abstandes oder Unterschiedes eine neue, reflektierte und selbstreflexive Theorie der künstlerischen Produktion, aber auch des Selbstbewusstseins und der gesellschaftlichen Analyse geschaffen werden muss. Dieses neue, reflektierte und selbstreflexive Bewusstsein, das seine eigene Situation einerseits durch historisch und gesellschaftliche Analyse, andererseits durch die Reflexion des Abstandes zu anderen Epochen und Gesellschaften erkennt, ist die Grundform des modernen Bewusstseins.

Die Moderne war von Anfang an doppelgesichtig: verstanden als eine Fortführung der Aufklärung war sie grundsätzlich reflexiv, analytisch und kritisch – kritisch im Sinne des Sprachgebrauchs um 1800. Als kritische Reflexion stellte sie die Unvernunft des Glaubens, der gesellschaftlichen Hierarchien und der Normen in der künstlerischen Produktion fest und versuchte, im Weg einer Selbstaufklärung von all dem Rechenschaft abzulegen, was sie im Bewusstsein, in der Gesellschaft, in Kunstwerken vorfindet. Der berühmte `Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit´ ist ein Projekt, das alles bloß Vorausgesetzte, Selbstverständliche, Geglaubte in Frage stellen will. In der Erforschung der Strukturen und Bedingungen von Bewusstsein und Wissen, in der Untersuchung von gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten, vor allem der Ungleichheit der Menschen, in der Kritik an jeder normativen Ästhetik in der Kunst fand das Projekt Moderne seine unendliche Aufgabe.

Das Neue als zentrale Kategorie der Moderne besitzt dasselbe Doppelgesicht wie die Moderne überhaupt: wird das Neue von der Reflexion aus gedacht, von der Reflexion des Unterschieds zum Alten oder Bisherigen, und von der Analyse der veränderten und in diesem Sinne neuen gesellschaftlichen und historischen Bedingungen, formuliert es einen wesentlichen Impuls des Drängens der Moderne: das Neue gibt sich als Differenz zum Bekannten zu sehen, welche zu reflektieren und zu analysieren ist und damit ihren eigenen Reflektions- und Erkenntnisstand vorantreibt. In diesem Sinne ist das Neue das noch nicht Wahrgenommene, noch nicht Reflektierte, noch nicht Erkannte an der sich laufend verändernden Realität; das Neue ist dann eine Art seismographisches Instrument zur Erkenntnis der Wirklichkeit, die in diesem Zusammenhang immer historische und gesellschaftliche Wirklichkeit ist. Als Name für die wahrgenommene Abweichung oder Differenz ist das Neue dann Auslöser von Erfahrung: in der Wahrnehmung des Neuen beginnt der irritierende und selbstentfremdende Gang der Wahrnehmung, der in der begrifflichen Erkenntnis der Veränderung und der Differenz mündet.

Gleichzeitig jedoch war Moderne, bis in den heutigen Sprachgebrauch hinein, auch der Name für die Gegenwart, insoweit sie ohne weitere Reflexion nur wahrgenommen wurde als unterschieden von der Vergangenheit. Moderne ist unlösbar verstrickt mit dem bloßen technischen Fortschritt, dem Fortschritt der Naturbeherrschung und der Naturbeherrschung am Menschen. Technischer Fortschritt liefert ununterbrochen Neues, vor allem neue Güter, und unterscheidet sich in einer sich immer weiter beschleunigenden Bewegung von den Gütern der direkten Vergangenen, stößt sich geradezu vom Jüngstvergangenen ab. Auf diese Weise wird, in einem ersten Schritt, das Neue zur Mode; die Mode geht umstandslos auf das Neue als das scheinbar Fortgeschrittene: "Das Neue ist eine vom Gebrauchswert der Sache unabhängige Qualität. Es ist das letzte Wort der Mode."1 Der Impuls des Neuen, der Antrieb dieser Bewegung ist nicht mehr der Erkenntnisdrang der Aufklärung, das Begehren der Reflexion und Selbstreflexion, sondern der Markt. Was den Markt vorantreibt, ist der Wille zur Realisierung des Mehrwerts der Ware, die für den Markt hergestellt worden ist und allen sonstigen Wert, etwa Gebrauchswert, tendentiell immer weiter verliert. Das hergestellte Neue ist die jeweils neueste Ware, die mit allen Mitteln die Käufer verführen und die etwas älteren, durch sie veralteten Waren verdrängen soll.

Die Idiosynkrasie gegen das Veraltete ist ein wesentlicher Aspekt des Neuen als Ware; das Jüngstvergangene wird verdrängt und beseitigt, ragt nur noch als Altmodisches und peinlich Ältliches in die bewusstlose Gegenwart hinein. "Eine endgültige Perspektive auf die Mode ergibt sich nur aus der Betrachtung, wie jeder Generation die gerade verflossene als das gründlichste Anti-Aphrodisiacum erscheint, das nur denkbar ist."2 Die Idiosynkrasie gegen das gerade Verflossene, das Jüngstvergangene wird durch eine spezifische Ökonomie des Begehrens gesteuert, welche den Kreislauf der Ware auf dem Markt regelt und die mit dem Neuen eine abstrakte, unsinnliche Lust verknüpft. Der Fetischcharakter der Ware, ihr Schein einer Erfüllung durch den Schein eines neuen Gebrauchswerts, verbraucht sich, da er nicht mit realem Gebrauchswert verknüpft ist, in immer schnelleren Zyklen und treibt damit die Abfolge der Moden an: "Die Mode ist die ewige Wiederkehr des Neuen."3 Denn da das Neue als Ware auf dem Markt sich nicht mehr durch Qualitäten des Gebrauchs, etwa auch der Reflexivität oder der Erkenntnis auszeichnet, sondern als Warenfetisch nur noch seine leere Neuheit präsentiert, ist es die unendliche Wiederkehr immer des Gleichen. Das Neue wiederholt sich ununterbrochen, in der andauernden Qual eines sich beschleunigenden Rhythmus von Verheißung und Enttäuschung; da es jedoch im verführerischen Schein befangen bleibt, da es einen realen Wert an Gebrauch, Reflexion oder Erkenntnis immer nur verspricht, aber nicht einhält, wird das Neue zum Trugbild der wesentlichen, der aufklärerischen und reflexiven Neuheit, als dieses Trugbild perpetuiert es sich. Der nicht durchschaute oder nicht durchblickte, nicht verstandene Schein der Neuheit lässt diese so verführerisch werden, dass die immergleiche Verführung, der immergleiche Schein einer Erfüllung die Mode vorantreibt. "Das Neue hat Scheincharakter und fällt zusammen mit dem Schein des ewig sich Wiederholenden."4 Erst Einsicht in diesen Kreislauf der Verführung durch den Schein der Ware, ihren Fetischcharakter, würde es erlauben, aus dieser libidinösen Tretmühle auszusteigen.

Die Doppelgesichtigkeit des Neuen ist gnadenlos: wird das Neue nicht in der Reflexion begründet, ist das Neue nicht Einstieg in einen Erfahrungprozess, der zuerst durch Abweichung oder Veränderung irritiert und zuletzt in einer begrifflichen Einsicht in den Veränderungsprozess selbst mündet, bleibt es nicht etwa nur dumm und unverstanden, sondern verkehrt es aktiv das, was es infiziert, zur Ware. Denn das reflexionslose Neue realisiert sich in der Mode. Oder umgekehrt formuliert: wird etwas unter dem Gesichtspunkt der modischen Neuheit wahrgenommen, ist es schon von der Zurichtung zur Ware ergriffen
"Die Mode schreibt das Ritual vor, nach dem der Fetisch Ware verehrt sein will." 5 Auf diese Weise können selbst die entlegensten und scheinbar ungeeignetsten Bereiche der Wirklichkeit in Waren transformiert werden; das gilt auch für Diskurse, Wissenschaften und Künste. Sobald sie von der Mode ergriffen werden, sobald die Neuheit zu ihrem wesentlichen Charakteristikum wird, verlieren sie ihre immanente Reflexivität und Widerständigkeit. "Die Mode als Mittel, den Warencharakter auf den Kosmos zu übertragen," 6 kennt keine Grenzen ihrer Wirksamkeit. Dem Zusammenhang von Neuheit, Mode, Ware und Markt vermag sich nichts und niemand zu entziehen. "Das Neue ist eine vom Gebrauchswert der Ware unabhängige Qualität. ... Es ist die Quintessenz des falschen Bewußtseins, dessen nimmermüde Agentin die Mode ist. Dieser Schein des Neuen reflektiert sich, wie ein Spiegel im andern, im Schein des immer wieder Gleichen." 7

Entfaltet sich der Fetischcharakter der Ware vollständig, geht die Ware vollständig in Werbung über: in Werbung für sich selbst. Die Ware wirbt für sich, und in dieser Versuchung und Verführung, dem Versprechen eines neuen Konsumglücks, erschöpft und verbraucht sie sich. Der reale Gebrauch, den die Ware verspricht, irrealisiert sich; er wird als Verbrauch, als Konsum zum fetischistischen Schein, zu einem nie eingelösten Versprechen, das sich selbst verzehrt und konsumiert. Zum idealen Modell der Ware wird dann das Kunstwerk – im unklarsten, umgangssprachlichsten Sinn. In Kunstwerken als Waren fällt von vornherein der verführerische Schein, die modische Oberfläche, zusammen mit dem angebotenen Gebrauch: ihr Gebrauch liegt von vornherein im Genuss dieser Oberfläche, dieses verführerischen Scheins, und in den damit verknüpften psychischen Ökonomien: der individuellen Ökonomie des Sammelns, des Aneignens und Besitzens des Einzigartigen, und der gesellschaftlichen Ökonomie des Statuswerts. Im Kunstwerk als Ware verschmelzen die Werbung für die Ware und die Ware selbst. Werbung verspricht Neuheit, und Neuheit irrealisiert jeden tatsächlichen Gebrauch.

Ein weiterer Aspekt der Neuheit in ihrer Verankerung in der Mode ist, ausgehend von der Dialektik des Neuen und des Immergleichen, ihre Verleugnung der Arbeit, der Langeweile, der Vergänglichkeit und des Todes. Die Idiosynkrasie der Mode gegen die eben vergangene Mode, gegen das Ältliche und Veraltete entspringt der Abdichtung des Bewusstseins gegen das Vergangene, das Vergehen und genereller gegen die Vergänglichkeit; und mit ihr gegen die Geschichte und die in ihr verankerte Arbeit der Analyse, der Reflexion und der Erkenntnis. Die Mode ist Wiederkehr des Immergleichen auch darin und dadurch, dass sie das Vergangene, Veraltete vergisst, dass sie eine immer wieder neu entspringende, eine ursprüngliche Gegenwart behauptet – und der Verdacht gegen jeden Ursprung findet in diesem Vergessen ein starkes Motiv. Die Mode ist ewig jung – und besitzt damit die Lebendigkeit der Untoten, der Widergänger und Gespenster. Sie ist eine Vergangenheit, die nie vergehen will, die nie vergehen kann, weil sie sich als völlig neue Gegenwart geriert. Sie ist eine Vergangenheit, die wiederkehrt, gerade weil sie vergessen wurde, weil sie nie reflektiert, erkannt oder verstanden worden war. Sie ist eine Art stehender, erstarrter, abgestorbener Gegenwart: eine bewusstlose Gegenwart ohne Gedächtnis und Vergangenheit, die im leerlaufenden Schein des immer Neuen sich und ihre Geschichte vergisst. Verführt vom leeren Schein des Neuen, verfällt sie der Bewusstlosigkeit; einer Bewusstlosigkeit, die sich selbst als reine Gegenwart versteht oder eher verkennt und die nur manchmal, flüchtig, vom einem leichten Schauder, dem Schauder der Unheimlichkeit gestreift wird.

Dieser Schauder, eine flüchtige Empfindung des nur zu Wohlbekannten im scheinbar und scheinhaft immer Neuen, lässt die Gegenwart des Neuen oder die Mode unheimlich werden. Denn es ist unheimlich, wie sehr das Neue in der Kunst, das soeben verkündet wird, Allzubekanntem ähnlich sieht. Nur die immer aggressivere und hysterische Postulierung der absoluten Neuheit vermag das anwachsende Unbehagen an dieser unheimlichen Bekanntheit zu übertönen, der Bekanntheit von etwas nur allzu Bekanntem. Das, was in der neuen Mode wiederkehrt, der neuen Mode in der Kunst, ist nicht nur künstlerisch längst zur Ware geworden und wird als Ware für den Markt hergestellt; es ist nicht nur in seinen künstlerischen Problemstellungen und Horizonten die Wiederkehr von etwas Längstvergangenem und nie richtig Vergangenem, etwas Latentem; sondern es ist auch – zumindest in einem großen Teil – erfüllt von etwas gesellschaftlich Längstvergangenem und nie richtig Vergangenem, Latenten, einer zu zu Ende vergangenen, wiederkehrenden Vergangenheit.

Und nun, meine Damen und Herren, einige Anmerkungen zum Vergessen; insbesondere zu der lobenswert unbefangenen Feststellung, die Kunst habe in München in den letzten zehn Jahren im Tiefschlaf gelegen. Wenn Kunst zur Mode geworden ist, muss sie neu sein, muss sie als Neuheit für sich werben; Neuheit aber setzt Vergessen voraus, systematisches und aktives Vergessen. Würde das Vergangene zu deutlich erinnert, provozierte dieses Erinnern die Wahrnehmung sowohl der Ähnlichkeiten des Neuen mit dem Alten als auch der Bewegung selbst, die das Neue als Neues hervorbringt und mit allen Mitteln als Neues behaupten muss. Denn Reflexion beginnt damit, das Unterschiede konstatiert werden; Reflexion beginnt mit der Arbeit der Kritik, der analytischen Arbeit des Unterscheidens. Unterscheiden jedoch muss sowohl die Ähnlichkeit als auch die Differenz der unterschiedenen Elemente im Blick haben und behalten, sowohl das sich Wiederholende als auch das Abweichende der verschiedenen Reflexionsgegenstände.

Deswegen muss das modisch Neue alles nur Mögliche dafür tun, all das vergessen zu lassen und zu vergessen, was sich dem Vergessen entgegensetzt oder sperrt, was unterscheidet oder kritisiert, was sich erinnert oder zum Erinnern bringt. Die Idiosynkrasie gegen all das, was nicht neu ist, gewinnt ihre doch ziemlich überraschende Hartnäckigkeit und Zähigkeit aus der Abwehr von etwas, was für die Mode, die Neuheit, den Markt und die Ware außerordentlich bedrohlich ist: das Erinnern, das beginnt, zu unterscheiden, zu analysieren, zu reflektieren. Was das modisch Neue aufs Tiefste verabscheut, aber nur oberflächlich verbergen kann, und was durch die Terminologie der Mode völlig verharmlost und entschärft wird, die Terminologie des Unmodischen, Altmodischen, Ältlichen, Veralteten, ist die Arbeit der Erinnerung, der Kritik, der Reflexion. Deswegen sieht vom modisch Neuen aus gesehen Reflexion immer alt oder altmodisch aus: das Neue, und mit ihm die drei Ökonomien der Warenzirkulation, brechen zusammen, wenn der bewusstlose und atemlose Kreislauf des Neuen durch Erinnerung und Reflexion aufgebrochen wird. Das modisch Neue muss also alles, was alt aussieht, verdrängen, in die Vergessenheit stoßen; und das gilt desto mehr, je mehr dieses Alte deswegen alt aussieht, weil es sich dem Vergessen entgegenstemmt, weil es zur Erinnerung verführt oder Reflexion einfordert. Das Neue muss auf hysterische Weise Vergessen: es muss verdrängen, es muss gewaltsam vergessen, es muss mit allen Mitteln den Blick und das Bewusstsein einschläfern. Deswegen ist es fast nicht mehr möglich zu entscheiden, was an diesem Vergessen Willen zum Vergessen und zum Verschwinden ist, ein Vernichtungswille, und was an ihm schon geleistetes Vergessen ist, Implosion der Erinnerung und der Reflexion.

Die Kunst, die in dieser Ausstellung zu sehen ist, ist nicht modisch; sie ist – im Sinne der hysterisch verdrängenden Neuheit, nicht neu; sie verweigert das Vergessen. Die Künstlerinnen und Künstler dieser Ausstellung sperren sich gegenüber der Neuheit aus Bewusstlosigkeit; ihre Arbeit ist bestimmt vom genauen Hinsehen, Erinnern und Unterscheiden; ihre Arbeit ist kritisch und reflektierend. Gegen die bloße Konsumption schnell verbrauchter visueller Oberflächen setzen sie Sperren und Widerstände; sie entziehen sich der Konsumierbarkeit, der schnellen, bewusstlosen Auffassung als Information, als Erzählung, als Bild. In den bewusstlosen Prozess des Wahrnehmens, Verstehens und Verbrauchens von sinnerfüllten Erzählungen und Bildern, von einfachen Gegenständen der libidinösen Befriedigung, montieren sie Stolperschwellen, Momente, in denen die konsumierende Lektüre steckenbleibt, Momente der Irritation, der Unentscheidbarkeit, der Vieldeutigkeit, Momente, in denen die konventionelle Erwartung an Bilder oder Erzählungen zusammenbricht, in denen der Sinn verlorengeht und der Verbrauch stockt.

In praktisch allen Arbeiten dieser Ausstellungen lassen sich Strategien erfahren und zeigen, welche den Konsum erschweren, indem sie das Funktionieren der konsumierenden Verhaltensweisen selbst wahrnehmbar werden lassen, indem sie die Konstruktion von pikturaler und narrativer Bedeutung demonstrieren, indem sie die psychischen, mentalen, semiotischen und institutionellen Bedingungen von Bild und Erzählung sichtbar machen. Solche Sperren und Stolperschwellen lassen sich in allen Medien errichten, in Fotos, Filmen, Gemälden, Zeichnungen, Installationen. Entscheidend ist jeweils, dass in den bewusstlosen psychischen und mentalen Konsum von Bildern und Erzählungen, also in das bloße Funktionieren von intentionaler Bedeutung in der Sprache und in der Wahrnehmung, Strategien eingebaut werden, die den Konsum stoppen, die das Verstehen abblocken, die den Betrachter irritieren und einer Erfahrung aussetzen: einer Erfahrung, die sich zuerst als Langeweile artikulieren kann, oder als Verunsicherung, oder als Missmut, oder als Enttäuschung – halb gezogen, halb hinsinkend tritt der Betrachter in eine Bewegung der Reflexion ein: der Reflexion dessen, was ihm hier zustößt, und der Reflexion dessen, was er sieht und hört oder eher, was ihm zu sehen und zu hören gegeben wird.

Reflexion ist hier auch ganz wörtlich als Reflexion des Blicks zu verstehen: dem Blick, dem sich sein vertrautes Objekt entzieht, der nicht mehr weiß, was er zu sehen bekommt, beginnt sich auf sich selbst zu richten. Der Blick, der sich selbst gespiegelt sieht, richtet sich auf sich selbst; der Blick erfasst sich selbst, indem er seine eigene Beziehung zu seinem Objekt, seinem Wahrnehmungsobjekt und zu seinem libidinösen Objekt, in den Blick bekommt. Der Blick blickt gleichsam auf die Inszenierung des Blicks, wirft einen lateralen Blick auf die Verbindung zwischen Blicksubjekt und Blickobjekt. Auch hierin ist diese Ausstellung ganz explizit: die Inszenierung des Sinns im Kunstwerk, die Bühne der Präsentation des Kunstwerks wird selbst zum Thema der Ausstellung, wird selbst als Rahmen und Dispositiv präsentiert. Der Blick, der auf sich selbst zurückgeworfen oder auf seine Dispositive abgelenkt wird, beginnt, in einem analytischen Fortschreiten die Inszenierung des Sinns oder den Mechanismus der Sinnerzeugung wahrzunehmen, zu begreifen und zu verstehen.

So unterlaufen die Filme von Veronika Wenger und Andreas Wutz die Konventionen der Narration und des narrativen Sinns, indem ihre Filme auf einen Sinn zu verweisen scheinen, der sich niemals enthüllt, der offensichtlich verborgen bleibt, oder indem sie eine Oberfläche bloßer Ereignisse zu sehen geben, denen jeder narrative Sinn abgeht. So zerstören die Gemälde Stefan Schessl die bildliche Lesbarkeit, indem sie unfassbar, unbegreifbar werden lassen, was sie zu sehen geben. So unterlaufen die Kartons oder Hohlräume von Tom Früchtl die selbstverständlichen Konventionen der Wahrnehmung, indem seine Malerei die automatischen, bewusstlosen Anpassungen, etwa der Lichtstärke und der Farbe, bei der optischen Identifikation von Gegenständen verdoppeln und demonstrieren. So zerstören die Fotos von Barbara Probst die selbstverständliche Aura der Einzigartigkeit und Sinnhaftigkeit des Fotos, indem sie gleichzeitig mehrere Fotos auslöst, die oft auch wechselseitig die reale Aufnahmesituation, die Beziehung von Fotoapparat und Objekt, aufzeichnen. So bringen die Grauwerte von Olaf Probst den Betrachter in eine Situation, in der es ihm fast unmöglich wird, zu entscheiden, was er sieht, was für eine Kategorie oder Gattung von Wahrnehmungsobjekt er sieht; das entzieht jedem Verstehen den Boden. So untersucht Michael Schultze in seiner Brancusi-Arbeit ganz explizit das Verhältnis von Erinnerung, Erwartung, Wahrnehmung und Begehren, welche in ihrem Zusammenspiel erst die scheinbare Positivität und Stabilität der Wahrnehmung erzeugen. So destruieren die Filme von Mary Carroll und die Gemälde von Stephan Conrady die Intentionalität des Sinns der Bilder, und damit die Autorschaft der Bilder, indem sie Verfahrensweisen ins Spiel bringen, deren sichtbares Ergebnis nicht vorhersehbar, nicht geplant ist, und die damit Erzählung oder Bild als einen sehr eigentümlichen Effekt mentaler und psychischer Deutungsmechanismen demonstrieren.

Und geradezu als Emblem dieser Ausstellung könnte man das Foto von Michael Hofstetter mit dem Titel "Ohne mich" verstehen: Ein Foto, das auf mehrfache Weise das nicht zu sehen gibt, was es zeigt, während es darauf reflektiert, was es nicht zeigt. Das Foto zeigt das Bett des Künstlers, aus dem der Künstler verschwunden ist; und dennoch ist er auf doppelte Weise anwesend-abwesend, ist er auf doppelte Weise indiziert: anwesend ist er durch das negierte Personalpronomen "Ohne mich", das zum einen nicht sagt, auf wen es verweist, und das zum anderen noch negiert, auf diese unbekannte Person zu verweisen. Das Personalpronomen wird in diesem Titel als Shifter eingesetzt, dessen Verweisrichtung sich nicht direkt, sondern nur aus dem Kontext erschließen lässt: der Titel wird lesbar, wenn er auf den Autor des Fotos bezogen wird. Aber selbst dann spricht dieser Titel von einer Abwesenheit, einer zweiten Abwesenheit: so wie im Personalpronomen das Signifikat nicht nur abwesend ist, sondern unbekannt, so ist im Bild der Referent nicht nur abwesend, sondern unbekannt. Doch kann dieser Titel ebenso auch selbstreflexiv verstanden werden: der Autor spricht nicht nur davon, dass das Foto ihn nur zeigt, indem es ihn nicht zeigt, sondern er formuliert auch eine Absichtserklärung, die der Existenz dieses Fotos in dieser Ausstellung sowohl widerspricht als auch genauestens entspricht: "Ohne mich" heißt nicht nur: "Ich bin dort nicht anwesend" oder sogar: "Ich nehme hieran nicht teil", sondern impliziert auch: "Nur durch meine erklärte Abwesenheit im Sichtbaren wird die Reflexion dieser mehrdeutigen, zeichenhaften Anwesenheit-Abwesenheit in Gang gebracht".
Anwesend-abwesend ist der Künstler auch auf eine zweite Weise: genau weil dieses Foto aufgrund einer sehr langen Belichtungszeit eine tote, leerlaufende Präsenz aufzeichnet, kann es nicht zu sehen geben, was in ihm nur noch verborgen und unlesbar anwesend ist: die Präsenz des Autors des Fotos und die Präsenz des liegenden oder schlafenden Objekts des Fotos – die beide in Personalunion verbunden sind. Der Künstler kann im Foto nur erinnert werden, indem das Foto auf das hin befragt wird, was es verbirgt: was es aufgrund seiner langen Belichtungszeit verschlungen hat, was es aufgrund seiner wesentlichen Sprachlosigkeit nicht sagt, was es aufgrund seiner leeren Präsenz nicht als Vergangenheit aufzeichnen konnte.

1Walter Benjamin: Das Passagen-Werk, in WB: Gesammelte Schriften, Band V, Frankfurt am Main 1982, S. 1233
2 Benjamin: Passagen-Werk, S. 113
3 Walter Benjamin: Zentralpark, in WB: Charles Baudelaire, Frankfurt am Main 1974, S. 173
4 Benjamin: Passagen-Werk, S. 1223
5 Benjamin: Passagen-Werk, S. 51
6 Benjamin: Passagen-Werk, S. 1222
7 Benjamin: Passagen-Werk, S. 55