Peter T. Lenhart
nichts tun / Nichtstun
eine kurze Geschichte der leisure class von Veblen bis Hartz IV
Zur Eröffnung der Ausstellung "Wir arbeiten immer noch daran,
nicht mehr zu arbeiten" (Galerie der Künstler, München,
11.3.2005)
"Kunst ist schön, macht aber auch viel
Arbeit", hat der Karl Valentin einmal gesagt, und wenn man sich anschaut,
wieviel Mühe hier unternommen wurde, um diese widerspenstigen Räume
zu zähmen oder zumindest vorübergehend in Schach zu halten,
dann ahnt man, wie recht er damit hatte. Daß es nötig war,
sich selber einen Raum zu schaffen, wird jeder nachvollziehen können,
der hier schon einige der regelmäßigen Debütanten- oder
Staatsförderpreisausstellungen gesehen hat wo unterschiedlichste
Arbeiten regelmäßig an den, gelinde gesagt: schwierigen Räumlichkeiten
scheitern.
Die verschiedenen Raum-im-Raum-Konstruktionen bilden einen eigenständigen
Ausstellungszusammenhang, den die "Galerie der Künstler"
nur noch im banal räumlichen Sinn enthält; er entwickelt einen
gewissen Grad an Autonomie gegenüber der Architektur wie der Institution.
Was hier als Gegenlösung zur historistischen Hülle gesetzt wird
ist jedoch auch nicht der Normalfall eines zeitgenössischen Ausstellungsraums.
Dieser entstand ja, wie man weiß, als etwas verspätete Folge
der Autonomisierung von Kunst, und löste die im 19. Jahrhundert gängige
dichte Hängung von Bildern neben- und übereinander ab. Statt
dessen bekam jedes Bild nicht nur seinen eigenen Rahmen, sondern auch
ein eigenes Stück Wand als erweiterten Rahmen, und in der Befreiung
des Ausstellungsraums von allen die Autonomie der Kunstwerke störenden
Faktoren wurde er zum weißen Würfel, zum White Cube
dem paradigmatischen Ausstellungsraum der Moderne, mit seiner Wunderkraft,
die Trennung zwischen Innen und Außen, zwischen Kunst und Nichtkunst
so radikal zu markieren, daß er durch die Überschreitung dieser
Grenze sogar das eine in das andere zu verwandeln vermag. Alchemie Hilfsausdruck.
Dieses Konzept, das in Idealform jedem einzelnen Kunstwerk eine eigene
Wand oder gar einen eigenen Raum gibt (wie in vielen neueren Museen),
wird hier aber ebenso zurückgewiesen wie die historistischen Altlasten.
Denn schau: wo an die Ideologie von der Autonomie nicht mehr so recht
geglaubt wird, da kann man auch nicht so einfach White Cube, was glaubst
denn Du!
Statt dessen werden die einzelnen Arbeiten durch die Architektur und die
Anordnung gezielt in einen Zusammenhang gesetzt, kommentieren sich gegenseitig,
entwickeln Bezüge untereinander und zur Architektur, erzeugen neue
Bedeutungen, aber auch Brüche und Leerstellen. Die Ausstellung wird
für den Betrachter und die Betrachterin zu einem Spielfeld, in dem
Bedeutung und Sinn erst aktiv im Akt des generiert wird. Diese Anordnung
bindet die unterschiedlichen Techniken und künsterischen Positionen
zusammen.
So etwa wenn Olaf Probsts monumentaler Grauwert "meinsnie" (der
seinerseits zwischen Schrift, Dekoration und Bild oszilliert) sowohl Stefan
Schessls rahmenlose, mit selbstbewußter und selbstreferentieller
malerischer Geste bemalte Aluminiumplatten trägt wie auch Anja Thea
Bayers in Rahmen gefaßte, konzentrierte kleine Abstraktionen. Deren
Motive (Verkündigung, Kreuzigung und Pietá) verweisen implizit
auf vormoderne künstlerische Verhältnisse und Bildfunktionen
und hinterfragen so noch einmal die naive Vorstellung einer Universalität
künstlerischer Autonomie.
Dem gegenüber steht Tom Früchtls sich selbst komplett zurücknehmender
Ansatz von Malerei, der lediglich die vorhandenen Lichtwirkungen auf den
Oberflächen im Inneren seiner Box mit malerischen Mitteln auf diese
selbst kopiert andererseits aber auch wieder eine Studie in Grauwerten...
Das Kabinettchen, in dem Stephan Conrady seine immer wiederkehrenden,
verschiedenen aber ähnlichen "Gegenden" zeigt, Motive,
die trotz ihrer Gegenständlichkeit seltsam leer und gleichsam motivlos
erscheinen, ist in diesem Zusammenhang eine letzte ironische Reminiszenz
an den White Cube.
Innerhalb des geschlossenen Würfels schaukeln sich die intertextuellen
Kreuz- und Qerweise zwischen den einzelnen Gegenden in zwei und drei Dimensionen
auf, und vermögen eine ebenso hypnotische Wirkung zu erzielen wie
das dichte Geflecht sich kreuzender und gegenseitig durchdringender Blicke
auf Barbara Probsts großformatigen Abzügen, die ja zudem noch
in Wechselwirkung treten mit den Blicken der Betrachtenden. Erst auf den
zweiten Blick (!) erkennt man jedoch, daß es sich in Wahrheit um
ein und denselben Blick handelt, der lediglich simultan aus vier verschiedenen
Blickrichtungen festgehalten wurde, ein Pan-Optikum also, bei dem durch
die technisch bewerkstelligte Rückbeugung von Gleichzeitigkeit in
räumliche Verteilung eine unmögliche Perspektive erzeugt wird.
Davor dann: Ulrike Flaigs Bodenarbeit "Mein drittes Ohr", spiegelnd,
die nach außen und nach innen alle Blicke zurückwirft, flirrend
und von einer fast außerirdisch abweisenden Perfektheit; aber schließlich
doch irgendwo auch ein Gebrauchsgegenstand, ein "Cocon für Narziß
und Diogenes", in dem der Ausstellungsbesucher sich bequem liegend
zur Lektüre oder Videobetrachtung zurückziehen kann und
sich dabei permanent selbst betrachten.
Liegend bzw. gerade eben nicht mehr liegend sieht man in seiner Fotoarbeit
"Ohne mich" auch Michael Hofstetter. Künstler schon aufgestanden,
Bett leer, aber dank Langzeitbelichtung noch zu erahnen das Verfahren
ist sozusagen konträr zu dem von Barbara Probst: Prozeß und
Ergebnis werden hier in ein einziges Bild zusammengezogen. Hofstetters
zweite Arbeit thematisiert wieder den White Cube, indem der verkleinerte
Nachbau eines Galerieraumes von innen mit den Presseberichten über
diese Galerie bedruckt ist: die Außensicht determiniert das Innere;
denn erst durch komplexe Aushandlungsprozesse zwischen den verschiedenen
Akteuren und Institutionen des Kunstsystems, wozu eben auch die Presse
gehört, kann ein bestimmter Raum mit jener magischen Kraft der Verwandlung
aufgeladen werden, die für den White Cube konstituierend ist. Weil
einfach Raum mieten und weiß anstreichen reicht ja noch nicht aus.
Michael Schultzes Brancusi-Reminiszenzen mögen in diesem Zusammenhang
an dessen wichtige Weiterentwicklung des Skulpturensockels zu einem Teil
des bildhauerischen Werkes erinnern, der den Skulpturen ein eigenes Bezugssystem
schuf, mit dem diese sich in den neuen, puristischen Ausstellungsinszenierungen
besser behaupten konnten. Man kann da eine Verwandtschaft zur Strategie
dieser Ausstellung hier sehen, die sich ja auch ein eigenes architektonisches
Bezugssystem geschaffen hat, in dem sich Werksgrenzen tendenziell auflösen.
In diesem Sinn ist es vielleicht auch zu verstehen, daß Eva Lammers
ihre minimalistischen Zeichnungen, in denen die schlichten Linien, Knoten
und Schleifen eine oft überraschende dreidimensionale Wirkung erzielen,
nicht einfach an die Wand hängt, sondern in soliden Museumsvitrinen
liegend präsentiert - und damit noch einmal die Verhältnisse
von zwei- und Dreidimensionalität, von Werk und materiellem Träger
zum Tanzen bringt.
Andrea Stahls zweistöckige Kiste schließlich ist unter Umständen
als Allegorie auf die gesamte Konzeption der Ausstellung zu verstehen.
Der Betrachter muß bzw. kann auf einem Trampolin so hoch springen,
daß es ihm gelingt, einen Blick in den ersten Stock zu werfen. Dort
wird er belohnt mit der Ansicht einer Projektion von sich selbst
im Sprung. Im Pressefolder heißt es hierzu. "Begehren wird
mit Eigeninitiative, Enttäuschung und Wiederholung gekoppelt."
Eigeninitiative des Betrachtenden liegt auch dieser Ausstellung zugrunde.
Wie vorhin gesagt, "macht" erst der Betrachtende im Umherschweifen
die Bedeutung. Daß diese nie als eine abschließende zu verstehen
ist, mag vielleicht enttäuschen, sicher aber zu weiterem Umherschweifen
anstiften.
All das ist schön, um auf meinen Ausgangspunkt zurückzukommen,
hat aber auch viel Arbeit gemacht, und das obwohl der Titel lautet "Wir
arbeiten immer noch daran, nicht mehr zu arbeiten". Das ist ein ständiger
performativer Widerspruch (außer man verändert die Betonung
ein wenig: "Wir arbeiten immer noch daran, nicht mehr zu arbeiten"
als wir es ohnehin schon tun).
Mit der ersteren Betonung ist es jedenfalls ein großes Versprechen
und wirkt seltsam unzeitgemäß in einer Gesellschaft,
der offensichtlich langsam die Arbeit ausgeht und die trotzdem und mehr
als vorher auf der Arbeit als der zentralen Sphäre der Bedeutungs-
und Identitätskonstruktion beharrt.
Das treibt seltsame Blüten, und die Vorstellung, daß Arbeitsplätze
nur entstehen können, wenn diejenigen, die derzeit ohnehin arbeiten
noch mehr und länger arbeiten, zeigt, wie sehr der Fokus sich fetischistich
ausschließlich an die gegenwärtige Arbeit heftet; in der Vergangenheit
geleistete Arbeit wird marginalisiert, etwa in den berüchtigten Hartz-Gesetzen,
nach denen allen, die derzeit nicht arbeiten gleich viel bzw. gleich wenig
zusteht unabhängig davon, ob eine/r zuvor zwanzig Jahre gearbeitet
hat oder nicht.
Arbeit ist alles und nichts tun ist nichts. Lieber werden die nicht arbeitenden
so lange schikaniert, bis sie auch unsinnige Arbeiten annehmen, Hauptsache,
sie tun nicht länger nichts.
Es erscheint mir symptomatisch, daß sich kaum jemand empört
hat über einen Vorschlag, den Niedersachsens Ministerpräsident
Christian Wulff und sein Innenminister Uwe Schünemann kürzlich
gemacht haben (vgl. http://www.neue-oz.de/_archiv/noz_print/nordwest/2005/01/10169331.html):
um die "gefühlte" Sicherheit der (arbeitenden) Bevölkerung
zu erhöhen, sollte die Polizei ergänzt werden um "Bürgerstreifen",
also Hobbypolizisten, die eingreifen, wenn sich "Bürger durch
Lärm und Schmutz belästigt fühlen", durch "Wandschmierereien,
so genannte Graffitis" und durch "aggressives Betteln".
Für den Fall, daß sich hierfür nicht genug freiwillige
Kandidaten finden, wurde vorgeschlagen, auch unfreiwillige Kandidaten,
nämlich Langzeitarbeitslose im Rahmen von sogenannten Ein-Euro-Jobs
zwangsweise heranzuziehen denen bei Unwilligkeit selbstverständlich
weitere ökonomische Einschnitte drohten.
Arbeitslose auf Bettler loszulassen, vermutlich in der Hoffnung, die untersten
Schichten würden sich dann selbst beschäftigen, anstatt sich
gegen ihre Deprivilegierung zu wehren das ist ein Grad von Perfidie,
den selten ein politisches System erreicht hat. Aber immerhin: alle wären
endlich beschäftigt.
Wobei oft übersehen wird, wie arbeitsaufwendig auch das nichts tun
sein kann noch das Existenzminimum in Form von Arbeitslosen- oder
Sozialhilfe will durch die Arbeit verdient sein, die es macht, ständig
die Unterstützungsberechtigung und die vorhandene Arbeitswilligkeit
zu beweisen; das Ausfüllen von Anträgen, das Einreichen von
Belegen, das permanente Schreiben von Bewerbungen, auch wenn es vollkommen
sinnlos ist; eine Vollbeschäftigung eigener Art und ein erheblicher
Stressfaktor.
Nein, nicht mehr arbeiten zu wollen ist ein Wunsch, der schlecht angesehen
ist in unserer Zeit.
Dabei hatte das "nichts tun" im Sinne von "Nichtstun",
dem man auch gern das Epitheton "süß" anheftet, lange
Zeit einen recht guten Leumund im Abendland. In der Antike war die Muße
eine unbedingt positive Tugend, von der sich der Rest erst ableitete,
als Un-Muße sozusagen, das heißt Arbeit und Tätigkeit.
Sowohl im griechischen als auch im Lateinischen gibt es den Gegensatz
von scholé und a-scholía bzw. von otium und neg-otium.
Es handelte sich damals gewissermaßen um Mußegesellschaften,
in denen eben die Muße das ursprünglich gegebene war, von dem
die Un-Muße erst negativ abgeleitet werden mußte. Das steht
offensichtlich im Gegensatz zu unserer modernen Leistungsgesellschaft,
in der allenfalls von "Freizeit" die Rede ist - im Sinne einer
Zeit, die frei von Arbeit ist, welche hier das ursprünglich gegebene
darstellt.
Diese prinzipiell positive Einschätzung der Muße womit
nicht Faulheit gemeint ist, sondern eine sinnstiftende Tätigkeit
sui generis war nie ganz verschwunden, bis ihr der Wertewandel,
der mit der Reformation einherging doch endgültig den Garaus gemacht
hat. Seit dem 16. Jahrhundert und dem Aufstieg dessen, was Max Weber die
protestantische Arbeitsethik genannt hat, wurde die Tugend der Muße
schnell zu einem menschlichen Laster umgedeutet. Bzw. sogar: zu "aller
Laster Anfang". Wenn wirtschaftliche Produktivität der Kern
eines gottgefälligen Lebens ist, gerät das menschliche Grundbedürfnis
nach Entspannung, Freude, Exzess, Spiel, Fest und Verschwendung in den
fauligen Ludergeruch der schlimmsten Sünde.
Zumindest für die breite Masse der Bevölkerung.
Denn in den meisten Gesellschaften gab es kleine Gruppen, für die
dies nicht galt, weil wegen ihres Standes andere für sie arbeiteten
oder weil sie ohnehin schon genug Vermögen angesammelt oder ererbt
hatten, um den Anforderungen der Gottgefälligkeit auch so Genüge
zu tun. Die Angehörigen dieser Gruppen pflegten nicht nur einfach
der Muße, sondern stellten ihren Müßiggang noch absichtlich
zur Schau zur Sichtbarmachung ihres Status.
Der amerikanische Soziologe Thorstein Bunde Veblen sprach 1899 in seinem
berühmten Buch "A theory of the leisure class" von "conspicuous
leisure", also demonstrativer Muße. Dazu gehörte etwa
das Tragen von Kleidung, in der unmittelbar produktive Arbeit offensichtlich
nicht möglich war, aber auch die Verschwendung von Zeit und Energie
für die Entwicklung und das Erlernen diffizilster Manieren oder einer
weitgehend lebensfremden höheren Bildung. Je nach Status konnte das
so weit gehen, daß im Zuge dessen was Veblen "stellvertretende
Muße" nennt, auch die Ehefrauen, die Familien und Teile der
Bediensteten diese Verhaltensmuster pflegten. Die Diener etwa konnten
kostbare und unpraktische Livreen tragen, die Kinder wurden auf Schulen
geschickt in denen Sie unnützes Wissen als Selbstzweck ansammelten,
die Frauen wurden in enge Kleidungsstücke, Korsette und Tagesabläufe
gezwängt, die es unmöglich machten, auch nur die simpelsten
Verrichtungen selbst auszuführen.
Allerdings verlor in der sich entwickelnden Industriegesellschaft die
Muße als funktionsfähiges Instrument zur Demonstration von
Macht und Erfolg an Bedeutung je weiter die Arbeitszeiten großer
Gesellschaftsschichten sanken und die pro Kopf Einkommen stiegen, desto
schwieriger wurde die Abgrenzung der leisure class nach unten. Statt dessen
entwickelte sich der Konsum zum wirkungsvollsten Mittel, Reichtum abzubilden,
insbesondere der von Veblen so genannte "demonstrative Konsum".
Auch hier eiferten die niedrigeren Schichten den höheren alsbald
nach Veblen bezeichnet diesen allgemeinen Wunsch, die höheren
Schichten durch Imitation ihrer Gepflogenheiten auch im Status einholen
zu wollen, mit den schönen Worten "to ape one's betters".
Da aber Güter im Gegensatz zur (verschwendbaren) Zeit ein endlos
vermehrbares Gut sind, konnten diese "betters", sobald ihre
Konsummuster sich zu weit zu verbreiten drohten, neue Muster ausbilden,
neuen Moden folgen, noch raffiniertere Geschmäcker pflegen, und so
ihren Vorsprung quantitativ in mehr und qualitativ in neueren und teureren
Gütern erhalten. Diese Einholjagd ist gleichzeitig ein wichtiger
Wachstumsmotor der Wirtschaft, die nun einerseits immer neue distinktionsfähige
Güter für die Oberen hervorbringen kann und gleichzeitig billigere
Substitutionsgüter für die restlichen Schichten auch
hier natürlich mit Abstufungen, denn dieses Jagd- und-Fluchtmuster
von Imitation und Distinktion durchzieht die gesamte Gesellschaft.
Status wird bis heute vor allem durch einen je nach Position angemessenen
Konsumstil eingeschätzt, von außen als Anerkennung, von innen
als Identität. Die Deprivilegierten empfinden ihre Situation selbstverständlich
auch als unerträglich, weil es ihnen oft noch am Notwendigsten fehlt
aber vor allem auch deshalb, weil sie am Überflüsigen,
über das sich unsere Konsumgesellschaft definiert, nicht mehr teilhaben
können. Angesichts der heutigen Lage jedenfalls, hat die Aussage
"Wir arbeiten immer noch daran, nicht mehr zu arbeiten" etwas
Subversives, zumindest Irritierendes.
Auf den ersten Blick ähnelt dieser Ansatz jenem der "Lettristischen
Internationale" (also der Vorgängerbewegung der Situationisten).
Damals hieß es in einem Manifest:
"Freizeit ist das wirklich revolutionäre Problem. (...) Da wir
einige Jahre buchstäblich mit Nichtstun verbacht haben, dürfen
wir unsere soziale Einstellung als avantgardistisch bezeichnen
denn in einer einstweilen immer noch auf Arbeit basierenden Gesellschaft
haben wir ernsthaft versucht, uns ausschließlich der Freizeit zu
widmen." Heute, wo immer mehr Menschen wirklich nicht mehr arbeiten,
erweist sich die Einschätzung als Avantgarde zugegebenermaßen
als visionär aber mit einem schalen Geschmack, denn die meisten
Menschen würden ja doch so gerne wieder...
Avantgardistisch war die künstlerische Lebensform allerdings in einem
ganz anderen Sinne, den weder Lettristen noch Situationisten geahnt haben.
Denn die Flexibilität, die die Lebensumstände der meisten Künstler
in der Moderne geprägt hat, also die selbstständige und eigenverantwortliche
Arbeit, unterbrochen durch andere Formen des Erwerbs, die Selbstausbeutung,
die gebrochenen Patchwork-Biographien, die unsicheren und stets prekären
Einkommensverhältnisse, ständige Konkurrenz, mangelnde Alterssicherung,
das tendenzielle Einzelgängertum usw. all das ist unter den
wirtschaftlichen Verhältnissen der flexiblen Akkumulation für
sehr viele Branchen zur Normalität geworden; und inzwischen von seiten
der Politik und der Wirtschaft gar zum Leitbild erhoben (man denke etwa
an die Ich-AGs und die heroisierten Existenzgründer, die überall
beschworen werden).
Glaubt man dem Geographen David Harvey ist dies nur folgerichtig, denn
die derzeitigen Akkumulationsregime basieren auf Flexibilität, "with
respect to labour processes, labour markets, products, and patterns of
consumption. It is characterized by the emergence of entirely new sectors
of production, new ways of providing financial services, new markets,
and, above all, greatly intensified rates of commercial, technological,
and organizational innovation
Die umfassende Flexibilisierung beinhaltet neue Produktionstechnologien,
Organisationsweisen und Arbeitsformen, mit einer insgesamt beschleunigten
Warenproduktion und einem beschleunigten Verbrauch.
Daraus resultiert aber, neben einer Veränderung der wirtschaftlichen
Produktion, auch eine Veränderung der kulturellen Produktion und
Konsumption, gekennzeichnet durch "a much greater attention to quick
changing fashions and the mobilization of all the artifices of need inducement
and cultural transformations that this implies. The relatively stable
aesthetic of Fordist modernism has given way to all the ferment, instability,
and fleeting qualities of a postmodernist aesthetic that celebrates difference,
ephemerality, spectacle, fashion, and the commodification of cultural
forms."
Während kulturelle Äußerungen mehr denn je Warencharakter
annehmen, wird andererseits die Wirtschaft immer stärker kulturalisiert.
Unternehmen definieren sich über ihre Unternehmenskultur, Angestellte
leben in Betriebskulturen, die Foyers von Banken und Versicherungen tarnen
sich als Galerien, Firmenzentralen und Aufsichtsratsbüros sind zwar
nicht öffentlich zugänglich, aber trotzdem oft besser mit hochkarätiger
zeitgenössischer Kunst ausgestattet als manches städtische Kunstmuseum.
Und Kunstmuseen sind eh, über Public-Private Partnerships und Sponsoring
und was weiß ich, Außenstellen der Wirtschaft und ihrer Image-Ingenieure.
Die Wirtschaft übernimmt die Förderung der Kultur, weil der
Staat, aufgrund von Steuererleichterungen und ähnlichen Entgegenkommen
für die Wirtschaft, selber kein Geld mehr dafür hat. Corporate
art.
Computerprogrammierer und Medienagenten führen das selbstausbeuterische
Leben der Bohème, und die Künstler imaginieren sich dafür
in geregelte Arbeitsverhältnisse hinein, organisieren sich in Berufsgenossenschaften
und ärgern sich, daß die Künstlersozialkasse inzwischen
von Germanisten und Programmierern überlaufen ist.
Aber am Ende: der direkte Einstieg in den ganz großen Kunstbetrieb:
der geht dann in unseren Tagen doch eher wieder über das ganz lange
Stillhalten und gar nicht arbeiten, zumindest, wenn man die richtigen
Leute kennt ("In alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen
hat..."); was aber wieder etwas anderes ist als nicht mehr arbeiten.
Paradox gar nix dagegen.
Aber sei's wie es sei.
Wie die Mary Wilson Little gewußt hat:
"There is no pleasure in having nothing to do;
the fun is in having lots to do and not doing it."
Wir würdigen jedenfalls den Wunsch und das Begehren nach süßem
Nichtstun, auch wenn der Weg vielleicht noch ein wenig dauert.
Ist schön, macht aber viel Arbeit.
Ich hingegen schließe mit den Worten von Dings, also Pink Martini:
"Je ne veux pas travailler,
je ne veux pas déjeuner,
je veux seulement oublier,
et puis: je fume."
(Vortragender steckt sich Zigarette an, blickt
nachdenklich ins nur nur noch teils aufmerksame Publikum, nimmt tiefen
Zug, schüttelt Kopf, verläßt Bühne; ärgert sich
ein wenig, Vortrag doch nicht im Strandkorb gehalten zu haben).
|