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Michael Schultze
Hinter geschlossenen Türen
Der Hintereingang, das Remisentor eines Malerfürsten des neunzehnten
Jahrhunderts bildet, als in den Raum hineinversetztes Objekt, den Träger
einer Ankündigung für ein Symposium über Mode und Kunst.
In der Verdoppelung des Remisentors, in dem Übereinanderschreiben
zweier Türen liegt der erste Hinweis von Michael Hofstetters Arbeit
Die Schwelle auf ein Vorgehen, welches sich nährt aus einer ganzen
Reihe von Übergängen und leichten Verschiebungen. Zum Beispiel
denen der Bedeutung von Hintertüren, Hintereingängen und Remisentoren:
in ihrer ursprünglichen Konzeption waren sie Merkmal und Definition
der Trennung von einer den Luxus genießenden und einer diesen produzierenden
Schicht, in ihrer Architektur lassen sich die Klassen- und Produktionsverhältnisse
einer Epoche beobachten, und daneben so will es die Literatur
schlüpfen zu den Hintereingängen die heimlichen Liebhaber herein
und heraus (ein Ort der Romantik also und einer der zentralen Widersprüche
in der Gesellschaft). Jetzt kleben Plakate daran und verbergen das Tor
fast vollständig. Der Luxus wird nicht mehr durch diesen Hintereingang
in das nun Museum gewordene Haus hereingetragen, sondern er wird direkt
an Ort und Stelle produziert. Als Modenschau zum Beispiel, wie uns die
Arbeit vorführt. Oder in Form einer Rhetorik über diesen Luxus.
Nennen wir ihn Mode.
Die Firma Ahlers, eine in Nordrhein-Westfalen ansässige Holding mit
Lizenzverträgen z. B. Pierre Chardin, sponsort seit einer geraumen
Weile das Lenbachhaus München und druckt auf der Rückseite der
Eintrittskarten den bezeichnenden Satz: "Kunst für die Menschen,
für die wir Mode machen". Ein gelungenes Beispiel für Corporate
Identity und Corporate Culture. Der Luxusjuwelier XY feiert schwelgende
Verkaufspartys mit Prominenz im Garten des Hauses, als Gegenleistung trägt
er Sorge um den Garten (denn dieser ist kein Hintereingang). Sponsoring
gehört sicherlich inzwischen zum Alltag des Kulturbetriebs, doch
ist in diesem Fall der Wirtschaftszweig der Sponsoren bemerkensewert.
Hier werden keine Zigaretten oder High-Tech-Produkte subtil beworben,
sondern Luxusgüter Mode und Schmuck. Um bei unser Metapher
der Hintertüre zu bleiben: Die reale Produktion der Luxusgüter
ist längst nach Singapur und Malaysia ausgelagert (hinter die Hintertüre),
ihre fiktionale Produktion aber muß notwendigerweise in einer mit
allen Attributen des Luxus und des Genusses ausgestatteten Umgebung stattfinden.
Im Museum zum Beispiel.
Mode bildet das feine Bindeglied zwischen den Hochkulturproduktionen wie
der bildenden Kunst und der Popkultur. Ihre Klientel rekrutiert sich sowohl
aus Kulturbourgeoisie wie aus Kindern der Straße und der Clubs.
In den Repräsentationen der Mode sind die Kanäle eingewoben,
die eine meistens eingleisige Kommunikation zwischen diesen
antagonistisch geschiedenen Ausprägungen der Kultur ermöglichen.
Aus diesem Grund hat auch eine ganz andere Form
der Auseinandersetzung zwischen Mode und Kunst Eingang in die Institutionen
gefunden als die des corporativen Sponsorings: ein neues Phänomen
mit dem schönen Namen 'Crossover'. Der in den Institutionen angesiedelte
Diskurs um Mode und dessen Bezug zur Gesellschaft, mal mit analytischen
Mitteln, mal mit Affirmativen.1
Daß die in Orten wie dem Museum, der Galerie oder dem Magazin stattfindende
Auseinandersetzung von Künstlern und Theoretikern mit dem Bindeglied-Phänomen
Mode vielleicht nichts anderes darstellt als eine gewendete
Luxusproduktion, die auf den gleichen (falschen) Voraussetzungen basiert
wie das Modesponsoring, bildet das thematische Netz von Hofstetters Arbeit
Die Schwelle. Die Problematik der Darstellung hiervon und der Versuch,
einer festen Zuschreibung zu entkommen, sind ebenso darin eingelagert.
Dazu benutzt Hofstetter äußerst disparate Einzelelemente, deren
auffälligste das große Tor und die darauf montierten Plakate
sind. In den Plakaten wiederum ist der Hintergrund der Fotografien aus
einem anderen Kontext als das, was davor stattfindet. Selbst die Liste
der Vortragenden ist uneindeutig und reicht von linken Kulturkritererinnen
bis zu arriverten Modefotografen Modedesigner selber fehlen gänzlich.
Viele Dinge und viele Kontexte also, fast eine perfekte Darstellung der
Institution Kunst mit ihren wechselnden Koalitionen. Und der einzige Zugang
dazu scheint durch die Hintertür zu sein. Um dort hineinzuschleichen,
verfolgt Michael Hofstetter die Strategie eines 'Encore': durch das extreme
Schichten von Bedeutungen und Referenzen und die Koppelung oder Parallelität
seiner Formen und Methoden spannt er die scheinbar unvereinbaren Dualismen
High und Low, Theorie und Praxis, Darstellung und Ereignis, Objekt
und Fotografie etc. in ein vielfältig lesbares System ein,
welches die jeweilig grundlegenden Ideologien aufzeigt und in ihrer Unvereinbarkeit
nebeneinanderstellt.
Dieses Vorgehen formuliert ein Gegenmodell zum modernistischen Prinzip
der Collage, in der alle Einzelelemente, analog zur Montage im Film, in
einem gemeinsamen Ganzen aufgehen und eine neue Aussage formulieren. Dieses
synthetische Prinzip verkehrt Hofstetter in sein Gegenteil: Die Produktionslogik
der Montage/Collage wird überführt in ein analytisches Nebeneinanderstellen
der Elemente, in der der Betrachter seine persönliche Verortung vornehmen
muß: ein indexikalisches Aufzählen diverser künstlerischer
Praktiken, welche durch die Anwesenheit im institutionellen Ausstellungsbetrieb
jegliche Form von kritischem Potential eingebüßt haben. Eine
Rezeptionslogik, in der das Graben in verschiedenen Kontexten und Bezügen,
das subtile Verweben von scheinbar an der Oberfläche liegenden Modellen
innerhalb der Kulturproduktion den Katalog von Dispositiven bildet, an
dem sich zeigt, wie die verschiedenen Einzelideologien von Kunst, Mode
und Theorie in der Institution zu einem feinen Schleier zusammengewoben
wurden und in dem es keine (zumindest keine leichte) Positionierung mehr
gibt. Ein endloses Mäandern durch die fluktuierenden Verhältnisse
zwischen der Institution, den darin behandelten Inhalten, ihrer Repräsentation
und ihrer Ideologie.
Greifen wir ein paar Elemente heraus: Das Objekt, auf der die Plakate
montiert sind, schrumpft den Ausstellungsraum auf eine qausi zweidimensionale,
flächige und semantische Ebene zusammen. Der Galerieraum findet also,
in der Rezeptionslogik der Arbeit, in der fiktiven (und ideologisierten)
Ebene des Plakates statt, in der Ankündigung des Symposions. Das
Plakat mimt und besetzt gleichsam den Galerieraum und versucht, eine aufklärerische
und kritisch/theorietische Position einzunehmen. Eine Position, die äußerst
problematisch geworden ist, wie die Fotografien zeigen, die den Hintergrund
des Plakates bilden. Auf ihnen posieren Models
in demselben Raum, dessen Wände mit einem durchlaufenden Text bedeckt
sind. Diese Wandbeschriftung besteht aus extrahierten Zitaten von Künstlern,
die in München Kunst-am-Bau-Projekte durchführten.2
Die vor dieser 'Tapete' aufgenommenen Models mimen die standardisierten
Gesten der Modefotografie in einem 'Textraum', in dem ein metaphorischer
Konflikt stattfindet zwischen den Künstlerstatements und der 'sinnlichen
Präsenz' der korporativen Modefotografie. Die 'eigentlich' im Raum
anwesenden Kunstwerke sind gleichsam ausgetauscht durch die Models, und
natürlich läuft hier Hofstetters Arbeit sehenden Auges in die
eigene selbstgestellte Falle: dieser simple Austausch von (handelbaren)
Kunstobjekten zu theoretischen Konstruktionen oder einer wahlweise medial
vermittelten oder 'relalen' Realität kann in der Arbeit auch wiederum
nur durch einen, wenn auch komplizierten, Kniff der Repräsentation
geschehen so die Logik des Ausstellungsraumes. Daß das Vorführen
genau dieses Paradoxons eine der zentralen Momente der Arbeit bildet,
zeigt sich, wenn man erfährt, daß dieses Symposium nie stattgefunden
hat, so daß die Arbeit quasi nur durch ihren fiktionalen und repräsentationellen
Charakter ihre Funktion erfüllt.
Hier überführt sich diese Widersprüchlichkeit in der Betrachtung
in die Gurndkonstitution der gesamten Arbeit: des Widerspruchs der Institution
Museum, in dem die Inhalte als signifikante Rhetorik den Hintergrund liefern,
welcher sämtliche Antagonismen nivelliert und alle ursprünglich
radikalen und subversiven Gesten auslöscht.
Das Zurückdampfen relevanter Inhalte und Diskurse auf eine reine
Metapher, in der jede Bezüglichkeit nurmehr den Status eines rhetorischen
Aktes erhält, ist die Grundlage jeder Institution. Hofstetters Arbeit
beschreibt eine Möglichkeit, mit diesem Phänomen umzugehen:
durch die enorme Referentialität seiner Arbeit, die quasi eingebaute
Überkodierung und seinen fiktiven Charakter, der weiterhin einer
institutionellen Produktionsgeste gehorcht, wird ein Pluralismus in der
Rezeption evoziert, in dem der Betrachter seine eigene Geschichte und
eine mögliche Haltung dazu entwickeln kann und muß.
1
Daß das Sprechen über Mode nicht automatisch etwas mit einer
Realität im z. B. sozialen Sinne zu tun hat, und daß die meisten
dieser Repräsentationen ausdrücklich auf bestimmte Codes der
Kunst verweisen, ist auffallend oft zu bemerken. Vanessa Beecroft z. B.
hat uns in der Made in Italy-Show im ICA in London hervorragend vorgeführt,
was der ganze Hype mit den (wirklich sehr realen) Models taugt: sie dienten
als Ornament für ihre Zeichnungen, die dann doch wieder das 'eigentliche'
Objekte der Ausstellung waren, Ware und Kunstwerk im traditionellsten
Sinn.
2
Die Künstlerzitate bilden einen nahezu perfekten Katalog künstlerischer
Strategien (fast alle kreisen um einen Begriff von künstlerischer
Autonomie, der historisch fragwürdig geworden ist), welche sämtlich
in der großen Archivmaschine Museum gelagert sind (um genau zu sein,
in einem Buch, verlegt von Helmut Friedel, dem Leiter der Städtischen
Galerie im Lenbachhaus, in welcher die Arbeit situiert war was
den den Kreis ein wenig schließt bzw. den Kontext herstellt). Sind
die Inhalte und Methoden erst einmal in diesem Apparat, so stehen sie
(laut Hofstetter) nicht mehr in einem konkurrierenden Verhältnis,
sondern sind nur noch archivarisches Material, beliebig austauschbar und
volkommen redundant, nurmehr die ornamentale Tapete, vor der wiederum
die nächste Debatte stattfinden kann.
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