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Ilka Becker
Michael Hofstetter, Kino
Kino.
Galerie Otto Schweins , Köln 24.4.-13.6.'98
Michael Hofstetter bedient sich bei der Erstellung von "Kino Kino",
wie auch schon in den Installationen "Oram
Littoris Primi Lego" (1990) und "Die
Wachheit des Traums" (1993), des alten Verfahrens der Camera
Obscura, um den Straßenzug entlang des Broadway-Kinos durch ein
im Fenster abgeklebtes Loch auf eine Wand des hinteren Galerieraums zu
belichten. Der etwa fünf Stunden dauernde Vorgang resultierte in
einem dezenten, spiegelverkehrt auf dem Kopf stehenden, perspektivisch
verzerrten Bild eines Ausschnitts urbaner Architektur in hellen Grautönen,
einer Projektion des Außen nach innen durch das Nadelöhr der
Lochkamera. Die Fassade des Broadway-Kinos diente gleichermaßen
als Kulisse, die Passanten ihrerseits als Statisten, die jedoch in ihrer
Flüchtigkeit keine sichtbaren Spuren auf der lichtempfindlichen Schicht
hinterlassen. Auf dieser und zwei weiteren Wänden installierte Hofstetter
in dilettantischer Manier gemalte Aquarelle: skizzierte Statements zu
Logos und Images aus der TV-Werbung oder solchen, die ihren Weg über
die Kulturvermittlung dorthin gefunden habendas ORF1-Logo, der Dürer-Hase,
oder gar ein Portrait Nan Goldins (das sich an dieser Stelle wie ein systemkritischer
Seitenhieb in Richtung Kunstverwertungsindustrie liest) Bilder
aus dem Pool kollektiver visueller Wahrnehmung. Ein Video zeigt eine Computeranimation
mit Texten zum Thema "Soll Kunst Spaß machen?". Aus dem
Lautsprecher des Monitors klingt gleichzeitig die Stimme Hofstetters in
altmodischem, an die Sprache von Erzählern in Literaturverfilmungen
erinnerndem Stil: Er berichtet in der Innenperspektive einer erlebten
Rede von einem Künstler, der U-Bahn fährt, der über den
Blick einer Frau, über die Entstehungsmodi seiner Arbeiten reflektiert
und darüber, daß er vom Fernsehen zu einem Interview über
seine Ausstellung im Lenbachhaus eingeladen wurde. Mögliche Strategien
der Selbstinszenierung im Medium Fernsehen werden durchgespielt und der
als Selbstzitat ins Feld geführte Künstler wägt ab, was
von ihm erwartet wird und mit welchen Zuschreibungen er sich präsentieren
sollte. Für die Rauminstallation "Die
Schwelle", 1997 im Münchner Lenbachhaus realisiert, hatte
Hofstetter eine ebenfalls kontextualisierende Setzung vorgenommen, indem
er Ankündigungsplakate für ein fiktives Symposium über
Kunst und Mode drucken ließ, das angeblich vor der Ausstellung stattfinden
sollte und für das "hochkarätige" Teilnehmer wie Vanessa
Beecroft und Laura Mulvey angekündigt wurden. Die Bemühungen
gehen offensichtlich dahin, Kategorisierungen im Kunstbetrieb zu hinterfragen,
systemimmanente Kritik zu betreiben und die Rolle der Medien bei der Vermittlung
kultureller Phänomene herauszugreifen. Zu diesem Zweck wählt
Hofstetter die Methoden der Verschachtelung, Verschränkung und Zerstreuung,
und nicht von ungefähr thematisiert er mehrfach den Blick: im Erzähltext
des Videos, mittels der CameraObscura-Technik und dem zentraJen Sujet
Kino. Die Objekte werden in Form von Bildern, Videos, Leuchtkästen
und Schrift solchermaßen gestreut, daß sich die über
zwei Räume konzipierte Schau einem vereinnahmenden Zugriff des blickenden
Betrachters entzieht. Hofstetter geht das Wagnis ein, ein Begriffsfeld
von Institutionskritik bis zu Kontextverschiebung auch auf textueller
Ebene aufzutun: Er inszeniert eine Flut von sprachlichen und visuellen
Zeichen um die Begriffspaare innen und außen, privat und öffentlich,
Fiktion und Wirklichkeit, Bild und Abbild, als solle jeder Seitenpfad
im einem Labyrinth von Referenzen zumindest irgendwie angegangen werden,
um dem Anspruch auf Heterogenität genügen zu können. (Paradex
0/ Juni 1998)
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