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Alice Koegel
Soll Kunst Spaß machen?
Michael Hofstetters Raumassemblage "Kino Kino"
Es ist naheliegend, in der Galerie Otto Schweins das gegenüberliegende
Broadway zu reflektieren. Der in München lebende Künstler Michael
Hofstetter (Jahrgang 1961) spiegelt und fixiert das Kino, Ort der bewegten
Bilder und fiktionaler Realitäten, mit Hilfe der Camera obscura-Technik
im Galerieraum, Ort der Beobachtung und Präsentation.
Mit der »black box « der Kamera projiziert er den Außenraum
in den »white cube« des Ausstellungsraums - auf den Kopf gestellt,
ins Negativ gekehrt, im Tapetenformat. Abgelichtet wird Statisches. Augenblicksmomente
und Bewegung entgehen der Abbildung. Haften bleibt ein gegenüber
der Wirklichkeit verschobenes fragmentiertes Bild eigener Realität.
Schon der Ausstellungstitel »Kino Kino« verweist auf die Ebene
von Spiegelung, auf das Verhältnis von Bild und Abbild und das Verwirrspiel
von Fiktionalität und Realität. Auch »Castmember«,
eine an Filmstreifen erinnernde Wandarbeit in Hofstetters Raumassemblage,
thematisiert die Verwandlung erlebter in eine geschaute Welt.
72 Schwarz- Weiß-Fotokopien konfrontieren den Betrachter mit der
Frage nach eigener Erwartungshaltung und Erlebnissehnsucht: Liebe - Sinn
- Heil- Trost - Protest - Spaß. Was hier fragmentarisch ebenso wie
kontextuell gelesen werden kann, verdichtet sich in zwei Videobändern
zu Hofstetters » Manifesten«, die zeitgleich in animierten
Einzelclips und kafkaeskem Voice-over an die Grenzen simultaner Wahrnehmungsfähigkeit
rühren. Über geometrisch-dekorativen Bildanimationen umkreisen
Lichtpunkte Begrifflichkeiten des Betriebssystems Kunst, Rahmenbedingungen
der Kunstproduktion und -rezeption und die Rolle des Künstlers -
auch die seines eigenen Mythos. Hier spiegelt sich mediale Fiktionalisierung
von Wirklichkeit, wenn Bilder scheinbar beliebig mit Begriffen verknüpft
werden. So blenden Schlagworte wie "privat" und "öffentlich"
ineinander. Das Hermetische der kontextbezogenen und kontextreflexiven
Arbeiten öffnet sich als Projektionsfläche für den Betrachter.
Für Hofstetter geraten seine Arbeiten zu " Attrappen" von
an ihnen "selbst festzumachenden (möglichen) Diskursen oder
an ihnen zu habenden Spaß". Ob der fiktive öffentliche
Diskurs "Soll Kunst Spaß machen ?" umschlägt in empfundenen
Genuß, ist nicht zuletzt eine Frage nach der Funktion von Bildern
und der eigenen Betrachtung. Unterbrochen und überlagert werden die
Wandarbeiten Hofstetters von Aquarellen und Cibachromen, die gleichsam
die Medienrealität und die Beziehung des Subjekts zur Welt vor Augen
führen - wie die in "Channel 4" aus dem fahrenden Zug wahrgenommene
Landschaft. Sie schließt den Betrachter nicht mehr ein, sondern
ist nur noch Kulisse und Teil seiner Lebensinszenierung. Bilder - ob auf
der Kinoleinwand oder im Galerieraum - können sich in wenigen Stunden
verflüchtigen. Nachwirkung ist freilich nicht ausgeschlossen. Zeit
verlangt indes die Betrachtung von Hofstetters Raumassemblage.
Stadtrevue 6/98
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